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Web 2.0 Das Internet ist bewohnbar geworden

10.08.2006 ·  Sagenhafte Kollektivintelligenzen? Ein beispielloses „Empowerment der Massen“? Wie so oft in der jüngeren Mediengeschichte handelt es sich auch beim vielbesungenen „Web 2.0“ um eine natürliche Mischung aus Zeittotschlagen und Faszination.

Von Andreas Rosenfelder
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Seit das 56k-Modem, das schon bei der Einwahl röchelte und dann mit Mühe ein paar E-Mails aus dem Netz saugte, zu den aussterbenden Haustieren zählt, redet alle Welt vom Web 2.0. Der philosophische Überbau zu den Breitbandverbindungen und Drahtlosnetzwerken, die inzwischen auf jedem staubigen Campingplatz existieren, wurde im Oktober 2004 auf der ersten „Web 2.0 Conference“ in San Francisco umrissen. Bei der Renaissance des Internets geht es nicht mehr darum, Vierfarbstifte oder Topfpflanzen zu verkaufen, indem man sich einfallslose Domains wie Vierfarbstifte.de oder Topfpflanzen.de sichert. Alles dreht sich darum, das bislang mit mausetoten, meistens von HTML-kundigen Schwagern programmierten Privatseiten und uncharmanten Firmenauftritten vollgestopfte Internet mit neuem Leben zu füllen. Die DSL-Leitungen sind Saugrüssel, die in unseren Adreßheften, Fotoalben und Tagebüchern stecken - denn hier gewinnen die neuen, dynamischen Internetplattformen einen Stoff, den keine übermotivierte Agentur für „Content“ je hervorbrächte.

Ein in seiner Drastik sehr anschauliches Beispiel für die Idee von Web 2.0 spielte sich am 20. Januar 2006 im Forum der unter Nerds beliebten Seite „Joel on Software“ ab, des launigen Blogs, dessen Gastgeber der Entwicklerguru Joel Spolsky ist. Im Off-Topic-Bereich, wo üblicherweise lustige Links und anderer Blödsinn landen, eröffnete der Kanadier Chris McKinstry, der in der „Europäischen Südsternwarte“ in Chile arbeitete, eine Diskussion mit dem Titel „Wie sieht ein Internetselbstmord aus?“. Sein Beitrag begann mit einem Seneca-Motto und der Feststellung, er habe bereits genug Medikamente eingeworfen, um seine Leber auszuschalten. Nun wolle er sich einen einsamen Platz zum Sterben suchen.

Erfolglose Helfer

Ein einsamer Platz ist das Forum keineswegs. In den folgenden Stunden lieferte McKinstry sich mit den zufällig anwesenden Usern einen heftigen und manchmal sogar fast witzigen Schlagabtausch. Anfangs hielten die IT-Freaks den Beitrag für einen schlechten Scherz und konterten mit zynischen Sprüchen („Gute Reise! Und laß uns wissen, ob es jenseits der siebten Dimension etwas gibt!“), aber McKinstry überzeugte sie schnell vom Ernst der Lage - nicht nur durch seine immer häufigeren Tippfehler.

Da es sich um ein Forum der Netz-Avantgarde handelte, verfolgte man die IP-Adresse schnell nach Santiago de Chile zurück, wo McKinstry nach eigenen Angaben in einem Internetcafé saß. Sofort verwandelte sich das Diskussionsforum in eine wimmelnde Kommandozentrale von Helfern, wo die einen den Lebensmüden in Gespräche verwickelten („Erzähl uns von deiner Tochter! Warst du bei der Geburt dabei?“) und die anderen Telefonnummern lateinamerikanischer Botschaften austauschten. Ohne Erfolg. Am Folgetag wurde Chris McKinstry in seiner Wohnung gefunden. Die spanische Agenturmeldung über seinen Selbstmord beschließt den Diskussionsstrang. Und das Off-Topic-Forum auf „Joel on Software“ wurde kurze Zeit später geschlossen.

