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Walter Jens : Vaters Vergessen

  • -Aktualisiert am

Der große Rhetor verstummt: Walter Jens im Mai 2007 Bild: AP

Demenz wird in einer alternden Gesellschaft zum Krankheitsbild, das fast jede Familie heimsuchen wird. Auch dem großen Rhetor Walter Jens ist die Erinnerung abhandengekommen. Sein Sohn Tilman Jens über das allmähliche Verstummen seines Vaters.

          Es ist in keinem medizinischen Lehrbuch verzeichnet und scheint doch die Krankheit einer ganzen Generation, jenes Altersleiden, das in letzter Zeit auch Künstler und Schriftsteller erfasst. Manchmal genügt eine einzige vergilbte Karteikarte, um die Symptome, nach Jahrzehnten der Unauffälligkeit, zum Ausbruch zu bringen. Gestandenen Männern versagt das Gedächtnis. Virtuosen des Wortes beginnen zu stammeln. Erfolgsverwöhnte Vorbilder, moralische Instanzen dieser Republik, verdiente Ruheständler im neunten Jahrzehnt erstarren in Panik - vor einem Karriereknick.

          Diese verfluchten Kästen in einem tristen Keller des Bundesarchivs, Berlin-Lichterfelde! Ohne die Wende wären sie wohl noch immer unter Verschluss, im Besitz der amerikanischen Alliierten, und hätten das Geheimnis der elf Millionen Karteikarten, mag sein: für immer, begraben. Elf Millionen Zettel, die elf Millionen NSDAP-Mitgliedschaften verzeichnen. Elf Millionen braune Flecken. Große und kleine, manche sind winzig. So winzig, dass man sie eilends vergaß, die Parteieintritte derer, die noch halbe Kinder waren, als sie sich einreihten in die Bewegung.

          Unvermutete Namen

          Aber peinlich muss es doch gewesen sein, von der eigenen Verführbarkeit zu erzählen, später, als der Krieg zu Ende war. Also machten es die Jungen wie die Alten. Sie schwiegen. Die meisten sind lang schon schweigend gestorben. Niemand hat sie behelligt. Und wer noch lebt, der hat mit dem winzigen braunen Flecken seinen Frieden gemacht. Es wird schon keiner daran rühren. Aber dann, Mitte der neunziger Jahre, öffneten sich die knarzenden Karteikästen und offenbarten unvermutete Namen. Unsere Besten: Siegfried Lenz, Dieter Hildebrandt, Hermann Lübbe, den Denker, den gütigen Erhard Eppler. Unterschiedliche Charaktere, die eines verbindet: Sie alle hätten es sich leisten können, freimütig und ohne Angst vor öffentlicher Schelte über ihre postpubertären Verwirrungen zu reden. Doch ach!

          Inge und Walter Jens im Oktober 2005 auf der Frankfurter Buchmesse

          So viele der souverän Geglaubten haben über der späten Enthüllung, die kaum den Namen verdient, die Fassung verloren, reklamierten Erinnerungslücken und redeten sich um Kopf und Kragen. Das vermaledeite Altersleiden, das eine bewegende Krankengeschichte minutiös dokumentiert. Der achtzigjährige Verleger Alfred Neven DuMont hat 26 prominente Zeitgenossen der Jahrgänge 1926/27 - sie waren also nicht einmal zwanzig, als das „Tausendjährige Reich“ unterging - dazu ermuntert, ihre persönlichen Erinnerungen an die Nazi-Zeit aufzuschreiben, bevor es zu spät ist und sie, die letzten Zeugen, unter der Erde sind („Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“. Hrsg. von Alfred Neven DuMont, DuMont Buchverlag). Er hat ihnen Mut gemacht, sich in einem noblen Vorwort gegen jede Aburteilung der Berichterstatter in eigener Sache verwahrt.

          Es ist zum Heulen

          Welch eine Chance. Doch wie enttäuschend - und wie signifikant! - sind zumeist die Texte der Beteiligten. Dieter Hildebrandt - ein Erinnerungskünstler, er hat es in seiner Rückschau „Was bleibt mir übrig?“ bewiesen - ergeht sich in launischen Kameradschaftsberichten aus dem schlesischen Schützengraben. Der berlinernde Feldwebel heißt Weißderteufel, der Oberstleutnant Weißichnichtmehr. Das ist Programm. Das große Vergessen. Der begnadete Spötter nimmt sich nicht in die Mangel. Er sagt nicht, wie das denn war mit der Partei. Er geht nicht einmal in die Offensive, sondern zieht eine Nummer ab, die weit, weit hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Es ist zum Heulen.

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