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Weibliche Royals Das perfekte Plastiklächeln der Kate Middleton

 ·  Liegt sie falsch, oder wird sie bloß falsch verstanden? England streitet über eine Rede der Schriftstellerin Hilary Mantel über die Rolle der Frauen am königlichen Hofe von Anne Boleyn bis zu Kate Middleton.

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© Polaris/laif Vergrößern Wie viel Kritik ist erlaubt? Die Herzogin von Cambridge dieser Tage in London

Dass Lady Di nicht gern las, hat ihr kein Glück gebracht. Denn die traurige Prinzessin von Wales war allenfalls mit den Romanzen von Barbara Cartland vertraut, Geschichten also, in denen diese selbst ernannte Expertin für Romantik pompöse Hochzeiten und happy endings beschwor, nicht aber die dunklen Seiten der Liebe - und schon gar nicht ihr Scheitern im royalen Kontext. Somit blieb der Princess of Wales die Chance verwehrt, das Ende ihrer eigenen Ehe wenigstens als Roman zu antizipieren. Sie selbst hielt die unerwartete Wendung ihres Schicksals schon allein deshalb für unmöglich, weil ihr dazu keine Muster aus dem reichen Fundus der Geschichte und der Literatur vorlagen.

Bestens vertraut mit der zeitlosen wie heillosen Verquickung von Liebe, Macht und Tragik ist hingegen Hilary Mantel. Und so ließ die britische Schriftstellerin in ihrer inzwischen heftig diskutierten Rede über „Königliche Körper“ den Gedanken zu Lady Di in die zwingende Frage münden: „Was aber liest Kate?“

© afp Vergrößern England und seine Royals: Die „Schaufensterpuppe“ Kate?

Die zweifache Booker-Prize-Trägerin formulierte ihren Vortrag über Frauen am Hofe durchaus mit spitzer Feder und schonte die medial dauerpräsente Ehefrau von Prinz William so wenig wie die sakrosankte Queen, über die sie eine groteske Szene aus Buckingham Palace zu erzählen wusste. Dass die schon vor zwei Wochen im Londoner British Museum gehaltene Rede, die nun in der „London Review of books“ abgedruckt wurde, heute derart heftig diskutiert wird, dass sich sogar der Premierminister David Cameron in die Debatte eingeschaltet hat, bestätigt Hilary Mantels brillante Analyse auf beängstigende Weise. Frau Mantel schreibe zwar großartige Bücher, hatte der zurzeit in Indien weilende britische Premier verlauten lassen, ihre Bemerkungen über die schwangere Herzogin seien jedoch „völlig unangebracht“ und „total falsch“. Mantels fein gestrickten und raffiniert argumentierenden Essay kann Cameron nicht gelesen haben. Sonst hätte er sich zu dieser Bemerkung nicht hinreißen lassen.

Ein verstörender Diskurs

Nicht zuletzt, weil die Herzogin von Cambridge darin nur am Rande vorkommt, aber als jüngstes sowie überzeugendes Beispiel einer Recherche zur Rolle der Frauen an königlichen Höfen sowie zu ihrer Stellung in der Öffentlichkeit. Die Schriftstellerin spannt in ihrer durchaus selbstkritischen Reflexion den Bogen von Anne Boleyn, der Ehefrau Heinrichs VIII., über Marie Antoinette und Lady Di bis eben zu Kate.

Die Rede ist nicht nur historisch aufschlussreich; Hilary Mantel berichtet zum Beispiel über neueste Vermutungen, wonach Heinrich VIII. eine bestimmte Blutauffälligkeit aufwies, das sogenannte Kell-Cellano-System, das die Ursache für seinen pathologischen Hedonismus auf der Suche nach einem männlichen Nachfolger gewesen sein könnte. Die Rednerin analysierte außerdem luzide, unterhaltsam und mit feministischem Rüstzeug ausgestattet die Macht der Geschlechter am Hofe. Immer ging es dabei auch um deren Darstellung nach außen. Dass sich nun die britische Boulevardpresse über sogenannte „Stellen“ zur Ehefrau des Thronfolgers hermacht und sie genüsslich auf ihren Titelseiten zitiert, passt ins Bild.

Hilary Mantel spricht von Kates „perfektem Plastiklächeln“, das sie erscheinen lasse, als sei sie „wie Präzisionsarbeit, von einer Maschine gemacht“. Das klingt vielleicht nicht sehr freundlich, ist aber vor allem in Kontrast zu Diana formuliert, deren menschliche Besonderheit und emotionale Unkontrolliertheit sich für Hilary Mantel in jeder ihrer Gesten gezeigt hat. Kate dagegen sei für ihre Rolle ausgewählt worden, „weil sie tadellos ist: unglaublich dünn, ohne Eigenarten, ohne Kuriositäten, ohne das Risiko, dass sie Charakter zeigt“.

„Bösartig“ sei Mantel, schreibt die englische Presse, „giftig“, und ihre „Hasstiraden“ seien dem Neid geschuldet, weil die Autorin dick sei und Kate dünn. Natürlich lassen sich solche Spitzen viel besser bebildern als Überlegungen zur Frage, was die Aufgabe der Monarchie einst war, heute sein könnte und welch irrationales Moment ihr stets innewohnt. Fest steht jedenfalls, dass kaum jemand mehr über höfisches Leben und Repräsentanz in England weiß als die Tudor-Spezialistin Mantel (der zweite Teil ihrer Thomas-Cromwell-Trilogie erscheint unter dem Titel „Falken“ in der kommenden Woche auf Deutsch).

Der britische Fernsehsender „BBC News“ hat dagegen im Zusammenhang mit Kate dem Thema, wie hoch der Schuhabsatz einer Schwangeren sein darf, eine ganze Sendung gewidmet. Dass auch intelligente Leute sich ernsthaft mit solchen Fragen befassen, begründet Hilary Mantel zufolge den verstörenden Diskurs über die Royals als ein endloses Gerede über Inhalte, die keine sind. Gut, dass eine großartige Autorin sich dem widersetzt.

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21.02.2013, 20:30 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3