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Sonntag, 19. Februar 2012
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Was den Archiv-Einsturz überlebt hat Opfer des launischen Dämons

11.03.2010 ·  Geborgen, noch nicht gerettet: Das Kölner Stadtarchiv zeigt seine teilweise schwer beschädigten Schätze, die den Einsturz überlebt haben in Berlin. Ein Schadensbericht, der das Ausmaß der Katastrophe erst wirklich erlebbar macht.

Von Andreas Kilb
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Im Jahr 1256 schlossen der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden und der Paderborner Bischof Simon von Lippe einen Friedensvertrag. Die beiden Kleriker, die zugleich mächtige Territorialherren waren, hatten sich über ihre westfälischen Besitztümer in die Haare gekriegt und nach Hinzuziehung verschiedener Bündnispartner gegeneinander Krieg geführt. Es war „die kaiserlose, die schreckliche Zeit“ nach dem Tod des großen Staufers Friedrich II., in der ausländische Prätendenten nach der Reichskrone griffen und die deutschen Fürsten ihre Fehden allein austragen mussten. In einer Ritterschlacht vor den Toren Dortmunds war Simon unterlegen und in Gefangenschaft geraten. Durch die Urkunde von 1256 erkannte er die Herrschaftsansprüche des Kölners an.

Gute sechshundert Jahre lang hat der Vertrag zwischen Konrad und Simon im Kölner Stadtarchiv gelegen und den Wandel der Zeiten in exzellentem Zustand überdauert. Dann, am 3. März 2009, stürzte das Archivgebäude ein. Auf einem Foto, das in der Gastausstellung des Stadtarchivs im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt wird, erkennt man, wie das Schriftstück anschließend aussah: ein zerfetzter Pergamentwust mit zerbrochenen Siegeln, an zwei Stellen tief eingerissen, von Schmutzwasser gebräunt. Direkt daneben liegt die restaurierte Urkunde: Ihre Knicke sind geglättet, die Risse geklebt, die Siegel zur Hälfte wiederhergestellt. Doch die Flecken bleiben. Ihre völlige Beseitigung kann man auch von den geschicktesten Restauratoren nicht erwarten.

Geschätze Kosten der Restaurierung: 350 Millionen Euro

Die Ausstellung „Köln in Berlin“ ist ein aus Inkunabeln buchstabierter Schadensbericht. Der tatsächliche Schaden, der bei der Katastrophe vor einem Jahr entstand, lässt sich zwar in Zahlen ausdrücken - dreißig Regalkilometer Akten und Amtsbücher, fünfundsechzigtausend Urkunden aus elfhundert Jahren -, aber in menschlichen Begriffen nicht fassen. Unsere Vorstellungskraft braucht Einzelbelege, Indizien. Die liefert die Präsentation im Gropiusbau. Etwa der „Liber de animalibus“, das „Tierbuch“ des hochmittelalterlichen Gelehrten Albertus Magnus, einer von fünf weltweit erhaltenen Autographen. Oder, sieben Jahrhundert später, die „rote Schlussnummer“ der „Neuen Rheinischen Zeitung“ vom 19. Mai 1849, in welcher der ins Londoner Exil reisende Chefredakteur Karl Marx die Einstellung des Blattes bekanntgibt und die Arbeiter Kölns zum passiven Widerstand aufruft: „Die Preußen werden an Eurer Ruhe verzweifeln!“

Sie alle - Urkunden, Testamente, Partituren, Manuskripte, Pläne und Zeichnungen - haben gelitten, doch sie sind zu retten. Die Rettung allerdings wird teuer: Auf mehr als dreihundertfünfzig Millionen Euro schätzt Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia die Kosten für die Restaurierung ihrer Schätze, dreißig Jahre dürfte die Arbeit mindestens dauern. Kaum ein Viertel dieser Summe ist dem Archiv bisher aus öffentlichen Mitteln und Versicherungskassen zugesagt. Die meisten Restaurierungen der ersten Monate wurden aus privaten Spenden finanziert. Jetzt steht die Gefriertrocknung der beim Einsturz durchnässten und zum Schutz vor Fäulnis eingefrorenen Archivalien an. Wenn ihnen nicht innerhalb eines Jahres das Wasser entzogen wird, fallen sie dem Gefrierbrand zum Opfer. Bereits bei der Bergung wurde die Ordnung des Archivs komplett zerstört; allein die Erfassung sämtlicher Dokumente wird drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen.

Pietät hilft jetzt nicht weiter

Angesichts dieser Notlage wundert man sich, dass nicht mehr deutsche Museen dem Stadtarchiv ihre Schauräume öffnen. Im Gropiusbau haben die Kölner immerhin fast ein ganzes Stockwerk zur Verfügung, um mit hundert Exponaten eine Ahnung vom Reichtum ihrer Bestände zu geben. Unter ihnen ist auch jener Haufen zerrissenen Papiers, in dem Materialien aus ganz verschiedenen Stockwerken und Epochen zu einem trostlosen Schnipselberg vermischt sind. Um das Puzzle zu entwirren, setzen die Restauratoren ein Computerprogramm ein, das für die Rekonstruktion von Unterlagen des Stasi-Archivs entwickelt wurde. So hilft die jüngste deutsche Geschichte bei der Bewahrung der ältesten.

Dass in Archiven das kulturelle Gedächtnis des Landes aufgehoben wird, haben wir oft gehört. In Berlin sieht man nun, was das bedeutet: ein Originalmanuskript von Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ neben dem Libretto zu Hans Werner Henzes Oper „Die Bassariden“; ein Privilegienbuch der Hanse von 1484 neben einer beschädigten Zunfturkunde von 1247; ein Zivilstandsregister aus dem neunzehnten und der Amtsnachlass des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Die Zerstörung hat das Stadtarchiv nicht planmäßig verwüstet, sondern wie ein launischer Dämon hier einen Einband, dort ein ganzes Buch zerschmettert und gleich nebenan nur ein paar Siegel zerstampft; das Trinkglas aus den achtziger Jahren, das ein lokalpatriotischer Politiker dem Haus stiftete, blieb sogar völlig unversehrt. So lässt uns die Ausstellung am Schrecken wie am Glück der Archivare teilhaben. Man möchte sie effektsicher nennen, wenn das nicht pietätlos klänge. Aber vielleicht ist Pietät das Letzte, was das Kölner Stadtarchiv jetzt braucht.

Köln in Berlin. Nach dem Einsturz: Das Historische Archiv. Martin-Gropius-Bau, bis zum 11. April. Das Begleitbuch kostet 9 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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