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Kunst und Krieg : Nach der Apokalypse

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Was hätte nur aus den Künstlern werden können, wenn sie nicht im Krieg gestorben wären? Und ist es anmaßend, sich das überhaupt auszumalen? Bild: Picture-Alliance

Was wurde aus der verlorenen Avantgarde, die in den Ersten Weltkrieg zog? Neun Autoren aus Deutschland und Frankreich gingen dieser Frage nach.

          „Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.“ Das Bonmot des 1980 verstorbenen französischen Schriftstellers und Diplomaten Romain Gary bringt die Widersprüchlichkeit, die den ästhetischen und gesellschaftlichen Umbrüchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu eigen war, auf den Punkt. Die Revolte gegen die etablierte Ordnung, gegen Vaterland, Familie, Religion, Moral, psychiatrische Anstalten und den „Imperialismus der Logik“ – so formulierten es später die Surrealisten – führte auch die Avantgardisten auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Viele von ihnen meldeten sich freiwillig zu einem Krieg, von dem sie sich die Katharsis der bürgerlichen Gesellschaft erhofften. Die Realität der Apokalypse, von der sich etwa Franz Marc die „Läuterung eines kranken Europas“ erhoffte, verwandelte den Traum schnell in einen Albtraum. Noch vor seinem Tod in der Schlacht von Verdun 1916 schrieb Marc vom „gemeinsten Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

          In unmittelbarer Nachbarschaft der damaligen Schlachtfelder im lothringischen Nancy trafen sich in der vergangenen Woche auf Einladung des Goethe-Instituts neun Autoren aus Frankreich und Deutschland, um über die Erinnerung und Gegenwart dieser „verlorenen Avantgarde“ zu sprechen. Neben der etwas kriegsschweren Symbolik des Treffens stand vor allem die reichlich akademische Frage im Raum, welche Entwicklung die Kunst- und Literaturgeschichte genommen hätte, wenn etwa Franz Marc, August Macke, Guillaume Apollinaire oder Henri Gaudier-Brzeska nicht im Krieg oder an seinen Folgen gestorben wären.

          Was es heißt, es als Dichter geschafft zu haben

          Frank Witzels Versuch über den französischen Denker Jacques Vaché drehte das Thema der „verlorenen Avantgarde“ zunächst einmal vom Kopf auf die Füße. Anstatt sich in einem literarischen Gedankenspiel ein postumes Leben Vachés auszudenken, stellte Witzel den Topos der Abwesenheit in den Mittelpunkt. Vaché, der sich vom Krieg traumatisiert im Alter von 23 Jahren mit einer Überdosis Morphium das Leben nahm, hinterließ außer einer Sammlung von Briefen kein literarisches Werk im klassischen Sinn. André Breton, der Vaché einige Male begegnet war und später zum Wortführer der Surrealisten avancierte, bekannte: „Vaché ist der Surrealist in mir.“ Ohne Vaché und ohne dessen Tod wäre Breton also gar nicht möglich gewesen – so erzählt es zumindest Witzels autobiographischer Essay über die Todessehnsucht des Künstlers und die Frage, was es eigentlich bedeuten soll, es als Dichter „geschafft zu haben.“

          In friedlichen Zeiten: Franz Marc (2. von links) und die Künstler des Blauen Reiter.

          Dass der Ruhm des Künstlers ebenso wie die Erinnerung an die Vergangenheit auch Produkte künstlicher Sinnkonstruktionen sind, zeigte der französische Autor und Filmemacher Philippe Claudel in seinem Beitrag über Franz Marc. Bei Claudel stirbt Marc nicht 1916 an den Folgen eines Granatdoppelschusses bei Verdun, sondern wird aufgrund einer klinischen Schizophrenie 1940 Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. In einer Kollage aus realen und erfundenen Dokumenten spielt Claudel durch, ob Marcs Tod von den Nationalsozialisten als Beweis ihrer unbestechlichen Konsequenz womöglich nur inszeniert wurde und seine postumen Zeichnungen womöglich doch keine Fälschungen auf dem Kunstmarkt sind.

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