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Veröffentlicht: 07.03.2013, 16:50 Uhr

Wege des Geldes Dispokratie

Die Europäische Zentralbank vergibt in der Krise billige Kredite an Banken. Doch das Geld nährt nur die Finanzwirtschaft, woanders kommt es kaum an. Eine Spurensuche in Offenbach.

von
© Fricke, Helmut Wege des Geldes: Dispokratie

Der Mann, der das Geld in die Welt bringt, heißt Guido Della Valle, aber er bekommt nicht viel Besuch. Er arbeitet in einem Großraumbüro im ersten Stock der Europäischen Zentralbank, das selbst in der EZB nur wenige Leute betreten dürfen. Eine Glastür sperrt einen langen Gang ab, an dessen Ende das Büro beginnt. Nur wer die richtige Zugangskarte hat, kommt durch. Denn was in diesem Büro besprochen wird, das darf nicht jeder wissen. Hier entspringt die Quelle von Europas Geld. Und diese Quelle sprudelt.

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Erst kam die Finanzkrise, dann die Euro-Krise, und im Kampf gegen diese Krisen flutete die Notenbank die Märkte mit Milliarden, immer wieder. Teils gab sie Kredit zur Nothilfe an Banken. Teils kaufte sie Staatsanleihen aus den Peripheriestaaten. Stellte die EZB vor vier Jahren noch rund 800 Milliarden Euro bereit, sind es jetzt 1630. Inzwischen findet mancher, Europa sei überschwemmt, und fürchtet Inflation.

Einerseits ist womöglich bald zu viel Geld im Umlauf. Andererseits scheint es bei denen, die es brauchen, nicht anzukommen. Vielen Griechen fehlt das Nötigste zum Leben, in Spanien erreicht die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen immer neue Rekorde, selbst im krisenfernen Deutschland sind die Kassen klamm und viele Schwimmbäder marode. Wo also fließt das Geld hin? Was geschieht damit?

Dies ist eine Reise auf den Spuren dieses Geldes. Sie beginnt in Frankfurt, in dem abgesperrten Großraumbüro der Europäischen Zentralbank, und wird nur ein paar Kilometer den Main hinauf bis nach Offenbach führen - und dennoch beschreibt sie einen ganzen Kreislauf.

Jeden Dienstag gibt es neue Euro

Jeden Dienstag treffen sich Guido Della Valle und seine Kollegen in der Zentralbank in einem Konferenzraum mit glänzend roter Wand und abhörsicheren Telefonleitungen zu jeder Zentralbank im Euroland. Jeden Dienstag bringt einer seiner Kollegen eine Liste mit, auf der die Notenbanken der einzelnen Staaten aufgelistet haben, welche Banken der Eurozone wie viel Geld leihen wollen. Maltas Zentralbank in der Hauptstadt Valletta hat vielleicht Anfragen für ein paar Milliarden, die Bundesbank im Norden von Frankfurt für ein paar Milliarden mehr. Dann beraten die Notenbanker. Und überlegen sich, wie viel Geld tatsächlich verliehen werden soll. Guido Della Valle trägt die entscheidenden Zahlen in seinen Computer ein. Wenige Minuten darauf leuchten siebzehn grüne Haken auf seinem Bildschirm auf, für jede Notenbank im Euroraum einer. Die Notenbanken wissen Bescheid, sie nehmen die Konten der Banken und schreiben ihnen den neuen Betrag gut. Fertig ist das Geld. Milliarden, die aus dem Nichts entstehen.

Geld entsteht, einfach gesagt, durch Kredit. Banken leihen Firmen und Privatleuten Geld, und wenn ihr eigenes nicht reicht, können sich die Banken Geld von der Notenbank leihen. Darüber kontrolliert die Notenbank, wie viel Geld in Umlauf kommen kann. Früher, als die EZB tatsächlich noch wöchentlich darüber entschieden hat, war das spektakulärer. Da konnten Guido Della Valle und seine Kollegen auf der Arbeitsebene der Zentralbank nicht allein entscheiden. Per Telefon wurden die EZB-Direktoren im 35. Stock zugeschaltet, die über jede Verleihaktion das letzte Wort behielten.

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