Soziales Kapital im Internet

Sicher ist ein Suizid unter Anteilnahme einer verschworenen Netzgemeinschaft nicht das, was sich die Propheten der zweiten Internetgeneration unter Web 2.0 vorstellen. Trotzdem ist das Gemeinschaftsgefühl, von dem ihre Visionen handeln, am hektischen Protokoll dieses angekündigten Todes auf eine sehr berührende Weise ablesbar. Und Chris McKinstry war kein unbeschriebenes Blatt in der Netzwelt, sondern ein leicht paranoider Pionier der frühen Internetjahre und Vorkämpfer der künstlichen Intelligenz. Sein inzwischen eingestelltes Projekt Mindpixel.com sollte die Welt zum riesigen Kollektivhirn zusammenschließen, indem jeder User zwanzig simple Fragen nach Art von „Geht im Osten die Sonne auf?“ oder „War Ronald Reagan amerikanischer Präsident?“ mit Ja oder Nein beantworten mußte, um dann selbst eine Frage aufwerfen zu dürfen. Wer viele Mindpixel abarbeitete, stieg im Status auf, wer mit seinen Antworten von der Mehrheitsmeinung abwich, verlor Punkte.

Auch wenn Mindpixel das Mammutprojekt eines Außenseiters war, der davon ausging, die CIA habe seine virtuelle Denkmaschine unterwandert - im Grunde funktionieren all die Web-2.0-Projekte, die zum Teil schon seit geraumer Zeit für Furore sorgen, ganz ähnlich. Von Wikipedia bis zum Teenie-Poesiealbum Myspace - immer geht es darum, als soziales Pixel zum Baustein eines großen Gruppenbildes zu werden. Und immer geht es um das Sammeln von sozialem Kapital, das entweder an der Zahl der Kontakte oder am völlig selbstzweckhaften Kriterium der „Aktivität“ festgemacht wird.

Exklusiv und dennoch gratis

Noch in anderer Hinsicht war McKinstrys unter den lesenden Augen der Netzgemeinschaft vollzogener Selbstmord wegweisend für Web 2.0. Denn der über Jahre hinweg antrainierte Reflex, Nutzer in Internetforen als halbfiktive Charaktere wahrzunehmen, die sich hinter der Anonymität fragwürdiger Usernamen wie „grillmeister135“ oder „Bussibaerchen“ verschanzen, funktionierte hier nicht mehr. Natürlich ist es immer noch ein Kinderspiel, sich unter Myspace über eine Gratisadresse ein Phantasieprofil mit dem Foto von Bud Spencer anzulegen. Aber solche Avatare ohne Kontext finden in den neuen Netzwerken keine Freunde. Denn sobald das virtuelle Beziehungsnetz sich mit dem echten Adreßbuch überschneidet, werden biographische Details überprüfbar und allzu drastische Hochstapeleien peinlich. Der Maskenball, den das Internet in seinen frühen Jahren abgab, ist vorbei - jetzt legt man die Karten auf den Tisch.

Wie das aussieht, kann man in openBC beobachten. Die „Business-Plattform“, im Mai vom amerikanischen Branchenblatt „Red Herring“ unter die hundert „meistversprechenden privaten Unternehmen“ Europas gewählt, richtet sich an jene Klientel, die man im Jargon der Vor-Internet-Zeit als Yuppies bezeichnet hätte - also an junge und mehr oder weniger erfolgreiche Berufstätige. Der „Open Business Club“ verbreitet im Gegensatz zur schrillbunten Myspace-Community die Aura von Seriosität und Exklusivität - es soll ein wenig so wirken, als säße man auf gediegenen Ledersesseln und plauderte mit bedeutenden Geschäftsleuten über Pferderennen und Bauprojekte.

