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Wellenreiter Arme Ritter

03.06.2004 ·  Es gibt große Meldungen, und es gibt solche, die über die Lokalzeitungen oder die regionalen Beilagen der größeren Blätter nicht hinauskommen. Denoch könnten auch diese sich, wenn man sie einmal sammelte, wie ein Puzzle zu einem eindrucksvollen Bild unserer Gegenwart zusammensetzen.

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Es gibt große Meldungen, und es gibt solche, die über die Lokalzeitungen oder die regionalen Beilagen der größeren Blätter nicht hinauskommen. Denoch könnten auch diese sich, wenn man sie einmal sammelte, wie ein Puzzle zu einem eindrucksvollen Bild unserer Gegenwart zusammensetzen.

Die große Nachricht vom Wochenanfang war die feierliche Einweihung des Denkmals für die amerikanischen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs in Washington. Die kleinere stand im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und sie betraf eine Gedenktafel für die zwischen 1914 und 1918 gefallenen deutschen Soldaten. Sie befindet sich in der Eppsteiner Talkirche. Unter dem Bild eines behelmten Ritters steht die Inschrift: "Im Weltkrieg 1914-1918 / Starben für das Vaterland / Aus Eppstein" - und dann folgen die Namen, auch jene aus den Nachbargemeinden Vockenhausen und Fischbach. Rechts und links des Ritters steht der Vers des alten lutherischen Kirchenliedes "Das Reich muß uns doch bleiben".

Es war die "stahlhelmähnliche Kopfbedeckung" des Ritters, die den Unmut der Pfarrerin Heike Schuffenhauer wie des Kirchenvorstands erregt hatte. Man wollte in diesem Kreis eine, wie es hieß, "neutralere Form" der Erinnerung, bei der der Ritter abgedeckt worden wäre. Nur die Gemeinde machte nicht mit. Haben die Leute denn noch nie gehört, daß nach einem allerhöchsten Gerichtsurteil Soldaten als Mörder bezeichnet werden dürfen - und sie folglich mit der Abdeckung des Ritters noch vergleichsweise gut davongekommen wären? Ein ähnlicher Fall in Frankfurt war die Gestaltung des Adornoplatzes in der Nähe des Universitätsgeländes: Da mußte ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen von 1914 bis 1918 weichen, weil, wie ein Sprecher der Grünen damals erklärte, diese Nachbarschaft Adorno denn doch "nicht zuzumuten" sei.

Gern wüßte man mehr über solche Aktionen und auch darüber, welche Kriegerdenkmäler inzwischen einem stillen Verfall oder den Graffiti-Künstlern preisgegeben werden. Der Historiker Reinhart Koselleck, dessen Untersuchung "Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne" das maßgebliche Buch zur Sache ist, hat im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Etappen der Entsorgung beschrieben: Linke Gemeinden rissen nach 1945 die Gefallenendenkmäler ab, während sich die CDU-Städte eher für den Erhalt entschieden. Oft wurde das Wort "Helden" durch "Tote" ersetzt. Oder man fand einen Kompromiß, indem den Soldaten des Ersten Weltkriegs die Bezeichnung "Helden" blieb, während der Gefallenen des Zweiten als der "Toten" gedacht wurde.

Aber auch diese Epoche liegt hinter uns. Koselleck hält es für einen kompromißlerischen Trick der Ära Kohl, das Wort "Opfer", das lange Zeit einen aktiven Einsatz des Lebens bezeichnete, passivisch umzudeuten. Alle waren nun "Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft", wie es in der Neuen Wache in Berlin zu lesen ist. Ein Unterschied zwischen Soldaten und Verfolgten war nicht mehr erkennbar. Heute sieht Koselleck ein wachsendes Unverständnis für das Gedenken an die Millionen von Gefallenen. Der Konflikt zwischen der Pflicht einer natürlichen Gemeinschaft und der politischen Staatsräson kann tragisch sein, wie das Beispiel der Antigone zeigt. Sie mußte es büßen, ihrem Bruder ein würdiges Begräbnis gegeben zu haben. Aber wenn der Konflikt nicht einmal mehr empfunden wird, ist auch kein Segen dabei.

Quelle: L.J. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2004, Nr. 127 / Seite 37
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Von Ursula Scheer

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