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Wellenreiter Alles, nur bitte keinen Dschungel mehr!

08.11.2004 ·  Heißt „think big“ im privaten Fernsehen wirklich immer nur „think trash“? Eigentlich wäre heute der richtige Tag, einen offenen Brief an den neuen Geschäftsführer von RTL, Marc Conrad, zu schreiben.

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Eigentlich wäre heute der richtige Tag, einen offenen Brief an den neuen Geschäftsführer von RTL, Marc Conrad, zu schreiben.

Conrad ist seit dem 1. November wieder bei RTL. Er ist ein erfahrener Produzent, er hat bei seinem jetzigen Sender, aber auch bei Sat.1 mit seiner Firma Typhoon Networks Serien von einigem Format produziert. Für die Polizeiserie "Abschnitt 40" (RTL) hat er zweimal den Deutschen Fernsehpreis erhalten, mit dem Fernsehfilm "Das Zimmermädchen und der Millionär" hat er dem jetzigen Konkurrenten Sat.1 vor zwei Wochen einen Rekord von 6,52 Millionen Zuschauern beschert. Er hat mit dem Regisseur Oliver Hirschbiegel 2001 "Das Experiment" gedreht. Er war, wo er heute der Chef ist, von 1992 bis 1998 Programmdirektor. Er kennt das Geschäft, und es ist kein Wunder, daß sein Vorgänger Gerhard Zeiler froh ist, daß Conrad ihn beerbt und er sich als Chef der RTL-Gruppe in Luxemburg jetzt nur noch um 15 Fernsehsender und 23 Radiostationen kümmern muß.

Der neue RTL-Chef kann und muß loslegen, da sein Haus zuletzt bei vielen in der Branche den Eindruck der Lähmung verbreitete, so, als wisse man bei RTL gar nicht mehr genau, was für RTL gut ist. So daß, in einem Jahr, in dem ARD und ZDF mit der Fußballeuropameisterschaft und den Olympischen Spielen auftrumpfen können, der Marktführer viel stärker um seine Position kämpfen muß, als Conrad lieb sein wird.

Eine Bitte

Doch hätten wir, wie gesagt, für den Fall eines offenen Briefes, Quotenkampf hin, Zielgruppe her, doch eine Bitte: Man verschone uns mit Dschungelcamp, Teil drei! Man mache den Entschluß rückgängig! Trete nicht den Nachweis an, daß mehr als sechs Millionen Menschen jeden Abend sehen wollen, wie jemand Maden und Würmer ißt, in Jauche oder Kakerlaken badet. Erspare es Pressesprechern, Sätze sagen zu müssen wie: "Sie hat selbstverständlich Känguruh-Hoden gegessen."

Gebe dem Programmdirektor der ARD, Günter Struve, und den Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen nicht das nächste Argument in die Hand, mit Iiiiiih-Bäähh-Attitüde auf die Privatsender zu zeigen und so ganz locker von der eigenen Programmerosion abzulenken. Gebe den Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow ihre Würde wieder (falls sie mal eine hatten, woran man nach zwei Wochen "Holt mich hier raus - Ich bin ein Star!" zweifelt). Verweise die vielleicht nicht ganz zu Unrecht als schlangenhaft empfundene "Entertainerin" Désirée Nick, die nun am Samstag vor den Augen von 6,35 Millionen Menschen die Königin des RTL-Dschungels geworden ist, auf den Platz im Programm, der ihr zusteht (nämlich gar keiner).

Kaufe ARD und ZDF den Bundesligafußball oder eine der anderen großen Ligen ab, deretwegen - wie in der vergangenen Woche geschehen - im Ersten Spielfilme um ein halbes Jahr verschoben werden. Setze auf eine neue politische Talkshow - vielleicht mit Heiner Bremer, der nach seiner Zeit beim "Nachtjournal" immer besser geworden ist -, und fordere den militärisch-fernsehindustriellen Christiansen-Komplex heraus. Kaufe die Rechte an "Nip/Tuck" und "Desperate Housewives". Produziere eigene "TV-Movies" (ein Dutzend pro Jahr würde schon reichen). Nehme Sat.1 vielleicht gar Hugo Egon Balder weg.

Alles, alles, nur bitte keinen Dschungel mehr. Oder heißt "think big" im privaten Fernsehen wirklich immer nur "think trash"? So etwas könnte man in einem offenen Brief schreiben. Doch hätte es eine Wirkung?

Quelle: miha, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004, Nr. 261 / Seite 40
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