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Weihnachtliches Liedgut Klingt gut

Auf die Weihnachtsfeier verzichten die wenigsten Unternehmen, aber welche Belegschaft singt dort noch gemeinsam Weihnachtslieder? Das Singen ist ganz aus der Mode gekommen, dabei kann es jeder Mensch.

Auf eine Weihnachtsfeier haben wohl auch in diesem Krisenjahr die wenigsten Unternehmen verzichtet. Aber auf wie vielen Weihnachtsfeiern singt die Belegschaft gemeinsam „O Sanctissima“? Zweistimmig? Dreistimmig? Oder alte Wallfahrtslieder wie „Maria durch ein Dornwald ging“ und „Wisst ihr noch, wie es geschehen?“, dazu „Grünet Felder, grünet Wiesen?“, im mehrstimmigen Wandervogelsatz, mit allen drei Strophen, mit Dudelsack und Pfeiflein dazu? Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was die Firma Bertelsmann aus Gütersloh so in die Welt entlässt. Eines aber macht man dort richtig. Am letzten Arbeitstag vor Weihnachten wird gesungen, alle Mitarbeiter, im Treppenhaus, und es gibt einen Firmenchor, der den Ton angibt.

Einmal - ist schon eine Weile her -, es war Mitte der Neunziger, stehen stumm junge Leute herum, Auszubildende, die nicht mitsingen. Die resolute Chefin nimmt sie ins Gebet. „Haben die Hemmungen, weil sie nicht gut singen können? So was glaube ich ja nicht, jeder Mensch kann singen, egal, wie gut oder schlecht!“ Als herauskommt, dass diese Azubis weder im Kindergarten noch in der Schule, noch im Elternhaus Weihnachtslieder oder überhaupt das Selbersingen je kennengelernt hatten, ja, dass dies bei etwa achtzig Prozent der deutschen Grundschulkinder der Fall ist, da Musikunterricht mangels ausgebildeten Personals nicht stattfindet, ruft die Bertelsmann-Stiftung das Projekt „Musikalische Grundschule“ ins Leben. Es war dies ein recht exotisches Unterfangen gewesen, damals, das nur in der (ideologisch mindestens ebenso verdächtigen) Waldorfschul-Bewegung ihr Pendant fand: Auch Lesen und Rechnen wurde singend und klingend gelehrt, auch der Mathematik- und Deutschunterricht mit Musik durchwuchert.

Damals war das Singen ganz aus der Mode gekommen. Zweieinhalb Generationen wuchsen auf als Passivhörer, sie musizierten mit Knopfdruck, kannten Musik nur als (Pop-)Musik aus der Dose. Aber nicht nur die Revolution der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, auch der rattenfängerische Missbrauch des Gemeinschaftssingens im Nationalsozialismus und die Vergiftung alter deutscher Lieder durch die Jugendmusikbewegung hatten dafür gesorgt, dass die jahrhundertelang praktizierte Kulturtechnik des Mehrstimmig-Singens in Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenging.

Auch das Selbersingen kam aus der Übung. Noch gab es keine Castingfreakshows, bei denen junge Menschen, durchglüht von dem Wunsch, um welchen Preis auch immer berühmt zu werden, vor einer Fernsehkamera einsam brummten und krähten und sich freiwillig jedweder Demütigung unterwarfen, nur damit einer, der selbst ohne Mikrofon nicht über die ersten zwei Zuschauerreihen hinaus zu hören wäre, sie am Ende öffentlich herunterputzt: „Du kannst überhaupt nicht singen“ oder „Das klingt wie ’ne kranke Gießkanne!“.

Jeder Mensch kann singen

Dass jeder Mensch singen kann, egal wie schön oder schlecht, das beteuern heute nicht nur aus pädagogischen Gründen die Musiklehrer, von denen es wieder etliche gibt. Das sagt auch der Dirigent René Jacobs, der seine Laufbahn als Sänger begann: Jedes Kind (in jedem Kulturkreis) hat in der eignen Stimme zugleich auch das erste Musikinstrument, das gratis erprobt werden könne. Quasi einen Naturlaut. Und alle Kinder singen gern. „Kinderchöre“, frohlockte kürzlich Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbandes Berlin, „haben heute mehr Neulinge, als in den anderen Chören Mitglieder wegsterben“. Puschke wertet dies positiv, als ein Signal, dass endlich die „Trendwende“ da sei. Das gesellige Gemeinschaftssingen wurde endlich historisch dekontaminiert. Es gilt heute wieder als cool, wenn einer im Kanon die Stimme halten kann. Es darf wieder gesungen werden.

Etwa zweieinhalb Millionen Laienchorsänger sind heute in Deutschland aktiv, der Deutsche Chorverband zählt etwa 25000 Chöre mit insgesamt 700000 Mitgliedern. Zu den (noch) nichtorganisierten Ensembles gehört der wilde „Ich-kann-nichtsingen-Chor“, der vor zwei Jahren im Berliner Radialsystem zum ersten Mal zusammentraf. Hier kann jeder mitmachen, der die Lust und die Zeit mitbringt. Man kommt zusammen, zu bestimmten Zeiten, alt und jung, und singt drauflos. Und siehe: Es klingt gut! Der Erfinder dieses neuen Gesellschaftsspiels, Michael Betzner-Brandt, erklärt das so: „Es geht nicht um Lieder, die man können oder nicht können kann. Das Ziel ist, dass man spürt, wie schön das Singen ist, wie das vibriert im Körper. Ich wundere mich immer wieder, dass es funktioniert!“ Längst macht das Beispiel Schule. Sogar in Stuttgart, der ohnehin laienchorreichsten Stadt Deutschlands, wurde kürzlich ein „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ gegründet.

Und so lautet die gute Botschaft: Singen macht nicht nur klug (weil aktives Musizieren die Ausbildung der rechten und linken Gehirnhälfte fördert). Singen macht nicht nur warm (weil es den ganzen Körper in Schwung bringt). Singen ist gesund, verdauungsfördernd, es macht schlank, schön, glücklich, hilft gegen Mobbing, Grippe, Schweinewetter und, das ist vielleicht das Beste daran: Es kostet nichts.

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Quelle: F.A.Z.

 
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