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Weblogs „Ich bin nur ein fiktionaler Charakter, hey?“

17.07.2004 ·  "Plain Layne" hat ein sehr beliebtes Weblog geführt. Dann war ihre Homepage plötzlich nicht mehr abrufbar. Wer ist diese Frau? Und wer spricht? Steckt ein Mann dahinter? Die Jagd nach einer mysteriösen Internet-Figur.

Von Esther Kilchmann
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Aus Layne ist ein Phantom geworden. Fand sich früher auf der Homepage der jungen Informatikerin aus Minnesota ein Foto, auf dem sie freundlich lächelte, so ist auf der Nachfolge-Site (http://plainlayne.odinsoli.com) nur noch ein kleines Bildchen zu sehen, auf dem gerade noch, sehr verwischt, der Umriß einer sich gegen den Bildrand beugenden Gestalt zu erkennen ist. In dem so festgehaltenen Moment des Verschwindens klärt uns Layne über ihre wahre Identität auf: Mit vollem Namen heißt sie Layne Johnson und hat als "Plain Layne" drei Jahre lang ein "weblog" geführt, eine Art Internet-Tagebuch, in das sie täglich kleinere Texte über Alltagsbegebenheiten, aber auch über intime Erlebnisse schrieb.

Laynes "weblog" war sehr beliebt und hatte im Schnitt täglich mehrere tausend Besucher, die Laynes Einträge lasen und manchmal auch kommentierten. Zum Teil ergaben sich daraus Freundschaften, und Layne traf sich regelmäßig mit ihren Bewunderern in Chatrooms für längere Diskussionen. Layne berichtete in kurzen, flüssig geschriebenen Einträgen von Episoden aus ihrem Arbeitsleben, Erinnerungen an ihre Pflegeeltern, Schwierigkeiten in den Beziehungen zu wechselnden Frauen, sexuellen Abenteuern, aber auch vom Trauma einer Vergewaltigung. Das Schönste hat sie nun unter "The best of me" auf der neuen Seite versammelt und präsentiert es ihren Lesern unter der veränderten Bedingung betreff ihrer Identität nochmals. Es hatte nämlich ein Problem gegeben mit Layne: Anfang Juni war ihre Homepage plötzlich nicht mehr abrufbar.

„Etwas Merkwürdiges und Seltenes passierte hier“

Ihre Web-Freunde fragten sich, was passiert war, da Layne auch nicht mehr auf E-Mails antwortete. Sie fanden heraus, daß niemand von ihnen Laynes Telefonnummer oder Privatadresse besaß. Nach detektivischen Nachforschungen, die jedem Hinweis auf Laynes Alltagsleben nachgingen, stellte sich im letzten Monat heraus, daß hinter dem Netz eine Layne nie existiert hatte. Sie war ein Kunstprodukt. Ihr Autor ist der fünfunddreißigjährige Odin Soli, der mit "Acanit" vor vier Jahren bereits eine ähnliche Web-Frau geschaffen hatte. Der Teilzeitschriftsteller betrachtet das Internet offenbar als Experimentierfeld für die Erfindung glaubhafter Gestalten. Auf der neuen Seite läßt er nun Layne bestätigen, daß sie nicht real ist: "Etwas Merkwürdiges und Seltenes passierte hier, und ich hab' dafür auch keine bessere Erklärung als ihr. Ich bin nur ein fiktionaler Charakter, hey?"

Daß fiktionale Gestalten nach ihrem Verschwinden zuweilen aus dem Jenseits zur trauernden Fan-Gemeinde sprechen, ist nichts Neues, bereits Schillers Thekla, die im "Wallenstein" frühzeitig gestorben war, hat sich nach Beendigung des Dramas in "Thekla. Eine Geisterstimme" nochmals zu Wort gemeldet und ihre Verehrer gebeten, ihr endlich Ruhe zu gönnen. Doch bei Layne hatte keiner der Betroffenen einen Autor vermutet, vielmehr hatten alle das Gefühl, mit einer Frau zu sprechen, die im Leben wie im Netz Informatikerin, lesbisch und Opfer einer Vergewaltigung ist.

Ein Traum aus den Anfängen des Internet

Dieser "weblog-hoax", diese Fälschung, ist kein Einzelfall: Vor drei Jahren wurde eine Geschichte bekannt, bei der sich eine Frau während eines Jahres als krebskrankes Mädchen im Endstadium ausgegeben hatte, das selbst noch von der Intensivstation und bis kurz vor ihrem Tod ihr Tagebuch führte und mit von ihrem Schicksal tief gerührten Menschen sich unterhielt (http://bigwhiteguy.com/mess.php). Abgesehen davon, daß es einiges an erzählerischem Geschick erfordert, eine solche Geschichte über Jahre hinweg glaubhaft fortzuschreiben, stellt sich die Frage, warum die Besucher der Seiten von Layne Johnson, dem krebskranken Mädchen, der reichen Erbin auf der Flucht vor ihrem Clan oder der Bikerin, die eine Tour über das Gelände von Tschernobyl unternimmt, diesen Geschichten Glauben schenken. Laynes allerletzter Eintrag ist von vergangenem Samstag und heißt: "You can be me too."

