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Faszination Walzer : Gut gegen Revolution

Schwungvoll und innig: Camille Claudel schuf ihre Bronzeskultpur „La Valse“ 1895 Bild: Picture-Alliance

Der Walzer gilt als lebensbejahend und ist idiotensicher zu betanzen. Aber manche Stücke im berühmten Dreivierteltakt weisen doch einen Trauerrand auf. Eine Antwort auf die Leserfrage: Warum macht uns der Walzer melancholisch?

          Was für eine böse Frage! An welchen Walzer beispielsweise dächten Sie da? An „La Valse“ von Ravel? Oder doch eher an die schöne blaue Donau? Falls Sie Letzteres meinen, und das ausgerechnet jetzt, dann sind Sie entweder ein Sektierer oder einfach nur ein Miesepeter. Die historisch bewährte Mehrheitsmeinung der musikliebenden Menschheit ist ja wohl die, dass dieser Walzer op. 314 von Johann Strauss (Sohn) wie nichts sonst geeignet ist, um atemlos, glänzend, gesund und glücklich die Jahreswechsel zu überstehen.

          Im Dreivierteltakt (wahlweise: Sechsachteltakt) sind bereits ungezählte prominente Paare in den Himmel der Liebe getanzt, Aschenbrödel und der Prinz, Sisi und der Kaiser, Lilian Harvey und der Zar, um nur einige zu nennen, wobei die Hunderte von taufrischen Debütantinnen und Debütanten nicht unerwähnt bleiben dürfen, die alle Jahre wieder die alten Walzerschrittfolgen neu einstudieren, um den Wiener Opernball zu eröffnen, oder aber den in Dresden, der Ende Januar wieder einmal die bessere Hälfte Sachsens aus dem Häuschen treiben wird. Tanzdemonstranten aller Altersklassen werden den Theaterplatz verstopfen. Jeder guten Willens ist hier willkommen. Selbst Menschen mit drei linken Füßen können die Choreographie (dank Semperopern-App) leicht erlernen. Wieder wird, zwischen den Walzerrunden, der Sankt-Georgs-Orden verliehen werden, an Menschen, die, wie der heilige Drachentöter, „für das Gute in der Welt“ kämpfen. Putin hat ihn schon bekommen, auch Til Schweiger, Königin Silvia und Michael Ballack. Guido Maria Kretschmer wird moderieren. Und die sollten sich alle geirrt haben?

          Nein: Walzertanzen an sich macht glücklich, der Walzer gehört auf die gute Seite der Macht. Aber es gibt natürlich verschiedene Sorten von Walzern. Auch langsame. Auch traurige. Sie heißen dann extra so. Das ist wie bei Maklern. Der Makler an sich muss sich seiner Arbeitsplatzbeschreibung entsprechend verhalten. Sollte einer mal ausnahmsweise kein Halunke sein, dann nennt man ihn einen „ehrlichen“ Makler. Der „Valse Triste“ op. 44 von Jean Sibelius, zum Beispiel, heißt so, weil man ihn besser nicht tanzen sollte. Es ist ein äußerst langsamer Konzertwalzer. Sibelius schrieb ihn für das Theaterstück „Der Tod“ von Arvid Järnefelt, darin er die Sterbeszene illustriert. Der Sohn, am Bett der Mutter wachend, ist eingeschlafen. Woraufhin sie plötzlich das Lager verlässt und im Nachthemd, mit geschlossenen Augen, mit allerhand schwarzen Schatten, die zum Fenster hereinwehen, zu tanzen beginnt. Very spooky, ein bisschen komisch. Dieser Walzer beginnt erst auf dem zweiten Schlag, eine Verspätung, die er wie eine Schleppe gute fünf Minuten mit sich herumträgt, was einen schon trübsinnig machen kann. Dann klopft der Tod an die Tür. Exitus.

          Auch der schnelle Wiener Walzer hat rhythmisch eine kleine Schleppe eingebaut, hier sollte der zweite Schlag um eine Winzigkeit zu früh kommen, der dritte aber eine Winzigkeit zu spät. Macht nicht melancholisch, gibt Schwung. Korrekt können das nur die Wiener Philharmoniker spielen, sie haben das Agogische quasi im Blut, denn in Wien stand einst die Wiege des Walzers, von dem der Musikkritiker Eduard Hanslick (Busenfreund von Johannes Brahms) etwas schmalzig schrieb, er sei die „Marseillaise der Herzen“ und habe mit dafür gesorgt, dass in Wien nie so richtig eine Revolution habe ausbrechen können. Ob das der k. u. k. Monarchie am Ende zum Guten gereichte, ist allerdings sehr die Frage.

          Es gibt Indizien dafür, dass die Wiener das Ende vorausgeahnt haben. Von Brahms jedenfalls gibt es eine ganze Serie von Liebesliederwalzern, alle irgendwie mit einem Trauerrand. Und zum „Donauwalzer“, benannt nach dem offiziellen Text von 1889 („Donau so blau, so blau“), gibt es einen Urtext, der zwanzig Jahre zuvor für die Uraufführung gedichtet worden war von Polizeikommissar Josef Weyl, Hausdichter des Wiener Männergesang-Vereins. Echt melancholisch. Auszugsweise geht das so: „Bässe: Wiener, seid froh. / Tenöre: Oho, wieso? / Bässe: No, so blickt nur um. / Tenöre: I bitt, warum? / Bässe: Ein Schimmer des Lichts. / Tenöre: Wir sehn noch nix! / Bässe: Fasching ist da! / Tenöre: Ach so, na ja. / Bässe: Drum trotzet der Zeit. / Tenöre (kläglich): O Gott, die Zeit. / Bässe: Der Trübseligkeit. / Tenöre: Ah! Das wär g’scheit!“ Hm. Gar nicht so dumm.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.S.

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