31.08.2004 · Die zweite Chance: Anke Engelke kehrt nach einer Sommerpause mit ihrer Late-Night-Show ins Fernsehen zurück - mit teilweise verändertem, „weiblicherem“ Konzept. Das dürfte nur nicht jeder gemerkt haben.
Von Jörg ThomannZeit war es ja, daß wir den Kaiser Franz mal von einer anderen Seite kennenlernen, nicht nur als den vergötterten Sportstar, sondern als Menschen. Also stellte Reinhold Beckmann an diesem Abend lauter Fragen nach dem ganz privaten Franz, wie er so lebt, wann er morgens aufsteht (sechs, halb sieben), wann er Urlaub macht (höchsten mal ein, zwei Tage), wie oft er zuhause ist (derzeit praktisch nie). Um Sport ging es auch ein bißchen, weil ja gerade Olympia war, weshalb Beckmann wissen wollte: „Ist Doping auch 'n Thema beim Fußball eigentlich?“ Und an einer Stelle, als Beckmann Beckenbauer darauf ansprach, daß er im ganzen Gespräch noch kein einziges Mal „Schau'n mer mal“ gesagt hatte, da mußte das Studiopublikum sogar richtig lachen.
Studiopublikum? Bei Beckmann? Moment, es war ja überhaupt nicht Reinhold Beckmann. Es war Anke Engelke. Anke Engelke, die am gestrigen Montag nach einer dreiwöchigen Sommerpause wieder mit ihrer „Late Night“ auf den Bildschirm zurückgekehrt ist und, wie einige Medien wußten, ihre „letzte Chance“ nutzen soll, mit einem teilweise veränderten Konzept. Welches uns, zumindest im zweiten Teil der ersten Nachsommerpausensendung, fatal an „Beckmann“ erinnerte, bei Engelkes treuherzigen Fragen an Beckenbauer ebenso wie bei ihrer Plauderei mit Til Schweigers Ehefrau Dana, der wir entnahmen, daß die Schweigers ein schönes Haus in Hamburg haben und Til vom Pferd gefallen ist, was aber nicht so schlimm war. Gelacht wurde während dieses zweiten Gespräches, wenn wir uns recht entsinnen, gar nicht.
Gut, auch ein anderer, inzwischen abgetretener Late-Night-Talker, dessen Namen wir jetzt gar nicht erwähnen wollen, war in den Gesprächen zu seinen Gästen meist erstaunlich nett. Aber damals sprangen für die Zuhörer wenigstens ein paar Pointen heraus.
Festhalten am Camcorder
Mit letzteren ging Anke Engelke auch bei ihrem Anfangsmonolog äußerst wirtschaftlich um. Die deutschen Olympioniken hatten am Ende Schwielen an den Händen, aber nicht wegen des Trainings, sondern weil sie den Gegnern so oft gratulieren mußten? Das reichte für ein paar dankbare Lacher des Publikums. Weil sich die Athleten bei der Abschlußfeier alle gegenseitig filmten, betrat auch Engelke mit einem Camcorder die Bühne, wußte aber damit weiter nichts anzufangen. Vielleicht brauchte sie das Gerät, um sich an etwas festhalten zu können. Es ist ja richtig, daß Anke Engelke, vielleicht aus Mangel an Zynismus, zur klassischen, tagesaktuellen Stand-Up-Comedy nicht taugt; diesen Part ersatzlos zu streichen, kann aber auch nicht die Lösung sein.
Dem Medienrummel um das veränderte Konzept mit kleinerem, „weiblicheren“ Studio und den Kritikern, die der ersten Sendung vom Montag kaum weniger Aufmerksamkeit widmen würden als der allerersten, versuchte Engelke im Stile ihres Vorgängers mit Selbstreferentialität zu begegnen; das magere Resultat waren ein T-Shirt mit dem Aufdruck „klein. weiblich. gut“ und ein überflüssiger Seitenhieb auf die Kollegin Barbara Schöneberger.
Ansonsten blieben die vorab vieldiskutierten Veränderungen unentdeckt. Die Erwartungen ins Leere laufen zu lassen, ist ja ein bewährtes Late-Night-Stilmittel: Immer dann, wenn das Publikum sich sicher war, daß etwas ganz Großes passieren würde, dann tat Harald Schmidt - jetzt ist der Name doch noch gefallen! - einfach gar nichts. Da aber hatte er längst einen Status erreicht, von dem Anke Engelke als Late-Night-Talkerin noch weit entfernt ist; für sie ist gar nichts deutlich zu wenig. Studios zu verkleinern und Schreibtische zu verrücken, mag ja schön und gut sein; es hilft aber nur wenig, wenn der Gastgeberin, die auf anderen Gebieten Großes geleistet hat, das Format einfach nicht paßt.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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