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Identität : Wie deutsch ist eigentlich die AfD?

Wer sind diese Deutschen eigentlich? Die Grünen im bayrischen Landtag werben mit Durchguckwänden für einen eher flexiblen Umgang mit der Identität. Bild: dpa

Der Wille zur Identität ist zurück, das zeigen auch die aktuellen Wahlergebnisse. Aber was genau meinen Merkel, „Identitäre“ und AfD, wenn sie „Deutschland“ sagen?

          Was für eine Art Nachricht der Satz „Deutschland wird Deutschland bleiben“ darstellt, ist gar nicht so einfach zu bestimmen. Dass er tatsächlich eine Nachricht sein muss, daran gibt es keinen Zweifel, denn alle Medien, die diese Woche über das Interview der „Süddeutschen Zeitung“ mit der Kanzlerin, aus dem er stammt, berichteten, machten den Satz zur Schlagzeile. Aber welche Neuigkeit in ihm steckt und was er über die bloße Tautologie hinaus bedeutet, erschließt sich erst, wenn man nicht bei ihm selbst bleibt, sondern auf die nicht minder rätselhafte Vermutung blickt, auf die er reagiert: dass Deutschland nicht mehr Deutschland sei oder bleiben werde. Dass der Erwiderung fraglos Nachrichtenstatus zuerkannt wird, zeigt schon, wie weit verbreitet diese Vermutung sein muss. Sie grundiert die Kritik an Merkels Grenzöffnung vor einem Jahr, die zugleich ihr prägnantestes Realsymbol ist: Das Land gebe mit den Grenzen seine Kontur auf und überlasse sich dem Fluss der Weltläufe.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was aber ist mit diesem Gebilde genau gemeint, von dem die einen sagen, es verschwinde, und die anderen, es werde bleiben? Die zu Leitkultur-Debatten-Zeiten tausend Mal hin und her gewendete Identitätsfrage scheint im Getümmel zwischen „Identitären“ auf der rechten und „Postnationalen“ auf der linken Seite wieder präsent zu sein, unter anderen Vorzeichen allerdings. Als es um Leitkultur ging, konnte das Gerede von „kultureller Identität“ als Versuch entlarvt werden, anderen die Zwangsjacke einer ideologischen Konstruktion überzustülpen. Im Sinne der universellen Prinzipien des Westens galt es damals vor allem, die Freiheit jedes Einzelnen zu verteidigen, sich so oder anders zu seiner ihn umgebenden Kultur zu verhalten. Jetzt aber zeigt der Begriff ein Verlustgefühl an, das offenbar einen Teil der sogenannten Mehrheitsgesellschaft selbst ergriffen hat. Geblieben ist die schwer zu füllende Leere des Begriffs, und so stellt sich die Frage, welche Ängste und Konflikte in Wirklichkeit dahinterstecken.

          Was uns als Deutsche ausmacht

          Die Pointe sowohl bei Merkel als auch bei Innenminister de Maizière, der ebenfalls diese Woche im „Stern“ über eine unsicher gewordene nationale „Identität“ sprach, ist, dass beide den Deutschen abverlangen, zu benennen, was sie eigentlich ausmache, dazu aber selber nicht recht in der Lage sind. Es seien nicht allein die Flüchtlingskrise und die Bedrohung durch den Terrorismus, der die Leute heute verunsichere, sagt de Maizière, sondern etwas anderes: „Wir wissen nicht mehr genau, wer wir sind und wer wir sein wollen. Was uns als Deutsche ausmacht.“ Gefragt, was das denn nun sei, antwortet er: ein „aufgeklärter Patriotismus“, wie er sich bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 gezeigt habe, das besondere Verhältnis zu Israel, der Beitrag zur europäischen Kultur, „etwa durch Bach und Goethe“. Schon die Disparatheit dieser Elemente zeigt eben die Hilflosigkeit an, die der Minister selbst als Grund der mangelnden Widerstandsfähigkeit beklagt.

          Auf dass jede Kultur hübsch in ihrem vorgesehenen Raum bleibe und sich möglichst nicht bewege: Die „Identitäre Bewegung“ lehnt Grenzen und Utopien ab.
          Auf dass jede Kultur hübsch in ihrem vorgesehenen Raum bleibe und sich möglichst nicht bewege: Die „Identitäre Bewegung“ lehnt Grenzen und Utopien ab. : Bild: dpa

          Die Kanzlerin wiederum definiert das Deutschland, das „mit allem, was uns daran lieb und teuer ist“, bleiben werde, allein als Wertegemeinschaft. Der notwendige Wandel des Landes werde nicht als eine „aufgezwungene Veränderung“ erlebt werden, wenn „wir uns darüber klar sind, was uns wichtig ist“. Sie nennt Liberalität, Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft. Dies jedoch ist, so zutreffend die Analyse in sich ist, ein Zirkelschluss, der ihre Kritiker eher aufrühren als besänftigen dürfte: Zum Argwohn gegen die Flüchtlingspolitik gehört ja gerade der Vorwurf, da würden das Land und seine Kultur im Namen abstrakter Ideen preisgegeben. Das Deutschland, das diese Kritiker meinen, ist ein Wesen, das durchaus jenseits solcher universeller Werte zu finden ist.

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