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Weihnachten und Chanukka Heraus aus dem Dezember-Dilemma!

23.12.2005 ·  Viermal in hundert Jahren überschneiden sich das jüdische und das christliche Lichterfest. Und dann? Das Jüdische Museum Berlin zeigt die verwickelten Beziehungen von Weihnachten und Chanukka.

Von Martina Jammers
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„Gott hat Moses zehn Gebote gegeben, und dann gab Er Irving Berlin ,White Christmas'“, hat Philip Roth einmal die verschlungenen Beziehungen zwischen jüdischem Glauben und christlicher Weihnacht zusammengefaßt.

Irving Berlin, als Israel Balline 1893 vor den Verfolgungen im russischen Zarenreich nach Manhattan geflohen, wo er sich nach einem englischen Schauspieler und einer deutschen Stadt benannte, wuchs in einem orthodoxen Elternhaus auf und sprach besser Jiddisch als Englisch. Gefragt, wie er denn ausgerechnet als Jude „White Christmas“ habe schreiben können, antwortete er: „Ich schrieb es als Amerikaner.“

Vier Überschneidungen in hundert Jahren

Im Jüdischen Museum Berlin erkundet die Ausstellung „Weihnukka“ derzeit die Festkulturen beider Religionen. Als besonders ergiebig erweisen sich dabei die Wechselbeziehungen zwischen den beiden Lichterfesten Weihnachten und Chanukka, welche die dunkle Jahreszeit aufhellen. Beide fallen auf den 25. eines Monats: Weihnachten auf den 25. Dezember, Chanukka auf den 25. Kislew, den neunten Monat im Jüdischen Kalender. Nur viermal im Jahrhundert überlagern sich die Festtermine - so auch in diesem Jahr.

Chanukka bedeutet „Einweihung“ und erinnert an die Befreiung Jerusalems von der Vorherrschaft durch die Makkabäer im Jahr 165 vor Christus. Nach dem militärischen Sieg wurde der zerstörte Tempel wieder aufgebaut und neu geweiht, wobei sich das Ölwunder zutragen haben soll: Das Licht des Tempelleuchters brannte acht Tage lang, obgleich die Reserven nur für einen Tag reichten. Um dieses denkwürdige Ereignis zu feiern, werden nach Einbruch der Dunkelheit die Lichter des Chanukkaleuchters entzündet - jeden Tag eines, bis alle acht Lichter brennen: Die Analogie zum christlichen Adventskranz ist evident. Die zionistische Bewegung räumte diesem Lichterfest einen zentralen Platz ein, indem sie Chanukka als Fest der Selbstbehauptung und heroisches Vorbild deutete. Die Berliner Ausstellung zeigt anschaulich die reizvolle Metamorphose des jüdischen Festleuchters: Sie reicht von der Chanukkalampe mit Porträt Josephs II. zur Würdigung seines Toleranzedikt 1782 bis hin zur „Israelischen Armee als Chanukkaleuchter“ (2004), wobei Miniaturpanzer, Helikopter und Abfangjäger eine Kerzen-Airbase rahmen.

Herzl hatte nichts dagegen

So etwas wie ein europäisches Gegenstück zu dieser beklemmenden Koexistenz von Besinnlichkeit und Mobilmachung liefert das Kapitel „Weihnachten unterm Hakenkreuz“. Ganz ließen sich die weihnachtlichen Bräuche zwar auch im Nationalsozialismus nicht eliminieren, aber sie wurden beharrlich untergraben. So drängte die „Volksweihnacht“ religiöse Inhalte in den Hintergrund. Symbole wie das Sonnenrad lösten christliche ab, bekannte Weihnachtslieder wurden „germanisiert“, und an der trauten Tanne baumelten keine Kugeln mehr, sondern Pickelhauben und Kriegsschiffe en miniature.

Ursprünglich stammt der sapin de Noël aus dem Elsaß. Doch der Prototyp des Christfestes in seiner romantischen Ausgestaltung mit Baum, Liedern und Geschenken wurde im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts kultiviert und verbreitete sich von hier aus in alle Welt. So war es ausgerechnet die preußische Jüdin Fanny Arnstein, die 1814 in ihrem Salon den ersten Weihnachtsbaum in Wien aufstellte. Für viele jüdische Familien wurde das Weihnachtsfest um 1900 zu einem Symbol ihrer Assimilation. Sie feierten Weihnachten als säkulares „Fest der Umwelt“ ohne religiösen Gehalt, oder sie übertrugen weihnachtliche Bräuche auf das Chanukkafest. Weihnachtskugeln mit Davidsternen zierten dann den Baum. Solche Vermischungen werden humoristisch „Weihnukka“ genannt. Selbst Theodor Herzl gestand seinen Kindern die geputzte Tanne zu: „Meinetwegen soll's der Chanukkabaum heißen.“

Eintracht in den Auslagen

Und heute? Wenn die christliche Mehrheitskultur alljährlich in weihnachtliche Stimmung verfällt, beginnt für viele Juden ein Konflikt, der in den Vereinigten Staaten nur „December Dilemma“ heißt. Gemischtreligiöse Haushalte feiern dann beide Feste, jüdische Familien werten Chanukka als Festtag auf und beschenken an acht Tagen ihre Familie.

Schaufensterauslagen zeigen christliche und jüdische Embleme in feierlicher Eintracht zur Stimulierung des Umsatzes: Nebeneinander schmücken Tannenzweige und Chanukkaständer eine israelische Pizzeria, die globale Ebay-Werbung oder ein englisches Dessousgeschäft. Dieser Zusammenprall der Kulturen bringt manch Bizarres hervor: So wurde ein in China produzierter Chanukkaleuchter mit Freiheitsstatue, Empire State Building und den Twin Towers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 umbenannt in „New York Skyline Memorial Menorah“ und avancierte in Amerika zum Verkaufsschlager.

Bis 29. Januar 2006. Der Katalog (Nicolai) kostet 19,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 23.12.2005, Nr. 299 / Seite 33
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