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Hollywood vs. China : Kulturelle Einfalt steigert den Gewinn

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In heftiger gegenseitiger Umarmung: China und Amerika, vertreten von dem Jungen im Iron-Man-Kostüm und Iron Man Robert Downey Jr. . Bild: (c) Imaginechina/Corbis

Chinesische Zensoren zu vergrätzen wird für Hollywood teuer. Doch die Regularien sind unklar. Da liegt es nahe, die Chinesen gleich als Investoren ins Boot zu holen. Das Ergebnis sehen wir in unseren Kinos.

          Im Februar 2016 kommt der Anti-Superheldenfilm „Deadpool“ in die Kinos. Die satirische Comicverfilmung wird von den Kritikern überwiegend positiv aufgenommen, an den Kinokassen spielt der Film weltweit mehr als 700 Millionen Dollar ein. In China hingegen warten Fans vergeblich auf eine Veröffentlichung. Obwohl in den letzten Jahren schon mehrere Comicverfilmungen aus dem Marvel-Universum im zweitgrößten Filmmarkt der Welt anlaufen durften, sind die Zensoren bei „Deadpool“ überraschenderweise unerbittlich – zu viel Gewalt, zu viel Nacktheit, zu viel Gefluche. Für das Studio ist die Entscheidung eine herbe Niederlage. Einnahmen in Millionenhöhe gehen 20th Century Fox flöten.

          Noch vor wenigen Jahrzehnten machten Hollywoodfilme einen Großteil ihres Umsatzes in den Vereinigten Staaten. Vorwiegend für den amerikanischen Geschmack produziert, musste der Rest der Welt akzeptieren, was er aus Kalifornien geliefert bekam. Doch diese Zeiten sind vorbei. Schon längst bestimmen die Investoren und Shareholder der Mutterkonzerne, was gedreht wird. Es zählt der Umsatz, nicht die Kunst. Filme sind ein Investment, das sich lohnen soll und muss, wenn die Studios überleben wollen. Es heißt, Hollywood stehe jetzt kurz davor, sich für immer zu verändern. Doch der Wandel ist längst vollzogen.

          China als größter Filmmarkt?

          Der Grund sind die Filmvorlieben der bevölkerungsreichsten Nation der Welt. Im 21. Jahrhundert ist China auch im Filmgeschäft zu einem der dominierenden Spieler aufgestiegen. Kinobesuche sind zum beliebten Freizeitvergnügen der wachsenden Mittelschicht geworden, und das Land ist auf dem besten Weg, der größte Filmmarkt der Welt zu werden. Glaubt man den offiziellen chinesischen Quellen, entstehen im Reich der Mitte durchschnittlich 22 neue Leinwände und das jeden Tag. Noch vor vier Jahren zählte man gerade einmal 9200, mittlerweile sind es mehr als 31000, Tendenz steigend. So verzeichnet der chinesische Filmmarkt glänzende Einnahmen, 6,78 Milliarden Dollar allein im letzten Jahr.

          Hollywood ist das nicht entgangen. Vor allem die Hunderte Millionen Dollar verschlingenden Blockbuster entfachen an den chinesischen Kinokassen ein finanzielles Feuerwerk; das Kino der Attraktionen, wie der Filmwissenschaftler Tom Gunning es einmal bezeichnete, verkauft sich wie warme Semmeln – Action als Kulturen übergreifender Erfolgsgarant. Dialoglastige Filme hingegen, das Arthousekino, kurzum alles, was in westlichen Intellektuellenmilieus als künstlerisch wertvoll gilt, hat im Land der aufgehenden Sonne nur geringe Chancen.

          Strenge Vorlagen der Zensoren

          Ohnehin schafft es nur ein kleiner Prozentsatz der Hollywoodproduktion in chinesische Kinos. Gerade einmal 34 ausländische Filme dürfen pro Jahr in China gezeigt werden, und auch das nur zu bestimmten Zeiten. Die Sommermonate sind den Eigenproduktionen vorbehalten.

