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Wellenreiter „Der Tag, an dem ich uncool wurde“

14.01.2004 ·  Keine Leidenschaft ist so abseitig, daß sich online nicht doch tapfere Bekenner fänden, um das Verbindende im Vereinzelnden zu teilen. Ein Gemeinschaftsweblog hingegen bietet „Platz für den Selbstekel“.

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Das Internet kann so entlastend sein. Keine Leidenschaft ist so abseitig, daß sich online nicht doch ein Häufchen tapferer Bekenner und eifriger Diskutanten fände, die - jeder für sich allein hinter dem Bildschirm - die Wärme der Gruppe, die Wellenlänge Gleichgesinnter, das Verbindende im Vereinzelnden teilt.

Wem würden dabei nur politische Gesinnungen, weltumspannende Verschwörungstheorien oder sexuelle Praktiken jenseits des Mainstream einfallen? Selbst am Anfang verbindendster Jugenderinnerungsbücher heute 30- bis 40jähriger standen Mitschreibprojekte im Internet, in denen man einander begeistert an die Schulranzentrends der Siebziger oder die Blumenaufkleber eines Spülmittels erinnerte, die seinerzeit fast überall auf den Küchenfliesen klebten. Alltag, Zustimmung, Gemeinsamkeit. Und schon wird selbst die kleinformatige, nebensächliche Erinnerung zu etwas Verbindendem, zu etwas Charakteristischem für eine Zeit, eine Lebenswelt, eine Generation, zu etwas Großem.

Beichtstuhl

Dem Auftrag, das Kleine groß zu machen, das Flüchtige festzuhalten, das am liebsten schnell beschämt Verdrängte im Bewußtsein - diesem Auftrag hat sich auch die Seite „nothing.antville.org“ verschrieben. Was eignet sich besser für ein solches Unterfangen als ein offenes Weblog, jene Mischung aus Beichtstuhl, Opfertisch und Verschworenengericht, die nur der Himmel selbst geschickt haben kann?

„Nein, es ist nichts“ - dieser beruhigende Satz im inneren Monolog gilt auf „nothing.antville.org“ als Signal, der persönlichen Selbstbeschwichtigung eine öffentliche Selbstbezichtigung entgegenzusetzen. Wann immer eine Irritation über die eigene Handlungsweise auftritt, wann immer man sich heimlich fragen könnte, ob man eigentlich schon immer so war, heißt es aufgepaßt. „Platz für den Selbstekel“ will der Gemeinschaftsweblog bieten, „persönliche Verfallsgeschichten“ versammeln, es geht um den „Tag, an dem ich uncool wurde“. So etwas gibt es. Solche Tage. Nicht nur bei jedem von uns, nicht länger nur verheimlicht, still und leise.

Stammtisch

„Ich dachte, daß alle Weblogs irgendwie vom Selbstekel handeln“, wagt ein Blogger einzuwenden. Und schon ist er dabei. Steht neben all den anderen, die „sich immer noch mit dem Kinn den Pulli hochhalten, während man sich die Hose zuknöpft oder das Hemd in der Hose verstaut; obwohl man das als Kind schon uncool gefunden hat“. Die die Geschenk-Gutscheine eines Wäschegeschäfts „nicht für sexy Unterwäsche verbraten, sondern für einen ordentlichen, katzensicheren Bademantel - bodenlang und mit Kapuze“. Oder die „sich irgendwann mittags noch mal kurz hinlegen und dann Stunden, Tage, Jahre später in einer irritierenden Dunkelheit erwachen“.

Das Leben kann so hart sein. Das Leben kann so schön sein, wenn man seine Härten teilt.

Kurz vor Neujahr allerdings findet sich ein verdächtiger Eintrag des Weblog-Initiators „fernsehratgeber“. Er gesteht nicht nur, uncool den guten Vorsatz erwogen zu haben, seine Kontoauszüge im kommenden Jahr immer abzuheften. Vielleicht will er sogar „einen Stammtisch gründen“, gibt er zu Protokoll. Dabei ist solch ein Weblog doch eindeutig die coolere Variante. Das Internet kann so entlastend sein.

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