Home
http://www.faz.net/-gqz-rz0b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Weißrußland Der Sprachdemonstrant

Andrej Dynko ist einer der herausragenden weißrussischen Intellektuellen; wie viele andere ist er nach der Wahl festgenommen worden. Ein Porträt des Mannes, der am Mittwoch zu zehn Tagen Haft verurteilt wurde.

© AP Vergrößern Dynko auf dem Weg zum Gerichtssaal

Taschen mit Lebensmitteln sind in Minsk höchst verdächtig, seit in der Nacht von Montag auf Dienstag einige hundert Gegner des Regimes von Aleksandr Lukaschenka auf dem Oktober-Platz im Stadtzentrum Zelte aufgeschlagen haben. Die Staatsmacht will die Demonstranten, die im Protest gegen die manipulierte Präsidentenwahl vom Sonntag in eisiger Kälte ausharren, offenbar aushungern.

Dutzende von Minskern sind seither festgenommen worden, weil sie den Demonstranten warme Speisen oder heißen Tee bringen wollten. Einer von ihnen ist Andrej Dynko, der Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Nascha Niwa“, einer der herausragenden weißrussischen Intellektuellen; am Mittwoch wurde er zu zehn Tagen Haft verurteilt. Laut einem Bericht des weißrussischen Dienstes von Radio Liberty war es aber keine Tasche, die die Polizei auf ihn aufmerksam werden ließ, sondern daß er laut weißrussisch sprach.

Mehr zum Thema

Ein politisches Bekenntnis

Die Verwendung der Landessprache ist in Weißrußland so etwas wie ein politisches Bekenntnis. Präsident Lukaschenka, der selbst oft eine Mischung aus Russisch und Weißrussisch spricht, hat sich immer wieder abfällig über sie geäußert. Auch in den Medien führt das Weißrussische nur eine Randexistenz - in der großen Masse der staatlichen ebenso wie in den wenigen verbliebenen regimekritischen Blättern, die ihre Leser nur noch auf verschlungenen Umwegen erreichen können. „Nascha Niwa“ ist die einzige Zeitung, die vollständig auf weißrussisch erscheint; aber nicht nur aus diesem Grund ist sie ein Kulturdenkmal. Nach „Nascha Niwa“ („Unsere Flur“) ist eine ganze Epoche der weißrussischen Kultur benannt. Die 1906 in Wilna gegründete Zeitung war das erste Periodikum in weißrussischer Sprache. Alle Gründerväter der weißrussischen Literatur schrieben für das Blatt, das die erste große literarische Blüte in den zwanziger Jahren indes selbst nicht mehr erlebte, weil es von den Kommunisten verboten worden war.

In ihrem zweiten Leben seit 1991 gelang es „Nascha Niwa“, an die große Vergangenheit anzuknüpfen. Als wichtigstes Organ der weißrussischen Kultur wurde es automatisch zu einem Nest des Widerstands gegen Lukaschenka. Daß dieser 1995 per Referendum durchsetzen konnte, das Russische wieder aufzuwerten, das mit dem Ende der Sowjetunion den Status der Staatssprache verloren hatte, lag vor allem an der Unduldsamkeit der weißrussischen Nationalisten, die die Rückkehr ihrer Sprache in das öffentliche Leben mit Zwang durchzusetzen versucht hatten.

Dieses Eiferertum ist dem 32 Jahre alten Dynko fremd, der „Nascha Niwa“ seit 2000 leitet. Sein Beharren auf dem Lebensrecht der weißrussischen Sprache ist nicht Ausdruck von Nationalismus, sondern von europäischer Orientierung. Das Gebiet des heutigen Weißrußland war über Jahrhunderte das Kernland des Großfürstentums Litauen; die übrigen Gebiete dieses untergegangenen multinationalen Staats gehören heute zur EU. Dem Protest der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gegen Dynkos Verhaftung haben sich der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI und der Verband deutscher Schritsteller angeschlossen.

Quelle: F.A.Z. vom 24. März 2006

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
In der Frankfurter Innenstadt Ausschreitungen bei Anti-Israel-Demonstration

In Frankfurt ist eine Protestaktion gegen die Situation in Gaza eskaliert. Einige der 2500 Demonstranten hatten die Polizei mit Steinen beworfen - die wiederum setzte Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Offenbar hatten die Beamten die Situation unterschätzt. Mehr

12.07.2014, 20:56 Uhr | Rhein-Main
Ukraine-Konflikt Kiew wirft Russland Abschuss eines Kampfflugzeugs vor

Von einer russischen Militärmaschine abgeschossene Raketen haben nach Darstellung der Armeeführung in Kiew ein Kampfflugzeug über ukrainischem Staatsgebiet abgeschossen. Die Separatisten melden zugleich, Regierungstruppen wieder zurückgedrängt zu haben. Mehr

17.07.2014, 13:06 Uhr | Politik
Ukraine-Konflikt „Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit“

Im Osten der Ukraine spricht man Russisch, im Westen Ukrainisch, vielerorts eine Mischform: Ist der Konflikt dort auch ein Kampf der Sprachen? Der Osteuropa-Forscher Gerd Hentschel sagt: nein. Mehr

19.07.2014, 19:32 Uhr | Feuilleton

Künstlerinnen und das kleine Geld

Von Rose-Maria Gropp

Eine Auktion-Statistik ermittelt jetzt die erzielten Gebote von Kunst nach Geschlechtern. Die Kunst von Frauen erlangt weitaus weniger Gewinn. Deshalb der Aufruf: Frauen, kauft Frauen! Mehr 5