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Weihnachten in Russland : Die Kirche ächtete den Tannenbaum

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Was sind schon Christbaumkerzen gegen 1000-Volt-Lampen, höhnt es in einem Anti-Weihnachts-Gedicht. Die Moskauer Weihnachtsdekoration ist inzwischen näher an der Lampe als an der Kerze. Bild: dpa

Ein russisches Weihnachtswunder ist nicht in Sicht: Das Drama „Weihnachten bei den Iwanows“ von Alexander Wwedenskij schildert die Zustände unter Väterchen Stalin und bietet auch für heutiges Publikum noch genug Anstößiges.

          Alles ist bereit für die perfekte Weihnacht: In der Küche wird heftig geschlachtet, die Kinderschar sitzt in der Badewanne, Vater und Mutter genießen vor der Bescherung ein klassisches Ballett. Nur der Lichterbaum fehlt noch zum Weihnachtsglück. Doch das Fest entgleist, ehe die ersehnte Tanne angeliefert wird. Eine Tochter prahlt in der Wanne mit ihrer Anatomie. Die Nanny enthauptet das Kind kurzerhand mit dem Beil. Vater und Mutter haben Sex neben dem Leichnam. Einzig der Hund und das einjährige Baby zeigen sich berührt vom Einbruch des Todes ins Familienidyll; in ihren erstaunlich eloquenten Gesprächen scheint bisweilen existentielle Tiefe auf.

          Was sich anhört wie ein „Christmas Special“ der amerikanischen Zeichentrickserie „Family Guy“, ist ein Theaterstück aus der Feder des russischen Dichters Alexander Wwedenskij, der gemeinsam mit dem bekannteren Daniil Charms im Leningrad der zwanziger Jahre eine absurde Literatur avant la lettre begründete. „Weihnachten bei den Iwanows“ heißt der Text, der 1938, mitten im Großen Terror, entstand und in der Sowjetunion nie aufgeführt wurde. Dass in der offiziellen Prüderie des Stalinismus für derlei derbe Scherze kein Platz war, überrascht nicht. Doch Wwedenskijs Weihnachtsdrama enthält auch für ein zeitgenössisches Publikum genug Anstößiges.

          Animalische Sexualität zu sinnlosem Glücksgesäusel

          Die Weise, wie hier unter dem Deckmantel der Konvention gepinkelt, gehurt, gemordet wird, erinnert an Alfred Jarrys „König Ubu“. Mit dem französischen Skandalstück hat Wwedenskijs Text auch die aberwitzige Melange aus Sprachspielen, Gags und Travestien gemein, die vor der „Orestie“ und Dostojewskij ebenso wenig haltmachen wie vor der politischen Propaganda. Einen Höhepunkt erreicht das karnevalistische Spiel im Irrenhaus, wo die mörderische Nanny vorübergehend landet. Dort regiert ein paranoider Arzt. Er schießt auf einen Teppich und trifft den Sanitäter. Durch die Flure segelt ein Trupp Irrer, die sich mit Rudern vom Krankenhausboden abstoßen – ein buchstäbliches „Narrenschiff“.

          Die Familie bekümmert indes vor allem eines: Gibt es auch in diesem Jahr einen Weihnachtsbaum? Der Ruf nach dem Baum wird bei Wwedenskij zur Heilsformel in einer aus den Fugen geratenen Welt. Wenn am Ende die Kinder geputzt vor der Tür zum tannengeschmückten Wohnzimmer stehen und Mutter in die Klaviertasten greift, schmilzt die animalische Sexualität, die zuvor das Geschehen bestimmte, zu sinnlosem Glücksgesäusel. „Seligkeit, Seligkeit, Seligkeit, Seligkeit“, stammelt ein Sohn. Die Schwester sekundiert: „Ach Tannenbaum, Tannenbaum. Ach Tannenbaum, Tannenbaum. Ach Tannenbaum, Tannenbaum.“

          High Society mit Empathiemangel

          Das Stück spielt im Jahr 1898, dreißig Jahre vor seiner Entstehung. Zu jener Zeit symbolisierte der Weihnachtsbaum auch im orthodoxen Russland – wo man ihn gemäß dem julianischen Kalender erst zwei Wochen später entzündete – die heile Welt. Schon 1875 bescherte Fjodor Dostojewskij im „Tagebuch eines Schriftstellers“ der russischen Literatur ihre Weihnachtsgeschichte.

          Einst ließ sie religiös neutrale Neujahrstanne Kinderaugen leuchten, heute ist das kirchliche Brauchtum wieder hoch angesehen.
          Einst ließ sie religiös neutrale Neujahrstanne Kinderaugen leuchten, heute ist das kirchliche Brauchtum wieder hoch angesehen. : Bild: dpa

          Die Urtexte für ein Genre, das die Weihnachtsfähigkeit einer Gesellschaft zum Test für deren moralische Gesundheit machte, hatten vor ihm Washington Irving und Charles Dickens geschrieben. In seinem „Christmas Carol“ verordnet Dickens dem notorischen Weihnachtsverweigerer Scrooge gar eine Art Christbaumtherapie, die schon in der dritten Sitzung einen sensationellen Heilungserfolg erzielt: Nach dem Weihnachtsdinner bei seinem Neffen ist Scrooge vom geizigen Misanthropen zum Wohltäter mutiert, der seinem Angestellten mit einem „Merry Christmas“ das Gehalt erhöht. Dostojewski, nimmt in seiner Erzählung „Der Junge beim Herrn Jesus zur Weihnacht“ den Heiligabend zum Anlass, um der Petersburger High Society einen Empathiemangel zu bescheinigen, den nur die Phantasie des Dichters beheben kann. Die Geschichte gipfelt in einem buchstäblich himmlischen Weihnachtsfest für alle Waisenkinder der Stadt. Doch die Petersburger Wirklichkeit kennt kein solches Wunder: Die Waisenweihnacht erweist sich als Halluzination eines erfrierenden Knaben, den die feine Gesellschaft in bitterkalter Nacht vor die Tür gesetzt hat.

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