          Wer zu den 34 Auserwählten gehört, entscheiden die Zensoren. Diese Beschränkung hat beträchtliche Auswirkungen auf die Konzeption der Filme. Besonders bei den teuren Blockbustern fürchten die Studios um ihre Gewinne, sollten es die Filme nicht an der Importquote vorbei schaffen. Wie teuer es werden kann, chinesische Zensoren zu vergrätzen, musste zuletzt Sony Pictures erfahren. Den Thriller „Captain Philipps“ lehnten die Zensoren wegen der zu positiven Darstellung des amerikanischen Militärs im letzten Moment ab. Sony musste auf Einnahmen von rund neun Millionen Dollar verzichten – immerhin 16 Prozent der Produktionskosten. Dabei traf es mit „Captain Philipps“ einen vergleichsweise kleinen Fisch. Um nicht ein ähnliches Schicksal mit einer bedeutend teureren Produktion zu erleiden, greifen die Studios im häufiger zur Schere – gedanklich und am Schneidetisch.

          Ein Beispiel für diese Polierpolitik ist „Skyfall.“ Auf der Jagd nach einem Attentäter macht James Bond in Schanghai Station. In ihrem kühl leuchtendem Neonschein wirkt die Stadt wie das Sinnbild der Zukunft. Doch dann begeht der Film einen Fauxpas: Bond erreicht ein Hochhaus, einige chinesische Wachleute liegen bereits erschossen auf dem Boden, mühelos niedergestreckt von Bonds Gegenspieler. Was westliche Zuschauer nicht einmal wahrnahmen, stellte für chinesische Zensoren einen Affront dar. Die Wachleute, so die Lesart, werden als unfähig dargestellt – ein Tabubruch. Die Szene war in keinem chinesischen Kino zu sehen.

          Hollywoods Bemühungen lohnen sich nicht immer

          Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Der Katastrophenfilm „World War Z“ wurde um Szenen bereinigt, die den Ursprung der Zombie-Apokalypse in China verorteten, Chris Columbus Flop „Pixels“ verzichtete auf Stellen, die die Zerstörung der Großen Mauer zeigten. Zumindest Ersterem nützte die dies wenig. In China erhielt der Film keine Freigabe. Auch bei „Django Unchained“ reichten die Bemühung Hollywoods nicht aus. Regisseur Quentin Tarantino überwachte 2013 höchstpersönlich Anpassungen, um den Film in China zeigen zu dürfen, doch vergeblich. Am Tag der Veröffentlichung wurde der Film landesweit aus den Kinos zurückgezogen und durchlief eine zweite Runde Schnitte, diesmal durch offizielle Stellen. In China waren Django und seine Frau Brunhilde nicht nackt zu sehen, ebenso wenig erinnert sich Dr. King Schultz an die brutale Zerstückelung eines Sklaven durch Calvin Candys Hunde: „Django Unchained“ in der Weichspülervariante.

          Noch vor zwanzig Jahren kümmerten solche Probleme in Hollywood niemanden. Als der Film „Sieben Jahre in Tibet“ im Oktober 1997 von China als westliche Propaganda verurteilt wurde und das Land mit Importstopps für andere Filme drohte, reagierten die Studiobosse gelassen. Man wusste, dass die eigenen Produktionen beliebt sind und das Land die Anteile aus den Ticketverkäufen dringend brauchte, um die einheimische Filmwirtschaft zu unterstützen. Heute sitzt China am längeren Hebel, die Studios müssen Folge leisten.

          Ein elementares Problem für Hollywoods Filmemacher sind die unklaren Regularien. Das Land hat keine offizielle Filmbewertungsstelle, stattdessen entschieden die Zensoren der „State Administration of Press, Publications, Radio, Film and Television of the People’s Republic of China“, SAPPRFT, über Wohl und Wehe eines Films. Geschnitten wird, was die Partei für unwürdig erachtet: Sex, Gewalt, übermäßig grobe Sprache und generell jede negative Darstellung der Politik und Kultur Chinas im Allgemeinen. Was genau in diese Kategorie fällt, ist Auslegungssache.

