04.03.2004 · Ob „Big Brother“ oder manche Talkshow - in den kruden Programmauswüchsen der Privatsender wird Gewalt gesät, die Ernte folgt später. Man muß damit um der Gesellschaft willen einfach aufhören.
Der Zusammenhang läßt sich nicht direkt herstellen, ist aber auch nicht weit hergeholt. In Krefeld ist Rosenmontag ein grausames Verbrechen geschehen: Ein junger Mann soll, den Erkenntnissen der Polizei folgend, seine Frau erwürgt und seine neben der Leiche liegende, sieben Monate alte Tochter schreiend am Tatort zurückgelassen haben. Erst eine Woche nach der Tat ging die Polizei in die Wohnung, das Kind war wundersamerweise noch am Leben.
Es ist nur eines von mehreren dieser Tage zu meldenden Verbrechen an Kindern; ein junges Ehepaar in Norddeutschland ließ, so eine andere Polizeimeldung, seinen elf Monate alten Sohn verhungern. Eine Etappe in der traurigen Geschichte der erwürgten Mutter aber hat mit den Medien zu tun und wirft abermals als denkbar trauriger Anlaß die Frage nach der Verantwortbarkeit bestimmter Unterhaltungssendungen auf. Vor einem halben Jahr nämlich, am 17. September 2003, war besagtes Paar aus Krefeld bei RTL zu Gast in der Talkshow von Oliver Geissen und unterzog sich dort einem - Vaterschaftstest. Ein solcher ist inzwischen als Unterhaltungsgegenstand bei vielen Sendern im Programm, bei RTL 2 ging es los, in den Talkshows von Pro Sieben und Sat.1 lief es weiter, und bei Oliver Geissen, dem Strahlemann von RTL, hört es nicht auf.
Verquere Logik
Es ist nicht anzunehmen, daß die hier erwähnte Tat direkt mit dem Fernsehen zu tun hat. Beim Sender heißt es, die Eheleute hätten die Show seinerzeit als glückliches Paar verlassen, habe sich doch herausgestellt, daß der Gatte der Vater des Kindes war. Doch beantwortet das die Frage nach der Verantwortbarkeit solchen Treibens nicht im Grundsatz. Und es ist schon komisch, welche rhetorischen Verrenkungen der Jugendschutzbeauftragte von RTL, Dieter Czaja, macht, als wir ihn fragen, ob man Vaterschaftstests im Fernsehen, wenn nicht verbieten, so doch einfach sein lassen sollte - wegen der möglichen Folgen für Vater, Mutter und Kind. "Eine grundsätzliche Ablehnung halten wir für nicht zu begründen und abwegig", sagt Czaja. Unter der Voraussetzung, daß alle Beteiligten vorher zustimmten, sei der Vaterschaftstest okay. "Mit diesen Sendungen", so Czaja, "wollen wir helfen, bestimmte Konflikte einer guten Lösung zuzuführen."
Man gehe zudem sorgsam mit dem Ergebnis des Vaterschaftstests um; Kinder, schon gar nicht die im schulpflichtigen Alter, sollten damit nicht konfrontiert werden. Die Sprößlinge der in den Shows erscheinenden Paare seien deshalb in der Regel nur zwischen ein und drei Jahren alt. Diese verquere Logik muß man langsam auf sich wirken lassen und dann an die nächste Geschichte aus der "Bild"-Zeitung denken, die von einer bereits am ersten Fernsehabend sich sehr offenherzig gebärdenden Zweiundzwanzigjährigen handelt, die ein ganzes Jahr lang im Container von "Big Brother" mitmischen will und deshalb ihren zweijährigen Sohn bei den Großeltern abgegeben hat.
Hier wird Gewalt gesät
Daß er dort wahrscheinlich besser aufgehoben ist als bei einer Mutter, die ihre Chance zum Ruhm bei RTL 2 sucht, könnte einem nun einfallen, um abermals die Frage nach der Verantwortbarkeit, dem Verantwortungsbewußtsein der Macher, ja nach der Moral dieses unseligen medialen Eiertanzes abzuwenden. Doch es gibt nun einmal keinen Grund, mit Menschen so umzugehen, wie es hier geschieht, auch wenn eine dralle Moderatorin bei RTL 2 dazu noch so viel nette anzügliche Bemerkungen macht und Oliver Geissen in der "Bild"-Zeitung an diesem Donnerstag seiner persönlichen Erschütterung und seiner Sorge um das Kind der Ermordeten Ausdruck geben will.
Doch wird das etwas ändern? Nichts! Nach dem Mord, den eine Show des berüchtigten amerikanischen Talkmasters Jerry Springer nach sich zog, haben sich die Dinge dort auch nicht zum Besseren gewendet, im Gegenteil. Dort wie hier wird Gewalt gesät, die Ernte folgt später. Man muß damit um der Gesellschaft willen einfach aufhören. Und dann können wir auch wieder über diesen schönen "Code of Conduct" reden, diesen Verhaltensdekalog, den sich die Privatsender vor Jahren gegeben haben, um Auswüchse zu vermeiden. Von diesem geduldigen Papier hört man immer erst, wenn es zu spät ist. So wie jetzt.