Vexierbildmäßig scheint in diesem Satz ein Traum aus den Anfängen des Internet auf: Eine arkadische Spielwiese der Postmoderne sollte es sein, wo sich im freien Tauschen der Identitäten herkömmliche beengende Zuschreibungen und Vorurteile auflösten. Auf der Kehrseite dieser Möglichkeit völliger Anonymität und Gleichheit findet sich die Notwendigkeit, Identitäten elektronisch fassen und überprüfen zu können, und so wurde der einzelne in einen Zeichenbereich aus persönlichen Pins und Paßwörtern eingebunden, ohne die es schon gar keinen Zugang zum Netz gibt. Und wer sich einmal durch die zugewiesene Zahlenfolge eingeloggt hat, gerät rasch auf Seiten, zu deren Besuch er sich wieder mit ID und Paßwort anmelden muß, oder auf solche, bei denen er bestätigen muß, über achtzehn oder weiblich zu sein, bevor er Zutritt erhält.

Der sonst unerzählbare Kern als Garant für Glaubwürdigkeit

Hier wird also, mangels anderer Überprüfungsmöglichkeiten, an Ehrlichkeit oder Gewissen des Surfers appelliert. Auf Wahrhaftigkeit und Gewissen kommt es an, die man bereits der Dekonstruktion zum Opfer gefallen glaubte. Im Internet gehört dazu offenbar auch eine Art "autobiographischer Pakt" (Lejeune), den der Internet-Leser mit dem Internet-Schreiber schließt und in der Folge davon ausgeht, daß das "ich" im Web-Text, soweit nicht anders deklariert, mit der Person an der Tastatur auf der anderen Seite des Computers übereinstimmt. Zum anderen findet sich im "weblog" aber auch die Idee des Tagebuchs als Seelenspiegel wieder. Layne Johnson, aber auch weniger prominente Schreiberinnen, wie etwa Nadine auf www.tagebuchland.de, kehren in ihren Einträgen ihr Innerstes nach außen, üben Selbstreflexion oder denken über Ängste nach.

In fingierten "weblogs" wie jenem von Plain Layne und dem krebskranken Mädchen fällt auf, daß die Erzählung von Familiengeheimnissen und Traumata einen breiten Raum einnimmt. Was sonst als unerzählbarer Kern gilt, wird zu einem konstitutiven Merkmal der Identität dieser Figuren und funktioniert so in paradoxer Weise als Garant für Glaubwürdigkeit. Die Erzählung dieser Geheimnisse vermittelt dem Leser die Illusion, in etwas eingeweiht zu werden, der "inneren Wahrheit" einer Person näherzukommen und mit ihr so in kürzester Zeit in einer Weise vertraut zu sein, wie es mit einem körperlichen Gegenüber womöglich nie ganz der Fall sein kann.

Manche suchen sie noch immer

Viele Leute schätzen an der Kommunikation mit Unbekannten im Internet, daß sie dabei "ehrlich" und "ganz sie selbst" sein können. Baudrillards Dictum aus den Anfängen des Internet-Zeitalters, daß die gesamte Realität zum Spiel der Realität übergegangen sei und Schuld und Angst durch den Genuß der Zeichen für Schuld und Angst ersetzt werden könnten, hat sich angesichts dieser Erfahrungen nicht als treffend erwiesen. Im Gegenteil zeigten die Geschichte von Layne und die Aufregung über ihr Verschwinden einmal mehr, wie stark das Bedürfnis nach verläßlichen Größen ist. Ganz zu schweigen von der kriminellen Gefahr, die von gefälschten Identitäten im Internet ausgeht.

Jene, die sich mit Layne über ihre Probleme austauschten, glaubten, dies mit einem Gegenüber zu tun, das sie kannten und das ihr Vertrauen durch die detailreichen und ungeschminkten Schilderungen des eigenen Lebens gewonnen hatte. Dieses Bedürfnis nach völliger Faßbarkeit und Glaubwürdigkeit des anderen schmuggelt sich gleichsam als körperlicher Rest des Lebens vor dem Bildschirm ins Internet mit ein. In den virtuellen Welten wird es zu einem Phantom im Wortsinn: Einerseits mit dem Eintritt in die Möglichkeit, sich eine neue Identität zu verschaffen, abgelegt, taucht es aber in der in "weblogs" häufig geführten Suche nach einem "wahren" Selbst oder Gegenüber wieder auf.

Manche suchen noch immer die "richtige" Layne oder wenigstens die Frau auf dem Foto, die doch nur als Phantom zu dem werden konnte, was sie für ihre Fans bedeutet hat. Dabei hätte man es schon an ihrem Pseudonym erkennen können - "Plain Layne", playing Lane, alles nur gespielt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2004, Nr. 163 / Seite 40
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