Die Kunst der Selbstvermarktung

Tatsächlich lebt openBC wie ähnliche Plattformen von jenem Effekt, den Boris Becker in einer legendären Werbung aus der Internet-Steinzeit auf eine Formel gebracht hat: „Ich bin drin!“ Allerdings geht es diesmal nicht mehr ums selbstvergessene Surfen durch die vermeintlich unendlichen Weiten des Netzes, sondern um Repräsentation. Es verwundert fast ein wenig, daß im openBC neben einem möglichst schicken Foto und Kategorien wie „Position“, „Branche“ und „Frühere Firmen“ nicht auch noch Rubriken für „Mein Spitzengehalt“, „Meine superteure Armbanduhr“ und „Mein Boot“ angeboten werden. Andererseits würden vielleicht gerade diese Felder oft leer bleiben - denn trotz aller Euphorie deckt sich die Zielgruppe des Web 2.0 immer noch ungefähr mit jener Generation, die nach dem Scheitern von Web 1.0 um 2001 herum auf der rauhen Seite des Lebens landete.

So ist jedes openBC-Profil auch ein Beispiel für die Kunst der Selbstvermarktung, zu welcher die Kinder des Internetzeitalters gezwungen sind. Unter den 1,3 Millionen Mitgliedern tummeln sich kaum Topmanager, Vorstandschefs oder Medienmoguln, die mit lukrativen Verträgen winken - dafür aber um so mehr Freiberufler, Selbständige und Kreative, die ebensolche Verträge suchen. Daß sich diese Klientel dann mit ihren naturgemäß ein wenig angeberischen Kontaktseiten fast nur untereinander beeindrucken kann, macht die Ironie eines solchen Netzwerks aus - und andererseits auch seinen inzestuösen Charme. Denn letztlich ist auch openBC in erster Linie ein Spielzeug, gleichsam das Myspace für die Um-die-Dreißigjährigen. Neben der sozialen Überwachung - Was für Freunde haben eigentlich meine Freunde? - ermöglicht die Plattform nämlich auch, mit einem Klick festzustellen, über welche Mittelsleute man mit einem beliebigen Mitglied in Verbindung steht. Damit wird der Gedanke der Vernetzung, in der frühen Phase des Internets nur eine Metapher, plötzlich sehr anschaulich. Auch wenn man sowieso weiß, daß man jeden Menschen auf dem Globus über sechs Ecken kennt.

Ein Sofa für die virtuelle Welt

Geht es also im Web 2.0 wirklich um sagenhafte Kollektivintelligenzen und um ein beispielloses „Empowerment der Massen“, wie halbvergessene Kommunikationsforscher wie Norbert Bolz plötzlich wieder einwerfen? Oder geht es, wie immer in der jüngeren Mediengeschichte, um eine ganz natürliche Mischung aus Zeittotschlagen und Faszination? Wenn Lehrer sich jetzt in der Blogosphäre und nicht nur im Lehrerzimmer über ihre Klassenfahrten ausbreiten und gleich noch die Google-Earth-Koordinaten der Jugendherberge verlinken können, wenn jeder Witzbold seine tagesaktuelle Nachrichtenparodie zum Nahostkonflikt als Video ins Netz stellen kann, wenn also das unplanbare Leben das Internet revolutioniert - dann bietet das keinen Anlaß, ein weiteres Mal die völlige Revolutionierung des Lebens durch das Internet zu erwarten. Man muß sich nur ein wenig durch die Privatblogs mit ihren Geburtstagstortenfotos und Berichten über den neugekauften VW Eos klicken, um festzustellen, daß sich das Leben kaum verändert hat. Auf die aufnahmefähigen Plattformen des Web 2.0 kann man all den Alltagskrams mitnehmen, der früher in der Schublade oder auf der Festplatte verschimmelte.

Neu ist allerdings das Universum der grauen Texte, die im halböffentlichen Raum wuchern und uns längst wie eine zweite Atmosphäre umhüllen. Es sind flüchtige Notizen, welche den Blog als Leitgattung des dynamischen Web 2.0 beseelen - oft mit Verweis auf eine brandaktuelle Nachrichtenquelle irgendwo in der Informationslandschaft und, falls ein Nerv getroffen wurde, mit Kommentaren als üppigen Ornamenten. Man braucht keine angestaubten Hypertext-Utopien mehr und auch nicht den eingemotteten Cybernauten-Anzug, um sich in dieser Parallelwelt zu bewegen. Das Internet ist bewohnbar geworden.

Quelle: F.A.Z., 10.08.2006, Nr. 184 / Seite 33
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