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Stadtplanung und Stagnation : So viel Ignoranz und Mittelmaß hat Köln nicht verdient

  • -Aktualisiert am

Köln, ewige Baustelle Bild: dpa

In den zwanziger Jahren machte Konrad Adenauer aus Köln eine moderne Stadt. Die Gegenwart ist zum Heulen – wie lauter Projekte zeigen, die nicht vorangehen.

          Wer weiß, ob Adenauer nicht doch den Grünen beigetreten wäre, hätte es sie 1945 schon gegeben. Was Joseph Beuys 1982 auf der Documenta 7 für Kassel forderte, nämlich „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, das besorgte Adenauer als Bürgermeister von Köln in den zwanziger Jahren auf seine Weise: Stadtverwaldung durch Stadtverwaltung. Auf dem Grund der laut Versailler Vertrag zu schleifenden Stadtbefestigung entstanden ab 1922 die Kölner Grüngürtel, in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Stadtplaner Fritz Schumacher. Allein der äußere Gürtel hat eine Fläche von 800 Hektar, die Hälfte davon ist bewaldet. Ohne sie würden die Kölner heute wohl am Feinstaub ersticken. Dass dafür damals Grundstücksbesitzer enteignet wurden, nahm man in Kauf, es ging ums Ganze, den großen Wurf.

          Konrad Adenauer als Stadtplaner, das klingt unvertraut. Genau hundert Jahre nach seinem Amtsantritt 1917 widmet das Kölnische Stadtmuseum „Konrad dem Großen“ deshalb eine Schau, die die Anfänge des knorrigen CDU-Heiligen zeigt. Sogar ein Konrad Adenauer war einmal jung und mit 41 Jahren im Jahr 1917 sogar der jüngste Oberbürgermeister Deutschlands, auch bekannt als der „König von Köln“.

          Zentrum zwischen Berlin und Paris

          Adenauer machte in den zwanziger Jahren als Kommunalpolitiker Außenpolitik, indem er mit den Besatzungsmächten Frankreich und England verhandelte und Köln internationalisierte. An der 1919 neu gegründeten Universität entstanden deutsch-französische, deutsch-italienische, deutsch-spanische, deutsch-portugiesische und deutsch-niederländische Forschungsinstitute. Der Weltkrieg war vorbei, die Völkerverständigung wurde wieder großgeschrieben. Auch die Kölner Messe, die 1924 eröffnet wurde, sollte dazu beitragen – und Geld einbringen. Adenauer, lernen wir, agierte in einer für deutsche Kommunalpolitiker heute unvorstellbaren Eigenständigkeit. Der Beamtensohn war 1923 sogar bereit, das Rheinland als einen Bundesstaat aus dem deutschen Reich zu lösen, um die französische Besatzung loszuwerden.

          „Die Oberbürgermeister des heutigen Deutschlands sind in Wirklichkeit neben den Großindustriellen die Könige der Gegenwart“, notierte Reichskanzler Gustav Stresemann 1925 nach einem Besuch in Köln. Adenauer, der der Zentrumspartei angehörte, hätte wohl auch selbst Reichskanzler werden können, doch er blieb lieber in Köln. Warum, versteht man hier: Er konnte gestalten, die Stadt in die Moderne führen. Nach dem Ersten Weltkrieg startete Adenauer in Köln ein Modernisierungsprogramm, dessen Ergebnisse man heute noch sehen kann.

          Nicht nur die Grüngürtel, auch die Ford-Werke und das erweiterte Müngersdorfer Stadion entstanden in dieser Zeit, auch die Gewerbeschule und der Neubau der Universität. Die älteste deutsche Großstadt sah sich als ein neues Zentrum zwischen Berlin und Paris. Adenauer mochte privat einen konservativeren Geschmack haben, aber er stellte sich der Moderne nicht in den Weg. Architekten wie Wilhelm Riphahn prägten die Stadt mit klaren, sachlichen, manchmal auch expressiven Bauten.

          Was waren das für Zeiten, denkt man, als es noch eine visionäre und handlungsfähige Stadtregierung gab. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, bemerkt man schon, wenn man die Schwelle des Museums überschreitet, in dessen ziemlich angejahrten Ausstellungsräumen die Paraphernalien versammelt sind. Die Sonderausstellung „Konrad der Große“ ist das Einzige, was es im Kölnischen Stadtmuseum im Moment zu sehen gibt. Ein tropfender Wasserhahn hat dafür gesorgt, dass die ständige Ausstellung evakuiert werden musste. Der Boden war feucht – Gift für die Exponate, die nun eingelagert werden, für sechs Monate, wie es heißt. Von der „Depotisierung der Kölner Stadtgeschichte“ spricht der Museumsleiter. Doch selbst wenn der Wasserhahn nicht getropft hätte: Eine der wichtigsten stadthistorischen Sammlungen Europas kann seit Jahren nicht in angemessenem Umfang gezeigt werden. Deshalb soll das Stadtmuseum aus dem alten, renovierungsbedürftigen Zeughaus ausziehen und einen Neubau bekommen.

