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Veröffentlicht: 17.01.2017, 13:55 Uhr

Was tun gegen „Fake-News“? Die Realität ist nicht konsenspflichtig

Eine Art Stiftung Warentest für Kommunikation im Netz kann nicht funktionieren: Das Problem ist im Fall der Fake-News nicht ihre Produktion, sondern die Empfänglichkeit für sie.

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© AP „Fake-News“ bedienen eine Art von säkularem Fundamentalismus

Soeben lebten wir noch im faktischen Zeitalter. Soeben sagten Politiker noch die Wahrheit. (Über die Sicherheit der Renten, die fiskalische Lage Griechenlands, Massenvernichtungswaffen im Irak, Restlaufzeiten, Elbphilharmoniekosten, CDU-Parteispenden, das No-Spy-Abkommen und so weiter). Soeben glaubten ihnen deshalb alle noch.

Jürgen Kaube Folgen:

Überhaupt sagten bis soeben noch alle die Wahrheit: die Eheleute einander, die Bürger dem Finanzamt, die Eltern den Kindern, die Chefs den Beschäftigten und diese ihnen, die Kirche den Gläubigen und die Sportler den Dopingkommissionen. Darum konnten auch die Massenmedien, allein schon um nicht negativ aufzufallen, gar nicht anders, als ihrerseits stets bei den Tatsachen zu bleiben. Bis vor kurzem gab es beispielsweise gar keine „Bild“-Zeitung. Lange war sie eine Erfindung von Günter Wallraff. Der hat – wahrscheinlich, wir wollen ja nichts Falsches behaupten – im neunzehnten Jahrhundert auch das Wort „Ente“ erfunden.

Epochendiagnose des Postfaktischen

Dann aber kam am Ende des zwanzigsten das Internet, und mit ihm kam die Lüge. Das falsche Gerücht, die erfundene Neuigkeit hielten Einzug, und wurden immer schneller verbreitet und verwirrten immer mehr Leute. Seitdem leben wir im postfaktischen Zeitalter, in der Epoche der „Fake-News“ wie es spätestens seit diesem Wochenende überall heißt, weil der amerikanische Präsident das Wort verwendet hat. In seiner Verwendung lag natürlich eine besondere Pointe. War es doch derselbe Politiker, der in seinem Wahlkampf die Arbeitslosenzahlen der Vereinigten Staaten mal mit 23 Prozent, mal mit 42 Prozent bezifferte, was nicht nur voneinander weit weg war, sondern auch von den knapp fünf Prozent, die die Statistikämter auswiesen.

Bei aller Diskussion, die darüber geführt werden kann und auch geführt wird, was solche eine Zahl ein- oder ausschließt – eigentlich log Donald Trump erfreulich offenkundig; es war nicht schwer zu sehen, dass er es tat. Da nun aber andererseits auch die Clintons ihre Beiträge zum Eindruck postfaktischer Zeiten geleistet hatten, kamen viele Wähler anscheinend auf dieser Ebene nicht weiter. Wer möchte garantieren, dass die vielen politischen Talkshows im deutschen Fernsehen nicht genau dieselbe Wirkung haben, wenn dort im Grunde fast alle stereotypen und halbinformierten Unfug reden, so dass am Ende die Leute mit den krassesten Einstellungen besser abschneiden, als ihr Gerede eigentlich erwarten ließe?

Weil eine klare Analyse der politischen Lage und der massenmedialen Beiträge zu ihr aber fehlt, kaprizieren sich jetzt viele auf jene Epochendiagnose des Postfaktischen. Es sei, so heißt es, gezielte Desinformation aus dem Internet der Grund dafür, dass merkwürdige Politiker immer mehr Zulauf bekommen. Mit der Tatsache, dass es beispielsweise bei Silvio Berlusconi und den Kaczinsky-Brüdern einst nicht an Facebook-Unterstützung lag, ist diese Erklärung zwar nicht abgeglichen. Und wenn Juraprofessoren gar schreiben, Wahlen seien rechtswidrig, wenn sie nicht mehr (!) auf der Basis von Fakten entschieden würden, möchte man diese Formulierung sofort als lustigsten Kategorienfehler des Jahres nominieren („Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!“, hieß es einst satirisch, „Bundestagswahl illegal: Steuersenkungsversprechen gebrochen“ wäre das Analogon).

Rettet Recherche die Demokratie?

