18.02.2005 · Nicht unbedingt bei der Filmauswahl, wohl aber bei der Besetzung der Jury ist dem Berlinale-Chef Kosslick ein echter Glücksgriff gelungen: Die Schauspielerin Bai Ling hält Publikum wie Presse ganz allein in Atem.
Von Jörg ThomannEin Filmfestival steht und fällt mit der richtigen Auswahl. Und schon vor Abschluß dieser Berlinale darf man das Urteil fällen, daß der Festival-Chef Dieter Kosslick alles richtig gemacht hat.
Gut, nicht wenige der zweiundzwanzig Wettbewerbsfilme kamen bei Kritik und Publikum nicht wirklich gut an, manches Echo war gar verheerend. Doch die Filme sind ja nicht alles. Für die rechte Stimmung sorgt schließlich nicht allein das Leinwandgeschehen, sondern das Drumherum, das Treiben auf dem Roten Teppich, den Galas, den Pressekonferenzen, und dafür braucht man die richtigen Protagonisten.
Und in diesem Fall hat Kosslick einen, den vielleicht entscheidenden Glücksgriff getätigt - mit der Wahl eines Jurymitglieds, das seit Berlinale-Beginn praktisch im Alleingang Glanz und Glamour verbreitet. Nicht vom Designer Nino Cerrutti ist die Rede, nicht vom Jury-Präsidenten Roland „Godzilla“ Emmerich und auch nicht von Franka „Unsere Ex-Frau in Hollywood“, sondern von einer Dame, die den Berlinern bis dato ziemlich unbekannt war: Bai Ling.
Schöne Selbstdarstellerin
Die in Amerika lebende chinesische Schauspielerin bringt alles mit, was der Filmfreund im naßkalten Berlinwinter begehrt: Jugend (vierunddreißig Jahre alt), Schönheit, ein sonniges Gemüt und eine Neigung zur Selbstdarstellung, wobei sie dieses Selbst möglichst offen zur Schau stellt, also nicht verdeckt durch übertrieben viel Kleidung. Nicht nur das gemeine Publikum ist entzückt, sondern auch der Fachmann. Filmkritiker sind schließlich Augenmenschen.
So erfreut Bai Ling nicht nur die Fotografen, indem sie zu jeder Filmvorführung in neuer Garderobe erscheint, sondern gibt auch der schreibenden Zunft reichlich Stoff. Kaum ein atmosphärischer Bericht über das Festival, der sie unerwähnt läßt. Die „Welt“ weiß zu berichten, daß Bai Ling auf einer Berlinale-Party „unvermittelt einen lasziven Solo-Tanz vollführte, bei dem manchem Fotografen glatt das Objektiv beschlug“. Der Schweizer „Blick“ urteilt fachmännisch, daß sich die Schauspielerin mit ebendiesem Tanz „locker für den «Venus Award» (den Oscar der Erotikbranche) hätte qualifizieren können“.
Schön und halbnackt
Der „Stern“ schreibt über „die schöne und daher meist halbnackt auftretende Chinesin“, wobei uns das „daher“ nicht zwingend erscheint. Die „Berliner Morgenpost“ thematisiert die „T-Shirt-Größen des Jury-Mitglieds Bai Ling (entschieden zu klein, um die Brust zu verdecken)“, und sogar die „Zeit“ kann die Augen nicht abwenden und stellt fest: „Ihr Dekolleté reicht fast bis zum Schambein.“ Gänzlich hin und weg ist der Filmkritiker des „Tagesspiegel“: „Gibt es sie wirklich, die schönste Jurorin aller Zeiten?“ Gegen soviel Leidenschaft wirkt der „Bild“-Kalauer „Berlinackte“ ziemlich müde.
Relativ sachlich stellt die lokale „Bild“-Konkurrenz „B.Z.“ fest: „Bai Ling ist das Jury-Mitglied mit dem Dekolleté.“ Um etwas mehr über sie zu erfahren, hat das Blatt mit ihr ein Interview geführt, das an diesem Freitag zu lesen ist und beweist, daß Bai Ling sehr wohl weiß, was von ihr erwartet wird: „Ich habe unterschiedliche Seiten: Ich bin wild, sexy, aber auch konservativ. Diese Seite ist bei einem Festival aber nicht gefragt.“ Wenn aber, so die Schaupielerin, „ich dem Festival etwas Glamour und Sex schenken kann, mache ich das“.
Ja, ich bin Bai
Als Vierzehnjährige, so erfahren wir, war Bai Ling Teil der Unterhaltungstruppe der chinesischen Armee, blieb aber nicht lange, nachdem sie eine Vorliebe für Zigaretten und Alkohol entwickelte. Außerdem teilt Bai Ling mit, daß sie „wahrscheinlich mehr“ als fünfzig Liebhaber hatte. Bisexuell, wie kolportiert werde, sei sie aber nicht: „Ein Mißverständnis. Das kommt von meinem Namen. Ein englischer Journalist fragt mich: 'Sind Sie bi?' und ich sagte: 'Ja, ich bin Bai!' So kam's! Aber ich liebe schöne Frauen. Ich mag alles, was schön ist.“
Da geht es ihr nicht anders als ihren Bewunderern bei der Berlinale. Überhaupt nicht die Rede indes ist auch in dem „B.Z.“-Interview davon, in welchen Filmen Bai Ling überhaupt mitgespielt hat. Das möchten wir an dieser Stelle nachtragen: Sie spielte unter anderem in „Nixon“ (1995) eine Dolmetscherin, in „Wild Wild West“ (1999) eine „Miss East“, in „Sky Captain and the World of Tomorrow“ (2004) eine „geheimnisvolle Frau“ und in „Star Wars: Episode III - Revenge of the Sith“ (kommt im Sommer in die Kinos) die Senatorin Bana Breemu.
Soviel dazu. Und nun viel Spaß mit den Bildern.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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