          Joint Ventures ist die Lösung des Problems

          Doch Hollywood wäre nicht als Stadt der Hinterzimmerdeals zu Berühmtheit gelangt, wenn es nicht auch für dieses Problem Lösungen entwickelt hätte. Denn die Quote hat ein Schlupfloch: Joint Ventures. Sobald sich eine chinesische Firma an der Produktion beteiligt, fällt der Film nicht länger unter die Quote und kann gezeigt werden. Doch auch hier gilt: Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’. Abgesehen von den Zensurkriterien sind die Studios verpflichtet „chinesische Elemente“ in den Film einzuarbeiten, damit Geld fließt und die Quote umgangen werden darf. Sichtbar wird das an Michael Bays Materialschlacht „Transformers: Age of Extinction“, den die New York Times gar als den ersten chinesischen Hollywood-Blockbuster bezeichnete. Der vierte Teile spielt streckenweise in China, bekannte chinesische Schauspieler wie Li Bingbing bekamen Nebenrollen und in typischer Bay-Manier strotzt der Film vor Schleichwerbung – diesmal jedoch vor allem für Produkte chinesischer Firmen.

          Auch „Iron Man 3“ profitierte von einer Kooperation mit der chinesischen Unterhaltungsfirma DMG. Der Held Tony Stark wird kurzerhand durch einen chinesischen Chirurgen gerettet, doch die Szene war so stümperhaft in die restliche Handlung eingebaut, dass selbst chinesische Kinobesucher irritiert waren. Für die Verleihversionen außerhalb Chinas ließ man die Szene freilich wieder unter den Schneidetisch fallen, nachdem sie in Testvorführungen auf wenig Gegenliebe bei internationalem Publikum gestoßen waren.

          Trotz der Einschränkungen ist Hollywood gerne bereit, solche Bedingungen in Kauf zu nehmen, schließlich wird ihnen die vermeintlich bittere Medizin auf einem goldenen Löffel gereicht. Anstelle der üblichen 25 Prozent Beteiligung an den Einnahmen in China, erhalten die Studios bei Koproduktionen satte 43 Prozent. Ein gutes Geschäft. „Transformers: Age of Extinction“ spielte in den Vereinigten Staaten 244 Millionen Dollar ein, in China 301 Millionen.

          Die Sorge um die Folgen

          Dass die Ästhetik der großen Filme schon lange untrennbar mit der Frage nach der Finanzierung und den Einspielergebnissen verbunden ist, ist keine Neuigkeit, auch im modernen Blockbusterkino kann das eine ohne das andere nicht mehr gedacht werden. Bleibt die Frage nach den langfristigen Folgen. Vielleicht sind Schnitte, nachdem der Film im Kasten ist, nicht einmal das Schlimmste. Doch was ist mit den Filmen, die gar nicht erst produziert werden, weil sie den Umsatz auf dem demnächst größten Filmmarkt der Welt gefährden könnten? Und was, wenn China nur den Präzedenzfall schafft und andere Märkte nachziehen? Werden dann nur noch Filme entstehen, die möglichst nirgendwo anecken?

          Ironischerweise hat ausgerechnet eine amerikanische Produktionsfirma vorgemacht, warum genau diese Überlegung sehr lukrativ sein kann – Pixar. Deren Filme bauen, wie der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger bemerkt, auf der größtmöglichen Reduktion kultureller Merkmale auf, um international erfolgreich zu sein. Warum also sollte, was bei Animationsfilmen funktioniert, nicht auch bei Spielfilm-Blockbustern zur Anwendung kommen?

          Quelle: F.A.Z.

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