http://www.faz.net/-gqz-8l2o1

Gustaf Gründgens und die Nazis : Hamlet ’36

Marianne Hoppe als Königin Gertrude und Maximilian Schell als Hamlet in einer Inszenierung von Gustaf Gründgens im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Die Premiere fand am 14. April 1963 statt. Bild: Picture-Alliance

War Gustaf Gründgens „Hamlet“ den Nazis genehm? Wikipedia behauptet das – aber das Quellenstudium fördert anderes zutage. Geschützt wurde er trotzdem.

          Wer hat schon die Geschichte der deutschen Hamlet-Aufführungen seit dem siebzehnten Jahrhundert parat? Man schlägt bei Wikipedia nach. 1933, heißt es da, wurden Regisseure wie Leopold Jessner, Fritz Kortner und Max Reinhardt vertrieben. Und dann kam Gründgens: „Die Ideologie der Nazis beförderte ein heroisierendes Hamletbild und dieses wurde 1936 erfolgreich von Gustaf Gründgens bedient.“ Steht so da, schwarz auf weiß. Klingt ja auch irgendwie plausibel.

          Nun war Gründgens seit 1934 Intendant des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin. Aber „heroisierend“? Dieser Ironiker, Intellektuelle, Zyniker, über dessen Homosexualität Spottverse umliefen? Der „Völkische Beobachter“ sah es im April 1936 anders als Wikipedia, nämlich so: „Nie aber wird ein Darsteller dem Hamlet gerecht werden können, wenn er sich lediglich darin gefällt, mit dekadent-morbider Eitelkeit, in der Nachfolge Oscar Wildes und seines Gentlemanverbrechers Dorian Gray, Hamlets geistreiche ‚Causerien‘ als Inhalt und nicht als Maske zu spielen, ohne das Vermögen, unter der Hülle des täuschenden Wortes die blanke Klinge der Bereitschaft aufblitzen zu lassen. ‚Denn in Bereitschaft stehn, ist alles!‘“ Das war der Schlussabsatz des Artikels, und er war typographisch durch Fettung hervorgehoben.

          Der Name Gründgens fiel gar nicht, aber die Anspielung auf Oscar Wilde reichte. Sie war gefährlich. Homosexuelle waren schon ins Konzentrationslager gekommen. Gründgens fuhr nach Basel und schrieb an Hermann Göring (als preußischer Ministerpräsident Gründgens’ Dienstherr), er werde Deutschland für längere Zeit verlassen. Kurz vor den Olympischen Spielen eine unliebsame Nachricht! Göring ließ sich mit Gründgens verbinden und forderte ihn zur Rückkehr auf. Aber, so Gründgens, wie stehe es mit dem Artikel im „Völkischen Beobachter“? Kein Thema, gab Göring zurück, den Journalisten habe man schon verhaftet. Was übrigens stimmte, er hieß Waldemar Hartmann wie der Sportexperte.

          Gründgens kehrt nach Berlin zurück und wird Preußischer Staatsrat, was in seiner Lage einen unschätzbaren Vorteil bedeutet: Verhaftet werden kann ein Staatsrat nur mit Görings ausdrücklicher Zustimmung. Marcel Reich-Ranicki hat in seinen Lebenserinnerungen über den Berliner Hamlet 1936 berichtet: Gründgens „spielte einen jungen, einen vereinsamten Intellektuellen, der, ‚von des Gedankens Blässe angekränkelt‘, isoliert ist. Hamlets Worte ‚Die Zeit ist aus den Fugen‘ und ‚Dänemark ist ein Gefängnis‘ hatte Gründgens – so schien es mir jedenfalls – besonders hervorgehoben. Nachdem ich Gründgens gesehen hatte, habe ich jede Szene des ‚Hamlet‘ anders gelesen als zuvor.“ Man ist nicht auf Wikipedia allein angewiesen, aber man muss die Wahrheit schon kennen, um sie dann auch finden zu können. Nun noch eine gute Nachricht: Der Wikipedia-Artikel über Eschwege ist die Gediegenheit selbst.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Bis die Ohren bluten

          Opernausstellung in London : Bis die Ohren bluten

          Was sehen wir im Museum, wenn das Thema „Oper“ heißt? Gehört Musiktheater nicht vor allem auf die Bühne? Das Londoner Victoria and Albert Museum inszeniert eine vermeintlich elitäre Gattung.

          Der Mann hinter Wikipedia Video-Seite öffnen

          Jimmy Wales : Der Mann hinter Wikipedia

          Der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia könnte Geld wie Heu scheffeln, wenn die Werbeindustrie Anzeigen auf Wikipedia stellen dürfte. Darf sie aber nicht. Warum ist Jimmy Wales nicht am Profit interessiert?

          Die Täter machen es wie die Nazis

          Judenhass in Frankreich : Die Täter machen es wie die Nazis

          Verbrechen an Juden werden totgeschwiegen – und in der Banlieue grassiert der islamische Antisemitismus: Die feministische Philosophin Elisabeth Badinter klagt Frankreichs Medien und Politik an.

          Die Autoren und das Geld hinter Wikipedia Video-Seite öffnen

          Gestiftetes Wissen : Die Autoren und das Geld hinter Wikipedia

          Wikipedia ist die am fünfthäufigsten besuchte Internetseite und damit eine der wertvollsten Plattformen weltweit. Dahinter steckt keine Profitidee, sondern eine Stiftung, die ohne Werbeeinnahmen auskommt.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Übergabe in schwierigen Zeiten: Tillich und sein designierter Nachfolger Kretschmer am Donnerstag in Dresden

          Tillichs Rücktritt : Im Tal der Ratlosen

          Stanislaw Tillich hatte sich nie um sein Amt gerissen. Dass er nun zurücktreten will, hat Sachsens CDU dennoch überrascht. Wie geht es nun weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.