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Haus in der 5th Avenue : Das verfluchte Kleinod

Hier residierte das Goethe-Institut in New York – nun gibt es neue Ideen. Bild: Goethe-Institut/Karin Kohlberg

Seit 1959 gehört Deutschland ein Haus in bester Lage in New York. Seit das Goethe-Institut ausziehen musste, wird es vernachlässigt – aber jetzt gibt es neue Pläne dafür.

          Wie jedes Jahr ist Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in New York am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit Amtskollegen aus allen Erdteilen zusammengetroffen. Für den heutigen Freitag ist eine besonders vertrauliche Unterredung angesetzt: Steinmeier wird Geistergespräche führen, mit Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und auch mit einem seiner Vorgänger, Willy Brandt. Sie alle waren einmal in dem Haus mit der Nr. 1014 an der Fifth Avenue zu Gast, das heute für den deutschen Außenminister aufgeschlossen wird, der als Vertreter des Hausherrn nach dem Rechten sehen möchte. Die Bundesrepublik Deutschland kaufte das fünfstöckige, schlanke, für den letzten amerikanischen Botschafter am deutschen Kaiserhof errichtete Haus 1959. Bis 2009 residierte hier das Goethe-Institut. Aus feuerpolizeilichen Gründen musste es ausziehen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Damit begann eine groteske Geschichte des allseitigen Nichtstuns: Das Kleinod in edelster Lage wurde behandelt wie ein mit einem Fluch behafteter Diamant, den man so schnell wie möglich abstoßen sollte. Der damalige New Yorker Institutsleiter Stephan Wackwitz gab beim Abschied zu verstehen, dass Goethe sein Publikum lieber in den Clubs und Studentenlokalen im unteren Manhattan suchen wolle. Offiziell gab man zwar den Anspruch auf Rückkehr nicht auf, aber dieser umgedrehte Snobismus, das Naserümpfen über die zu feine Adresse, dürfte dazu beigetragen haben, dass Haushaltspolitiker auf die Idee kamen, einen Verkauf der Immobilie zu sondieren.

          Frank-Walter Steinmeier ging nach seiner Rückkehr ins Außenamt auf das Goethe-Institut zu und bat dessen Präsidenten Klaus-Dieter Lehmann um ein Nutzungskonzept. Eine erste Fassung wurde zur Umarbeitung zurückgegeben. Jetzt sind die Pläne so weit gediehen, dass Steinmeier heute auf einem Empfang für die Freunde Deutschlands in New York die ortstypische Vorarbeit für kulturpolitische Vorhaben einläuten wird: die Spendenakquise. Die Bundesrepublik hätte auch gleich sämtliche Mittel für die auswärtige Kulturpolitik streichen können, wenn sie darauf verzichtet hätte, in dieser Nachbarschaft Werbung für die deutsche Kultur zu machen. Auf der anderen Straßenseite liegt das Metropolitan Museum of Art, das im vergangenen Jahr 6,8 Millionen Besucher zählte.

          Kuchen und Bücher

          Die Laufkundschaft, die das künftige German-American Center anlocken soll, wird im Erdgeschoss einen Ausstellungsraum vorfinden, der für digitale Präsentationen ausgerüstet ist. Hier könnte etwa die Stiftung Preußischer Kulturbesitz versuchen, das Humboldt-Forum als Weiterentwicklung des Universalmuseums zu erklären. Ein Café darf, wie die Neue Galerie ein paar Blocks weiter nördlich zeigt, mit regem Zuspruch rechnen und sollte den Ehrgeiz haben, das Handwerk des Konditors als deutsche Nationalkunst vorzuführen, mit ihren eigenen Traditionen und Avantgardismen. Lehmann wünscht sich im Erdgeschoss außerdem, was es in New York nicht mehr gibt: eine deutsche Buchhandlung.

          In den obersten zwei Geschossen sollen Stipendiaten einer German Academy wohnen, drei bis vier gleichzeitig, für je drei Monate. Gedacht ist die Akademie nicht als arkadisches Refugium wie die Villa Massimo, sondern als Basislager für Intellektuelle, die sich ins Getümmel der New Yorker Debatten stürzen wollen. Solche „Residenzen“ sind ein neueres Instrument des Goethe-Instituts, das neben den klassischen Lesereisen und Vorträgen verstärkt längere Aufenthalte in Städten wie Istanbul und Kyoto fördert. Im November wird ein Gästehaus in Brasilien eröffnet.

          Die Goethe-Fahne soll wieder wehen

          Im ersten und zweiten Stock an der Fifth Avenue sind Veranstaltungsräume vorgesehen, die nicht von den „Residenten“ allein bespielt werden sollen. Lehmann möchte hier ein anderes Publikum ansprechen als im neuen Domizil des Instituts im Universitätsviertel am Union Square. Vor zwanzig Jahren beschrieb der New Yorker Ideenhistoriker Mark Lilla in diesem Feuilleton seine Erfahrungen in einem Sprachkurs des Goethe-Instituts. Er diagnostizierte bei den Mitarbeitern eine „heftige Allergie gegen alles, was für sie nach der alten Welt der deutschen Bildung riecht“. Aus Lilla ist einer der wichtigsten Vermittler zwischen amerikanischem und europäischem Denken geworden. Gesprächspartner wie ihn werden Zentrum und Akademie gewinnen müssen.

          Um der Horizonterweiterung willen wird die neue Institution eine Verfassung bekommen, in der das Goethe-Institut mitspricht, aber nicht alles bestimmt: „Non-Profit“ nach amerikanischem Recht, mit zwölfköpfigem Aufsichtsrat. Was die Einzelheiten der Konstruktion betrifft, gibt es offenbar noch Gesprächsbedarf. Nach den Worten von Lehmann soll „der Intendant vom Goethe-Institut gestellt“ werden. Aus dem Auswärtigen Amt verlautet hingegen, „der Direktor“ solle dem Institut nicht berichtspflichtig sein und außerhalb der Goethe-Hierarchie stehen. Klaus-Dieter Lehmann möchte jedenfalls, dass die grüne Institutsfahne wieder vor Nr. 1014 weht.

          Quelle: F.A.Z.

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