Deutschlands aufklärerische Instanz mit vier Buchstaben? Die Meinungen gehen auseinander: Kant oder „Bild“? Was zunächst unvereinbar scheint, kommt in gewohnter Pünktlichkeit einen Tag vor dem 200. Todestag des Philosophen im Boulevard-Blatt zusammen.
Möglich macht das der Mann fürs Feine: David Blieswood, mit bürgerlichem Namen Norbert Körzdorfer, Kolumnist, Chefredakteur im Springer-Verlag und Buchautor. In der „Welt am Sonntag“ informiert Blieswood gentlemanlike über die Eigenheiten des Smokings, die passende Ausrüstung für gelegentliche Spritztouren auf einer Yacht oder den richtigen Umgang mit Zigarren. Ein Mann von Welt. Daß er auch ein Mann von Geist ist, zeigt er in seinem informativen „Bild“-Beitrag über den Königsberger Denker.
Cool
„Seine Sprache ist nicht geil - aber sein Geist ist geil“, kalauert sich Blieswood, den Zeitgeist fest im Blick, langsam an Kant heran. Der sei zwar „kein Abenteurer, kein Weiberheld, kein Skandal, kein Mozart, kein Monster“, womit er eigentlich klar aus dem Interesse der Zeitung und ihrer Leser fallen müßte. Aber dann reißt Blieswood Kant aus dem Muffwinkel des Vergessens, er nennt ihn einen „Jahrtausend-Mensch“, einen „Lebenskünstler“, bevor er ihm am Ende das größt denkbare Lob der Jetztzeit zuteil werden läßt: „Kant ist cool“.
Das Zentrum der Blieswoodschen Darlegungen druckt die Zeitung fett: „Kant lebte seine Philosophie: Disziplin, Ordnung, Routine, Pünktlichkeit, Arbeit, Gesundheit, Pflicht.“ Das ist wirklich cool. Damit es nicht zu bedrückend wird, beruhigt der „Bild“-Biograph seine Leser: „Man muß nicht viele Originalsätze von Kant kennen.“ Das wichtigste Wort des Denk-Titanen, der Kategorische Imperativ, ist nicht nur mit drei roten Pfeilspitzen markiert, sondern wird auch gleich in einen „Klartext 2004“ übersetzt: „Handle so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“
Einen solchen Satz ausgerechnet in der „Bild“-Zeitung zu lesen, dieser oft ans Hemmungslose grenzenden aufklärerischen Instanz - dafür lohnt sich die Lektüre der Blieswoodschen Kant-Auslassungen dann doch.