Doch jenseits solcher Kuriositäten: Die Bearbeitung amerikanischer Wähler durch Big-Data-gestütztes Marketing und russische Staatstrolle zum einen, sowie zum anderen Leute, die irgendeinen niederträchtigen Blödsinn über Flüchtlingspolitik verbreiten, erscheinen manchem jetzt als Paradigmen gegenwärtiger Meinungsbildung. Ihm treten nun Projektemacher entgegen. Genauer: Sie meinen dieser Meinungsmache mittels haarsträubender Desinformation durch Projekte entgegentreten zu können. Eine Art Stiftung Warentest für Kommunikation im Netz und auch sonst ist ihr Ideal.

44247687 © EPA Vergrößern Von einem „Kampf gegen Fake-News“ will das Recherchenetzwerk Correctiv nicht sprechen

Facebook möchte in diesem Sinne eindeutige Falschmeldungen, die durch seine Netzwerke wandern, identifizieren und als solche kenntlich machen. Dabei sollen neben Lesern, die solche Meldungen bei Facebook zur Anzeige bringen, hierzulande auch Mitarbeiter des Recherchebüros „Correctiv“ helfen, die dem Tatsachengehalt der jeweiligen Mitteilungen nachgehen wollen.

Wenn der Redaktionsleiter von „Correctiv“ einschränkt, dieser Ansatz reiche nicht aus, um Fake-News zu bekämpfen, kann man ihm nicht widersprechen. Die bislang, wenn wir richtig gezählt haben, siebzehn Redaktionsmitglieder der von Stiftungen finanzierten Einrichtung, sind dabei noch das geringste Problem, wenn auch kein kleines. Mit wie viel Recherche in wie kurzer Zeit zu wie vielen zweifelhaften Meldungen rechnen diejenigen, die von ihrer Flut die Demokratie bedroht sehen? Und glauben sie ernsthaft, dass nicht dieselben Leute, die derzeit das Netz mit Verschwörungsbehauptungen und Lügen überschwemmen, auch alles zur Anzeige und Prüfung bringen werden, was ihren Weltsichten widerspricht?

Das Problem wird weggelassen

Kommunikation hat, Stichwort Warentest, gegenüber Geschirrspülmaschinen den Vor- wie Nachteil, dass sie ganz leicht hervorzubringen ist und umso leichter, wenn in Lügenabsicht einfach nur das Gegenteil von anderer Kommunikation behauptet werden soll. Es genügt, sich das Wettrüsten zwischen Fake-News-Produzenten und Nachrechercheuren auszumalen, um zu erkennen, wer hier Hase und wer Igel sein würde.

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Doch das ist, wie gesagt, noch das geringste Problem. Wer die Wächter bewacht, wer also das Vertrauen in sie garantieren soll, stellt das viel größere dar. Oder denkt wirklich jemand, eine Leserschaft, die an Verschwörungstheorien oder krass erfundenen Behauptungen über die Kanzlerin Geschmack findet, wäre durch ein Gütesiegel „Powered by cognition“ oder von Eigenwerbung wie „Es gibt sie noch, die recherchierten Dinge“ zu beeindrucken? Das entspräche dem Scharfsinn derer, die sich mehr Güte in der Welt durch Ethik-Kommissionen versprechen, mehr Transparenz durch laufende Kameras und mehr Demokratie durch Einladung aller Betroffenen zum ergebnisoffenen Gespräch. Die Lösung besteht bei solchen Vorschlägen nämlich stets darin, das Problem wegzulassen.

Das Problem ist im Fall der Fake-News nicht ihre Produktion, sondern die Empfänglichkeit für sie. Zu vermuten, sie beruhe darauf, dass den Leuten einfach niemand die richtige, die echt wirkliche, die ganz und gar nachrecherchierte Arbeitslosenziffer mitgeteilt hat, unterschätzt die Situation. Es unterschätzt die Bereitschaft vieler zu einer Art säkularem Fundamentalismus: „So sehen wir das eben, das ist unsere Identität, und dass ihr und eure Medien, eure Forscher, eure Politiker es anders seht, das haben wir uns schon gedacht.“ Realität wird, wie Niklas Luhmann in seinem Buch über die Massenmedien einst formuliert hat, ohnehin nicht als konsenspflichtig erlebt. Daran werden Kommissionen und Projekte nichts ändern. Niemand kann dazu gezwungen werden, den Irrtum seiner selbstverfertigten Projektionen einzusehen, außer, vielleicht, durch deren Scheitern.

Glosse

Bartspalterei

Von Paul Ingendaay

Noch kann Pilar Abel Martínez nicht beweisen, dass sie die uneheliche Tochter von Salvador Dalí ist. Die Exhumierung seines Leichnams soll Klarheit bringen. Die Sache hat mehrere Pointen. Mehr 0

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