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Wellenreiter Ein Herz für Männer

23.10.2003 ·  Eine geniale Idee: Man erfinde einen Preis, gebe ihm einen klangvollen Namen („World Award“), mache einen bekannten Mann zum Präsidenten - und die PR-Maschine läuft. Obwohl das Konzept - ein Preis nur für Männer - ziemlicher Unfug ist.

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Was für ein Abend! So viele große Namen, so viel Glamour: Placido Domingo war da, Morgan Freeman, Michael Douglas, Karl Lagerfeld. Sie alle und noch viele mehr betraten am Mittwoch abend die Bühne der Hamburger Musikhalle und nahmen ihre Preise entgegen. Und so viele bewegende Momente: Der Magier Siegfried versprach, seinem schwerverletzten Partner Roy den Preis ans Krankenbett zu stellen, der im Rollstuhl sitzende Schauspieler Christopher Reeve sprach von seinem Lebensmut, der ehemalige polnische Präsident Walesa lobte den ehemaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Sogar der einstige Sänger Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt, tauchte aus der Versenkung auf. Und warum das alles? Wegen der diesjährigen „World Awards“.

Die wer? Die „World Awards“. Noch nie gehört? Dabei werden sie doch schon seit dem Jahr 2000 vergeben, und zwar an Männer, die dazu beigetragen haben, die Welt zu verändern - und zwar zum Besseren. Und wenn es heißt „Männer“, dann bedeutet dies tatsächlich: nur an Männer. Frauen dürfen bei den „World Awards“ einzig Preise überreichen oder im Publikum sitzen. Eine seltsame Veranstaltung, fürwahr - doch gleichzeitig eine geniale Idee, hinter der, wie könnte man es anders erwarten, eine Kommunikationsagentur steckt.

Neue Rolle für den Mann

„World Connection“ nennt sich die Wiener Agentur, deren Geschäftsführender Gesellschafter Georg Kindel die „Awards“ ins Leben rief, um „das Image und die Rolle des Mannes weltweit zu verändern, denn Krieg und Gewalt sind nach wie vor Domänen der Männer“. Eine dreihundertköpfige Jury vergibt die Preise dann auch an Männer, die man mit Gewalt und Krieg überhaupt nicht verbindet - im Gegenteil. Steven Spielberg, Karlheinz Böhm, José Carreras, Simon Wiesenthal, Papst Johannes Paul II.: Von den großen Namen und der Würde der bisherigen Preisträger wird der Kritiker schier erschlagen.

Dabei könnte man zum Beispiel einwenden, daß die Auswahl der Preisträger, mehr noch aber die Bezeichnungen der Preise durchaus beliebig anmutet. Wieso bekommt der Schauspieler Michael Douglas einen „World Actor Award“, der Schauspieler Morgan Freeman aber einen „World Artist Award“? Warum bekommt Placido Domingo einen „World Achievement Award“ und keinen „World Music Award“? Warum bekommt Christopher Reeve, der eigentlich noch gar nicht so alt ist, einen „Lifetime Achievement Award“, und was um Himmels Willen ist der „World Artist Award for Lifetime Achievement Award“, den die „Bee Gees“ einstecken dürfen? Wieso bekommt Lech Walesa, der im politischen Geschäft nicht eben als zartbesaitete Natur gilt, einen „World Tolerance Award“? Und warum heißt der Preis, den der Radler Jan Ullrich für seine „Fairneß“ bekommt, „World Connection Award“? Weil er die Verbindung zu Lance Armstrong nicht abreißen ließ?

Gigantischer PR-Coup

Ohne die Verdienste all der großen Männer schmälern zu wollen: Man wird das Gefühl nicht los, daß die „World Awards“ vor allem ein gigantischer PR-Coup sind. Dessen Fundament war es, den Friedensnobelpreisträger Gorbatschow mit ins Boot zu holen, der in der russischen Politik zwar keine Rolle mehr spielt, von den „Media Awards“-Organisatoren aber konsequent als „Präsident Gorbatschow“ bezeichnet wird - da er sowohl als Präsident der „World Awards“ amtiert als auch des „Men's World Day“, noch so eine Idee der Agentur. Gorbatschows zumindest im Westen nicht verblaßter Ruhm ist die halbe Miete, um die Preisträger von der Seriosität des Ganzen zu überzeugen, der klangvolle Name „World Awards“ erledigt den Rest. Die geschmeichelten Stars also kommen zuhauf, die Sponsoren - von „Bild“ über VW, von Endemol bis, natürlich, Wodka Gorbatschow - ebenso, und auch die Journalisten, mehr als vierhundert in diesem Jahr. Die ARD zeigt am Donnerstag abend Ausschnitte der Gala.

Dabei ist das Konzept der „World Awards“ im Grunde ziemlicher Unfug. Nur Männer zu dekorieren, um die „Rolle des Mannes“ zu verändern, ist schon deshalb abwegig, weil auch sämtliche anderen Preise dieser Welt mehrheitlich an Männer gehen. Die Einschränkung bietet der Agentur freilich die Möglichkeit, gleich noch einen zweiten PR-Coup hinterherzuschieben: Neben dem „Men's World Day“ gibt es auch schon einen „Women's World Day“, und damit sicher bald auch „World Awards“ für die Frauen.

Angesichts der Männer-Beweihräucherung der „World Awards“ ist es geradezu wohltuend, daß bei einer an diesem Donnerstag veröffentlichten „Stern“-Umfrage, wer die größten Idole der Deutschen sind, eine Frau an der Spitze liegt: die eigene Mutter. Ja, die Mütter dürfen sogar einen Doppelsieg feiern, folgt auf Platz zwei doch Mutter Theresa. Erst danach kommen die Männer: der eigene Vater, Mandela, Gorbatschow, Albert Schweitzer, Gandhi, Martin Luther King, Einstein und Jesus. Knapp den Einzug in die Top Ten verfehlt hat Günther Jauch. Vielleicht klappt's ja im nächsten Jahr.

Wer oder was taucht heute in den Medien auf, auf welche Weise und warum? Der FAZ.NET-Wellenreiter stürzt sich Tag für Tag in die Informationsflut und versucht, die Strömungen der Zeit zu erkunden.

Quelle: @jöt
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