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Wellenreiter Die gescheiterte Emanzipation der Britney Spears

03.11.2003 ·  In einem Rundumschlag von Britney Spears bis Kylie Minogue rechnet die „Süddeutsche Zeitung“ mit weiblichen Popstars ab, die keinerlei Inspiration, sondern nur Sportgeist bewiesen. Warum aber werden die Männer verschont?

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Die Sängerin Jeannette Biedermann ist am Samstag in Offenburg aufgetreten. Dort, bei der Übertragung der Sendung „Verstehen Sie Spaß?“, sang sie ein Lied, das keinen interessiert, und trug ein Kostüm, das ziemlich viele interessiert, und zwar auch noch zwei Tage danach.

An diesem Montag zeigt sich „Bild“ entzückt ob der Aufmachung, die wie ein verunglücktes Genexperiment mit einer schwarzen Netzstrumpfhose und einem Taucheranzug aussieht. 4.500 Euro kostete das Ganze, vier Stunden mußte Biedermann nach eigener Auskunft stillstehen, um sich die Latexhülle auf den Körper pinseln zu lassen: Popstar zu sein, ist wahrlich kein Zuckerschlecken.

Doch die arme, duldsame Jeannette ist nicht alleine. Zwar wird sie nicht erwähnt in dem Artikel, mit dem die „Süddeutsche Zeitung“ an diesem Montag mit sämtlichen weiblichen Popsängerinnen abrechnet, sie hätte aber gut hineingepaßt. Ob diese nun Britneys Spears, Christina Aguilera, Kylie Minogue oder Beyoncé Knowles heißen, sowohl sie als auch ihre Musik zeichneten sich durch einen „Mangel an Distinktionsmerkmalen“ aus: „Der neue Glauben an quälend anstrengende Ausbildung und meßbare Leistung, an die gesangliche, tänzerische, optische Zurichtung des Körpers im Zeitalter seiner technischen Modifizierbarkeit hat den alten Glauben an die Hervorbringung von Pop durch Inspiration ersetzt“, schreibt die „Süddeutsche“ über die „übercodierte Sportwerdung des Pop“.

Folie erotischer Fantasien

Als Paradebeispiel dient der Zeitung das neue Duett von Britney Spears und Madonna. In dem Lied „Me Against the Music“ fordert die große alte Dame des Pop die Jüngere auf, „ihr Image sexuell aufzumotzen“. „Hey Britney, you say you wanna lose control / Come over here I got somethin' to show ya“, raunt Madonna, und die „Süddeutsche“ versteht: „Erst mit der offensiven Behauptung der eigenen, öffentlich ausgestellten Sexualität beginnt die Emanzipation des industriell gefertigten weiblichen Popstars von seiner unfreien Rollenfestschreibung.“ Doch die Mühe wird vergebens sein: „Aber selbst wenn das klappen sollte: Ihren männlichen Fans dient Britney weiter als Folie erotischer Fantasien, den weiblichen als Identifikationsfigur einer nun vorgeblich selbstbestimmten Fraulichkeit.“ So ein Pech aber auch.

Eine „wahre, komplexe und interessante Frauengestalt“ sieht der männliche Autor des Textes im Pop nicht. Das heißt, eine natürlich schon, die schon erwähnte Madonna nämlich, nur zählt die nicht, weil es sich bei ihr um „einen historischen Sonderfall einer letztlich gescheiterten Emanzipationsgeschichte“ handele. Typisch sei vielmehr die Laufbahn einer Kylie Minogue, „die erste Sängerin moderner Prägung, die aus einer TV-Soap direkt in die Charts gecastet wurde“.

Ungerechter Rundumschlag

Tja nun. Irgendwo hat der Mann sicher recht, und man ist schon froh darüber, daß er zur Untermauerung seiner These nicht auch noch die üblichen Hiphop-Videos anführt, in denen leichtestbekleidete, körperlich gut ausgebildete Damen auf eine Weise beim Tanz gezeigt werden, die man sexistisch nennen muß (wegschalten tut man meisten trotzdem nicht). Aber so richtig gerecht ist der Rundumschlag gegen die Sangesschwestern nicht.

Daß sie allein auf harte körperliche Arbeit statt auf Inspiration setzt, ist jedenfalls Kylie Minogue nicht vorzuwerfen, allenfalls, daß sie ihre Inspiration weniger in ihre Musik einfließen läßt als in ihre geniale Selbstdarstellung. So verrucht und dabei zugleich so spielerisch ironisch wie sie wird sich eine Britney Spears auch nach jahrelangem freiem sexuellen Emanzipationstraining durch Madonna nicht geben können. Was Kylie Minogue macht, das wirkt schon ziemlich selbstbestimmt, und inzwischen ist sie schon so lange im Showgeschäft, daß man sie allein dafür schon respektiert.

Erotische Fotos

Eine Folie für erotische Fantasien ist sie natürlich auch - nur welcher halbwegs gutaussehende Mensch, der in der weltweiten Öffentlichkeit steht, ist das nicht? Warum dürfen sich Spears oder Minogue nicht, wie von der „Süddeutschen“ kritisiert, auf erotischen Fotos auf den Titelseiten von Zeitschriften präsentieren, wo sich sonst Schauspieler oder Sportler in ähnlichen Posen zeigen? Wer sich freiwillig auf eine Bühne stellt, dem ist eine gewisse Neigung zum Exhibitionismus nicht abzusprechen; wirklich überraschen sollten die Cover also nicht.

Daß es Frauen im Musikbusiness nicht leicht haben, ist eine Binsenweisheit; sie trifft auf andere Bereiche aber ebenso zu, etwa im Kino, wo Frauen von Mitte dreißig an kaum noch auf große Rollen hoffen dürfen. Von einer Sängerin zu erwarten, eine Emanzipationsgeschichte zu schreiben, statt - was vielen sicher das näherliegende Ziel ist - einfach berühmt und reich zu werden, ist womöglich zu anspruchsvoll. Zudem ist es unfair, nur Britney Spears und ihre Kolleginnen dafür zu tadeln, mit harter Arbeit und Disziplin nach oben zu streben, und gleichzeitig die zahllosen Männer zu schonen, die dasselbe versuchen. Die Schwerstarbeiter der Branche sind nicht einzelne Hupfdohlen wie Spears, sondern die Massen an Boygroups. Und selbst ein Mann wie Mick Jagger, an dem seit Jahrzehnten das Image eines gefährlichen Genüssen aller Art zugeneigten Exzentrikers haftet, würde heute längst von der Bühne fallen, investierte er in seinen Körper nicht intensivstes Training.

Britney Spears wird in ihrer Karriere sicher kein Bob Dylan werden; da dies aber außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt, spricht nichts dafür, daß sie es überhaupt anstreben sollte. Daß der erfolgreichste Pop ohnehin selten der Inspiration, sondern zumeist kaltem Kalkül entspringt, hätte dem Musikkritiker der „Süddeutschen“ schon ein Blick in die Charts gezeigt, die von männlichen wie weiblichen Sängern domiminiert werden, welche nicht immer die Bezeichnung „Künstler“ verdienen. Fraglos gibt es eine Vielzahl ernstzunehmender, erwachsener Musikerinnen, die nicht auf ihren gestählten Körper, sondern auf ihre Kompositionen setzen; es fällt nur manchmal schwer, sie in all dem Gedudel um sie herum überhaupt zu hören.

Wer oder was taucht heute in den Medien auf, auf welche Weise und warum? Der FAZ.NET-Wellenreiter stürzt sich Tag für Tag in die Informationsflut und versucht, die Strömungen der Zeit zu erkunden.

Quelle: @jöt
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