          „Sehr viele Vorschusslorbeeren“

          Die Betonung liegt auf „soll“. Auf der Südseite des Doms, wo heute das Kurienhaus steht, soll dieser Neubau entstehen. Den Architekturwettbewerb dafür gewann das Berliner Büro Staab, die Oberbürgermeisterin zeigte sich begeistert, „wie hingeküsst“ sehe der Entwurf aus. Die Nutzer des Neubaus wären das Stadtmuseum, die Verwaltung des Römisch-Germanischen Museums und das Archiv des Kölner Doms, das bislang im Kurienhaus untergebracht ist, aber bessere Bedingungen braucht. Die Planer wollen hier 2021 eine neue historische Mitte eröffnen, in der man Kölns lange Geschichte an einem Ort erleben kann: die ersten tausend Jahre im renovierten Römermuseum und die Zeit danach im Stadtmuseum, alles ganz neu konzipiert und im Schatten des Doms, mit Bibliotheken, Café und allem Drum und Dran. „Ein Ensemble, wie die Welt es bislang noch nicht gekannt hat“, nennt es die Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach.

          Doch erst im Herbst wird die Verwaltung verkünden, was das alles kosten soll, die Architekturentwürfe wurden ohne Kostenvoranschlag eingereicht. „Sehr viele Vorschusslorbeeren“ seien das „für ein Projekt, bei dem bislang völlig unklar ist, ob es jemals gebaut wird“, kommentierte der „Kölner Stadtanzeiger“. Denn richtig geplant wird erst, wenn das Römisch-Germanische Museum Ende 2017 geschlossen und der Neubau auf dem Nachbargrundstück beschlossen ist. Vor 2023 wird das Museum nicht fertig renoviert sein. Wie kurzfristig bekannt wurde, braucht man sechs Jahre, nicht drei. Wie diese Sanierung überhaupt ablaufen soll, dafür gibt es noch keine Pläne. Erst nach dem Auszug fängt man damit an. Dabei hat der Rat der Stadt bereits 2011 festgestellt, dass am Haus Sanierungsbedarf besteht. Zwölf Jahre liegen mindestens zwischen der Bedarfsfeststellung und der Vollendung – wenn es richtig gut läuft. In der Zeit hat Konrad Adenauer halb Köln umgekrempelt.

          Heinrich Hoerles „Kölner Zeitgenossen“ von 1932
          Heinrich Hoerles „Kölner Zeitgenossen“ von 1932 : Bild: Rheinisches Bildarchiv, Wolfgang

          Noch verrückter geht es bei der Oper zu, dem Kölner Äquivalent zum Flughafen BER. Seit 2012 ist das von Wilhelm Riphahn 1957 bis 1962 errichtete Haus für eine Sanierung geschlossen, die 2015 beendet sein sollte; aber es wird wohl kaum vor 2023 zur Wiedereröffnung kommen. Mittlerweile haben sich die Kosten von 253 auf mindestens 570 Millionen Euro erhöht, dazu kommen Mietkosten für die Ausweichquartiere. Die SPD denkt schon laut darüber nach, das denkmalgeschützte Gebäude abzureißen und eine neue Oper zu bauen. Die Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat mittlerweile entschieden, der Kulturbehörde die Verantwortungen für Bauten zu entziehen.

          Die Oper, Kölns BER

          Nun gibt es Probleme mit komplexen Sanierungen und Neubauten auch in anderen Städten. Aber nicht jedes Haus ist ein Flughafen oder eine Oper. Wohin man schaut in Köln, stehen bedeutende Gebäude leer, warum auch immer. Das „Dom-Hotel“ liegt dem Römisch-Germanischen Museum gegenüber und ist einen Steinwurf vom Dom entfernt. Eines der ältesten Grandhotels ins Europa, das bis 2013 zu den besten Adressen Kölns zählte. Auch wer hier nicht übernachtete, konnte an der Bar sitzen und den Passanten auf dem Roncalliplatz zusehen. Im Moment ist das „Dom-Hotel“ ein Geisterhaus. Es soll noch mindestens zwei Jahre leerstehen. Auch in Wilhelm Riphahns Bastei am Rheinufer von 1924 herrscht eine gespenstische Ruhe. Die Bastei ist ein expressionistisches, 1985 saniertes Kleinod der modernen Architektur, das Riphahn auf den Sockel eines alten Wehrturms setzte, verglast, elegant und funktional, die Küche hatte lange einen Michelinstern. Warum kann man hier nicht essen, trinken, tanzen, schauen? Dafür müsste man in der Bastei schon heiraten. Das Haus ist nur für Veranstaltungen zu mieten, Auflagen der Behörden und die Verweigerung von Investitionen in das Haus hatten der Gastronomie den Garaus gemacht.

