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Watergate Ein analoger Verrat

19.12.2008 ·  Ratternde Fernschreiber, auf Zeitungsseiten gekritzelte Hinweise, verbrannte Beweismittel: Die Watergate-Affäre, die der nun verstorbene Mark Felt an die Presse brachte, wirkt fern in Zeiten, in denen virtuelle Datensätze als Geheimnisse kursieren.

Von Tobias Rüther
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Wann immer Bob Woodward ihm ein Signal gab, hat der Mann, den sie „Deep Throat“ nannten, Ort und Zeit auf die zwanzigste Seite der „New York Times“ geschrieben, die dem jungen Reporter morgens vor die Tür gelegt wurde. Dann nahm der Abonnent Woodward in der Nacht ein Taxi und dann noch eins, und schließlich standen die beiden sich gegenüber, der Zeitungsreporter und seine Quelle, in einer Tiefgarage von Rosslyn, einem Vorort von Washington. Sie rauchten, sie flüsterten, der eine wohl bewaffnet, der andere nicht, oder doch: Denn Woodward hatte ja Block und Stift und Schreibmaschine.

Alan Pakula musste kaum Bilder hinzuerfinden, als er die Watergate-Affäre 1976 verfilmte, ihre Ikonographie war selbst viel zu stark. Ein analoger Verrat war Watergate, in dem Zeitungsseiten eingekringelt und „Zwei Uhr nachts, 1401 Wilson Boulevard“ in die Ecke gekritzelt wurde, in der Tonbänder aufgenommen wurden und gefälschte Briefe in die Post gingen, in der Bibliothekszettelkästen durchforstet wurden und niemals konspirativ telefoniert wurde - oder eben doch, wie Pakulas Film zeigt. Robert Redford alias Bob Woodward am Apparat im Newsroom der „Washington Post“ zu sehen, wie er sich von einem Informanten zum nächsten wählt: Das ist ein Ereignis, bis heute.

Rührende Idee

„All The President's Men“ endet mit einem ratternden Fernschreiber, der die Chronik der Eskalation bis zur Rücktrittsmeldung des amerikanischen Präsidenten bolzenschussgeräthaft auf Papier nagelt - und Richard Nixon damit in die Geschichte. Warum er seine inkriminierenden Tonbänder nie verbrannt habe, musste sich Nixon später vom Fernsehjournalisten David Frost fragen lassen. Ein neuer Hollywoodfilm, der bald auch ins deutsche Kino kommt, stellt das Duell für das einundzwanzigste Jahrhundert nach, aber diese hemdsärmelige Idee, Beweise im Feuer zu vernichten, wirkt umso rührender in Zeiten, in denen es virtuelle Datensätze sind, die als Geheimnisse kursieren.

Bevor irgendjemand anderes es drucken konnte, wer dieser Mann aus der Tiefgarage war - denn Bob Woodward wollte schweigen „wie ein Grab“-, hat der FBI-Direktor Mark Felt es selbst 2005 auf die Fahnen eines Buchs geschrieben. Aus einem Schemen, der benannt wurde nach einem Pornofilmtitel, aus einer Metapher also wurde ein Gesicht. Nur deswegen wissen wir, als die Nachricht von Felts Tod kam, dass „Deep Throat“ gestorben ist.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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