06.08.2004 · Die Rückkehr von „Spiegel“ und Springer zur bewährten Rechtschreibung wird von mehreren Ministerpräsidenten, Verlagen und Lehrern begrüßt. Kultusminister und „Duden“-Redaktion hingegen zeigen Unverständnis.
Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Stoiber glaubt, daß die neuen Regeln der Rechtschreibung zum Teil wieder geändert werden müssen. Der ZDF-„heute“-Sendung sagte Stoiber, er werde in die Diskussion bei der Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Oktober „ergebnisoffen“ hineingehen.
„Wir werden aber mit Sicherheit eine ganze Reihe von Teilen dieser Rechtschreibreform wohl wieder aufheben, und wir werden versuchen, das Gute, das auch durchaus zu sehen ist, mit dem zu verbinden, was wir aufheben wollen.“ Die Entscheidung des Springer-Verlages, des „Spiegel“ und auch des Süddeutschen Verlages, die zur alten Rechtschreibung zurückkehren wollen, werde die Diskussion der Ministerpräsidenten ganz entscheidend beeinflussen. Klar sei, daß die Akzeptanz der Rechtschreibreform „außerordentlich schlecht“ sei.
Wulff und Müller zufrieden
Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat die Rückkehr des Spiegel-Verlags und der Axel Springer AG zur alten Rechtschreibung begrüßt. Die Entscheidung der beiden Verlage sei ein gewichtiger Schritt in Richtung der Korrektur der total gescheiterten Rechtschreibreform, erklärte der CDU-Politiker am Freitag in Hannover.
Auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz werde er für eine Rücknahme der Reform kämpfen und freue sich deshalb über jeden neuen Mitstreiter. „Die eingerissene völlige Beliebigkeit beim Schreiben, die immer krasser werdenden Unterschiede zwischen gelernten und gelesenem Deutsch“ müßten schnellst möglich beendet werden, sagte Wulff.
Auch der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) hat die Rückkehr der Verlage zur bewährten Rechtschreibung gelobt. „Damit ist natürlich ein neues Faktum gesetzt“, sagte Müller (CDU) der „Welt“ (Samstagsausgabe). „Ich sehe mich in meiner Forderung, zur alten Schreibweise zurückzukehren, bestätigt“, sagte Müller. „Nun müßte eigentlich für jedermann klar sein, daß die Rechtschreibung in der beschlossenen Form nicht verbindlich werden kann zum 1. August 2005.“
Auch Suhrkamp schreibt bewährt
Auch der Suhrkamp Verlag hat die Initiative von Spiegel-Verlag, Springer und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begrüßt. Der Verlag, so die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, habe „im Einvernehmen mit seinen Autoren die sogenannte 'Rechtschreibreform' nie übernommen und ist bis auf die Subreihe Suhrkamp Basisbibliothek, die Schullektüre ist, prinzipiell bei der alten Rechtschreibung geblieben“.
Es sei, so die Verlegerin weiter, „ein Zeichen für gelebte Demokratie, daß ein solcher Zusammenschluß als Bewegung gegen eine von der Mehrheit nicht akzeptierte Regelung zustande kommt, und es wäre ein Zeichen für lebendige Demokratie, wenn er in den Ministerien Wirkung zeigte. Der Suhrkamp Verlag, der Jüdische Verlag, der Insel Verlag und der Deutsche Klassiker Verlag werden auch in Zukunft alle Werke von Hesse bis Handke, von Celan bis Grünbein, von Adorno bis Beck und Sloterdijk in der alten Rechtschreibung drucken.“
Lehrer: Schulen im Abseits
Der Deutsche Lehrerverband (DL) warnt angesichts der neuen Entwicklung davor, daß die Schule „bei einem Festhalten der Politik an der Rechtschreibreform mehr und mehr ins orthographische Abseits gerät. Es kann aber nicht Sinn von Schule sein, etwas zu lehren, was außerhalb der Schule kaum noch oder gar nicht mehr gilt.“ Die Ministerpräsidenten müßten die Rechtschreibreform nun zur Chefsache machen: „Es wird ihnen vermutlich kaum etwas anderes übrig bleiben, als ein Moratorium einzuschieben und die herkömmliche Rechtschreibung wieder für verbindlich zu erklären“, so der DL-Präsident Josef Kraus.
DJV: Reform vor dem Aus
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sieht die neue Rechtschreibung nun vor dem Aus. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich die neue Rechtschreibung jetzt noch aufrechterhalten läßt“, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zörner. Mit der bereits nach einem kurzen Intermezzo zur alten Schreibung zurückgekehrten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den Spiegel- und Springer-Produkten sei die alte Schreibung jetzt wieder sehr weit verbreitet. Der DJV selbst sei neutral.
Kultusminister: „Kein Verständnis“
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen (SPD), hat für den Kurswechsel von Springer-Verlag und „Spiegel“ bei der Rechtschreibung „kein Verständnis“. In einem dpa-Gespräch sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin am Freitag: „Wenn in der Debatte um die Rechtschreibreform laufend von Chaos und Verunsicherung die Rede ist, erlaube ich mir die Frage: Wer verunsichert hier eigentlich die Menschen?“ Die Entscheidung der beiden Verlage zeige keinen Weg auf, wie mit den widerstrebenden Interessen in der Reformdebatte umzugehen sei „und wie sich Sprache künftig weiter entwickeln soll“.
Duden: „Vergrößerung der Verwirrung“
Auch die Duden-Redaktion reagiert mit Unverständnis auf die Ankündigung des Spiegel-Verlags und der Axel Springer AG, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Dies trage nur zur „Vergrößerung der Verwirrung“ bei, kritisierte Redaktionsleiter Matthias Wermke am Freitag. Beide Medienunternehmen hätten zudem nicht verraten, zu welcher Art von „herkömmlicher Rechtschreibung“ sie zurückkehren wollten. Einerseits wollten sie die alten Schreibweisen, anderseits seien sie nach eigenen Angaben zu Neuerungen bereit. „Für mich ist das Ganze mit mehr offenen Fragen verknüpft als mit Antworten“, so Wermke.
Überrascht über die Ankündigung sei die Duden-Redaktion allerdings nicht, fügte Wermke hinzu. „Wenn man die Berichterstattung dort beobachtet hat, konnte man so etwas vermuten“, betonte er. „Für Duden gilt die amtliche Rechtschreibung, die sich nach eigener Erfahrung bewährt“, sagte Wermke. Die Medienunternehmen könnten zwar auf eine „Hausorthografie“ umsteigen, in den Schulen werde sich aber nichts ändern, zeigte er sich überzeugt. Auch die neue Auflage des Duden erscheine wie geplant am 28. August. „Von diesem Vorhaben weichen wir nicht ab.“