          Für das öffentliche städtische Leben spielt die Bastei keine Rolle mehr, die Stadt hat sie 2001 an ihre Messegesellschaft verkauft und sich der Verantwortung für den Betrieb entzogen. Das Objekt müsse saniert werden, sagt der letzte Pächter, Kaufinteressenten kapitulieren aber vor dem Auflagenwahn der Verwaltung, die an neunzig Jahre alte Häuser Maßstäbe anlegt wie an Neubauten. Und so bleibt die Bastei leer. Es ist ja nur ein Restaurant. Aber eben auch eine der interessanteren Architekturen in einer Stadt, die davon nicht endlos viel zu bieten hat, seitdem sie im Zweiten Weltkrieg zu achtzig Prozent zerstört wurde.

          Der Colonius
          Der Colonius : Bild: dpa

          Von überall sichtbar ragt der Colonius empor, 266 Meter hoch. Der Fernmeldeturm, sei er nun schön oder nicht, ist Teil des Silhouette einer Stadt, die wegen des Weltkulturerbes Dom kaum hohe Gebäude hat. Von einem Turm kann man Zusammenhänge erkennen, den Stadtraum wahrnehmen, Veränderungen in Relation setzen. Vor dem Berliner Fernsehturm, stolzes Werk der Werktätigen der DDR, stehen sich die Leute heute die Beine in den Bauch. In Köln kann man seit 1994 nicht mehr ins Restaurant, seit 1998 ist sogar die Aussichtsplattform dicht. Das höchste Gebäude der Stadt ist seit zwanzig Jahren unbetretbar. Der Brandschutz taugt nicht mehr, auch hier müsste man renovieren. Aber der Turm gehört der Deutschen Funkturm GmbH, einer Tochter der Deutschen Telekom, und die braucht ihn nur als Sendemast, nicht als Aussichtsplattform.

          In Hamburg, das auch nicht gerade im Geld schwimmt, übernimmt die Stadt deshalb gerade die Hälfte der 37 Millionen Euro teuren Sanierung des Heinrich-Hertz-Turmes – und bekommt dafür ein Wahrzeichen, eine zusätzliche Attraktion. Der Bund übernimmt die andere Hälfte. Geht das nicht auch in Köln? Dazu müsste es erst mal eine Stadtverwaltung geben und eine Bürgermeisterin, die das interessiert. Doch die lehnen jede Beteiligung ab, wie man Anfang des Jahres im „Kölner Stadtanzeiger“ lesen konnte. Es ist die typische Haltung, mit der Köln regiert wird: Ignoranz und Mittelmaß. Das hat eine Stadt mit so viel Substanz nicht verdient.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und die Liste geht weiter: Der „Musical Dome“, ein hässliches blaues Zelt in Bestlage zwischen Rhein und Hauptbahnhof, unweit des Doms, dieses billige Provisorium aus Containern, Stahlgerüst und Plastikplane, wurde 1996 binnen Monaten hochgezogen und ist mit das Erste, was man sieht, wenn man mit dem Zug in diese Stadt kommt. Es wirkt, als sei alles egal. Kein Stolz, kein Gestaltungswille, nur Ausflüchte. Klar, es ist ja nur ein Haus. Auch das Hansahochhaus von Jacob Koerfer ist nur ein Haus. In der Nordstadt entstand 1924 der höchste Profanbau Europas und eines der ersten Hochhäuser. Es wurde in 135 Tagen gebaut, nachdem Adenauer bei der Baupolizei Druck gemacht hatte. Er hoffe, schrieb er Koerfer, „dass ihr Wagemut Erfolg haben wird“. Hundertfünfunddreißig Tage, denkt man, das sind keine fünf Monate. Und es steht immer noch.

          „Konrad der Große. Die Adenauerzeit in Köln 1917–1933“, Kölnisches Stadtmuseum, bis 19. November, Katalog 24,90 Euro

          Quelle: F.A.S.

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