18.06.2004 · Übt nun auch Steven Spielberg Kritik an der Abschottungspolitik der Bush-Regierung? Er läßt Tom Hanks einen Osteuropäer spielen, der an der Einreise nach Amerika scheitert. Der Film aber ist eher ein Märchen.
Tom Hanks ist in seiner langen Hollywood-Karriere schon in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft und hat die Extreme nicht gescheut. Er war ein tumber Tor in „Forrest Gump“, ein spießiger Beamter in „Catch Me If You Can“, kämpfte gegen seine Aids-Erkrankung in „Philadelphia“ und gegen die deutschen Truppen in „Saving Private Ryan“. Eines aber war Hanks in allen diesen Filmen: Amerikaner.
In seinem neuen Film, der jetzt in den Vereinigten Staaten startet, bricht der Schauspieler mit dieser Tradition. Statt dessen tritt er als Viktor Navorski auf, der aus dem in Osteuropa zu vermutenden Staat „Krakozia“ stammt. Seine Abenteuer erlebt dieser Navorski allerdings wiederum in Amerika, und zwar auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen.
Fingerabdrücke und Handschellen
Das dürften inzwischen zahlreiche Einreisende aus Europa und anderen Kontinenten nachvollziehen können. Nimmt man die Schilderungen Betroffener als Maßstab, so gibt es in den Vereinigten Staaten mittlerweile keinen Ort mehr, an dem man Aufregenderes erleben könnte als auf den Flughäfen. Hier erhalten seit einigen Monaten selbst die langweiligsten, harmlosesten Gesellen die Gelegenheit, sich wie ein verruchtes Individuum zu fühlen: Sie dürfen Fingerabdrücke abgeben und werden, falls man es für ratsam erachtet, in Nebenzimmer abgeführt und dort Verhören unterzogen, mitunter auch in Handschellen. Nicht zu verachten ist schließlich auch die Spannung bei der Frage, ob man letztlich einreisen darf - oder wieder zurückmuß.
Navorski alias Hanks darf nicht. Zurück aber auch nicht. In Krakozia nämlich, so will es das Drehbuch, gab es inzwischen einen Militärputsch, durch den Navorski staatenlos wurde. „Das Terminal“, so der Titel des Filmes, wird für ihn so zur - vorläufigen - Endstation. Navorski richtet sich auf dem Flughafen ein, stellt Tag für Tag einen Einreiseantrag, der Tag für Tag abgelehnt wird. Und bleibt.
Schon wieder Bush-Kritik?
In „The Day After Tomorrow“ kritisierte schon Roland Emmerich die US-amerikanische Abschottungspraxis, indem er den Spieß umkehrte und Tausende Bürger der Vereinigten Staaten, die vor den Naturgewalten flohen, an der mexikanischen Grenze scheitern ließ. Sollte nun auch noch ein zweiter Blockbuster, zumal mit einem Star wie Tom Hanks, derart heftige Attacken gegen George W. Bush reiten?
Es kommt dann doch anders. Denn der „Terminal“-Regisseur ist Steven Spielberg, dessen liebstes Genre nicht die Politsatire, sondern der Märchenfilm ist. Weshalb für Navorski der Flughafen, auf dem er festklebt, bald zu einer Art Paradies wird und der Film, wie die „New York Times“ schreibt, zu einer Geschichte von „Solidarität und Unverwüstlichkeit“. Viktor freundet sich nicht nur mit einer multikulturellen Truppe Flughafenangestellter an, er trifft auch tagtäglich mit einer schönen Grenzbeamtin zusammen. Daß diese von keiner anderen gespielt wird als von Catherine Zeta-Jones, ist der endgültige Beweis, daß wir uns fernab der Realität befinden.
Während Hanks' JFK-Aufenthalt nach einem Jahr beendet ist, sitzt der Mann, dessen Geschichte Spielberg als Vorbild diente, noch immer auf dem Pariser Airport Charles de Gaulle fest. Der Exil-Iraner Merhan Karimi Nassiri ist seit fünfzehn Jahren dort; es ist schon der dritte Film, dessen Inspirationsquelle er war. Nassiri nennt sich jetzt Sir Alfred und möchte, wie er einmal der „Zeit“ erzählte, den Flughafen solange nicht verlassen, bis man ihm auf diesen Namen einen Paß ausstelle. Er träumt davon, in Amerika zu leben.