22.10.2004 · Anke Engelkes letzte Late Night war eine nette, entspannte Sendung. Mit Barbara Schöneberger und Alice Schwarzer sprach Engelke über String-Tangas und Frauenhumor, und auch ein paar Männer schauten vorbei.
Von Jörg ThomannWenn alles vorbei ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, dann läuft ja manchmal alles von selbst. Plötzlich ist sie da, die Gelassenheit, die Lockerheit, die zuvor so oft gefehlt hat, und ein wenig spürte man dies auch in der letzten Ausgabe der Late-Night-Show von Anke Engelke. Befreit vom Quotendruck und der Aussicht, noch länger in das Late-Night-Korsett eingezwängt zu sein, wirkte die Moderatorin recht entspannt und ließ sich auch davon nicht irritieren, wenn die eine oder andere Pointe - wie zu häufig in dieser Show - beim Publikum nur matte Reaktionen auslöste.
Engelkes Abschiedssendung am Donnerstag abend war ein netter, ungezwungener Abend unter Freunden, der - und das wirkt immer sympathisch - durchzogen war von Selbstironie. „Man soll aufhören, wenn's am schönsten ist. Aber wir hatten einfach nach der ersten Sendung nicht den Mut“, sagte Engelke, deren Bühnen-Mobiliar mit „Alles muß raus“-Schildern beklebt war; auf ihrer Wasserkaraffe stand, in Abwandlung des jüngsten, aus der Verzweiflung geborenen Sat.1-Werbeslogans: „klein - weiblich - weg“. Überflüssig gewordene Utensilien wurden im Publikum versteigert, darunter ein neu synchronisierter Tarzan-Filmausschnitt, der, wie Engelke zugab, „wirklich sehr schlecht“ war, so schlecht, daß man beschlossen hatte, ihn nicht zu senden. Eine solche redaktionelle Qualitätskontrolle hätte, regelmäßiger angewendet, der Sendung gutgetan.
Ein wenig Feierstimmung
Doch ist über die Fehler von „Anke Late Night“ längst genug geschrieben worden, nicht zuletzt Anke Engelke selbst wußte wohl, was hier alles nicht paßte. Und weil eine Abschiedssendung nicht dazu da ist, Trübsal zu blasen, war es auch in Ordnung, daß die zahlreichen Überraschungsgäste aus der Brainpool-Familie, von Oliver Pocher bis Stefan Raab, ein wenig Feierstimmung verbreiteten. Daß aber die im Schlepptau von Raab erschienene Hella von Sinnen Engelke stürmisch umarmte, von einem „TV-Triumph“ sprach und mehrfach rief: „Du bist die Beste!“, mutete dann doch etwas unangenehm an. Weit überzeugender war da der Beitrag des treuen Olli Dittrich, der Anke Engelkes stets überzeugend dargebotenem Frauenrollenspiel „Die Engelkes“ eine Hommage erwies, indem er einen Grußbeitrag der „Bengelkes“ schickte.
Die geladenen Gäste waren zwei Frauen, Barbara Schöneberger und Alice Schwarzer - womöglich ein Zeichen dafür, daß auch Engelke mit der viel zu bequemen These liebäugelt, sie sei vor allem als Frau in einer Männergesellschaft gescheitert. Natürlich zog Schwarzer eine Parallele zwischen Engelke und Angela Merkel, behauptete, daß Frauen (anders als Männer) über sich selbst lachen könnten, und drohte ein „Emma“-Dossier zum Thema „Frauen und Humor“ an.
Worüber Männer lachen
Barbara Schöneberger steuerte bei, daß Männer am liebsten über „Pipi-Kacka-Pillermann“ lachten - was aber bedeuten würde, daß die Engelke-Sendung viel männeraffiner war als die von Harald Schmidt, der den solcherart umschriebenen Themenkomplex stets aussparte, während Engelke auch am Donnerstag tief daraus schöpfte - diesmal im Zusammenhang mit der Toilette Martin Luthers. Anschließend debattierte Engelke mit Schöneberger und Schwarzer über die Vor- und Nachteile von String-Tangas, jenen Unterhosen „mit dem Strich durch den Po“ (Schwarzer).
Wenn Anke Engelke ein Männeropfer ist, dann nur eines des Sat.1-Chefs Roger Schawinski, dessen Marketinggetöse ihr den Einstieg in die Late Night nicht leichter machte. Wie teuer Sat.1 der Flop, nicht nur aufs Image bezogen, zu stehen kommt, ahnte man, als Anke Engelke einen Zuschauer begrüßte, der ihren Moderationssessel ersteigert hatte - für die stolze Summe von mehr als 1.500 Euro. Dennoch hatte der gute Mann ein Schnäppchen gemacht, handelte es sich doch um ein Designerstück, für das man sonst deutlich mehr hinlegen müßte. Auf was für einem Stuhl sitzt eigentlich Roger Schawinski?
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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