17.11.2005 · Männer sind die besseren Weblogger - oder zumindest die aktiveren. Die Autorin des skandalumwitterten Juristen-Weblogs „Underneath Their Robes“ ist nun geoutet worden - als Mann.
Von Alexandra KemmererWir hätten es doch wissen müssen. Schließlich sind Männer die besseren Klatschtanten. Je klüger, desto gründlicher. Wenn zur Leidenschaft für Allzumenschliches die Fähigkeit zur Geheimhaltung kommt, bringt die Freude am Gerede den Geist zum Sprühen.
Vermutlich sind Männer darum die besseren Weblogger. Oder jedenfalls das aktivere Geschlecht, wenn es um das virtuelle Ausbreiten der eigenen politischen, juristischen oder ganz privaten Weltsicht geht. Da öffentliches Tagebuchschreiben womöglich mit Eitelkeit zu tun hat, bleibt der Urheber selten anonym. Daß sich auch hinter „Article III Groupie“ (A3G), der geistreich-geschwätzigen Autorin des skandalumwitterten amerikanischen Juristen-Weblogs „Underneath Their Robes“, in Wirklichkeit ein Autor verbirgt - das hatte der selbst unaufhörlich publizierende Berufungsrichter Richard Posner längst vermutet: Hinter so ostentativ übersteigerter Weiblichkeit, hinter der Begeisterung für höchstrichterliche Schönheitswettbewerbe könne nur ein Mann stecken.
Virtuelle Klatschbase
Die virtuelle Klatschbase, deren Pseudonym auf die Verfassungsbestimmung über die Bundesgerichte verweist, hat Posners Vermutung jetzt selbst bestätigt. Im „New Yorker“ enthüllte Jeffrey Toobin die Identität von A3G: Es ist der dreißigjährige David B. Lat, Staatsanwalt bei der Bundesanwaltschaft in New Jersey. Wie sein weibliches Alter ego hat Lat nach dem Studium in Harvard an der Yale Law School Kunst und Handwerk des Rechts erlernt - eine biographische Parallele, die er auch mit dem unlängst für die Nachfolge Sandra Day O'Connors am Supreme Court nominierten Samuel Alito teilt. Nach dem Rückzug von Harriet Myers war Alito zuletzt wichtigster Protagonist des inzwischen nur noch mit Paßwort erreichbaren Weblogs.
Im wuchernden Dschungel der virtuellen Tagebücher, Journale und Kolumnen, der zum wichtigsten Forum der Debatte um die Neubesetzungen am Obersten Gerichtshof geworden ist, war „Underneath Their Robes“ zugleich Orchidee und Leitmedium, eine fulminante Mischung aus „US Weekly“ und der „Harvard Law Review“. Yale hat abgefärbt, auf Medium und Autor. Lat bekennt, daß ehrerbietige Bewunderung und harsche Kritik, die Richtern hier zuteil wird, in ihm stets ein schales Gefühl des Ungenügens hervorriefen.
Die Debatte geht weiter
Nach einer Station als „clerk“ am Berufungsgericht des Neunten Bezirks schaffte er es am Supreme Court immerhin bis zum Vorstellungsgespräch bei Antonin Scalia. Doch der Kreis der „Erwählten“, wie er die handverlesenen Assistenten der Verfassungsrichter stets respektvoll tituliert, blieb ihm verschlossen. Nach kurzem Intermezzo in einer New Yorker Großkanzlei trat der in Manhattan lebende Lat in den Dienst der Bundesanwaltschaft und wurde nebenbei zum leidenschaftlichen Publizisten.
Der Erfolg seines Weblogs drängte ihn nun ans Licht der Öffentlichkeit. Das ist grell, und die Debatte geht weiter: Muß Lat disziplinarische Maßnahmen fürchten, oder sind seine Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt? Verträgt sich die Rolle des geschwätzigen Netzkolumnisten mit der des diskreten Staatsdieners? In der Robe des demaskierten Staatsanwalts inspiriert A3G weiter die Blogosphäre.