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Walter Jens Vaters Vergessen

 ·  Demenz wird in einer alternden Gesellschaft zum Krankheitsbild, das fast jede Familie heimsuchen wird. Auch dem großen Rhetor Walter Jens ist die Erinnerung abhandengekommen. Sein Sohn Tilman Jens über das allmähliche Verstummen seines Vaters.

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Es ist in keinem medizinischen Lehrbuch verzeichnet und scheint doch die Krankheit einer ganzen Generation, jenes Altersleiden, das in letzter Zeit auch Künstler und Schriftsteller erfasst. Manchmal genügt eine einzige vergilbte Karteikarte, um die Symptome, nach Jahrzehnten der Unauffälligkeit, zum Ausbruch zu bringen. Gestandenen Männern versagt das Gedächtnis. Virtuosen des Wortes beginnen zu stammeln. Erfolgsverwöhnte Vorbilder, moralische Instanzen dieser Republik, verdiente Ruheständler im neunten Jahrzehnt erstarren in Panik - vor einem Karriereknick.

Diese verfluchten Kästen in einem tristen Keller des Bundesarchivs, Berlin-Lichterfelde! Ohne die Wende wären sie wohl noch immer unter Verschluss, im Besitz der amerikanischen Alliierten, und hätten das Geheimnis der elf Millionen Karteikarten, mag sein: für immer, begraben. Elf Millionen Zettel, die elf Millionen NSDAP-Mitgliedschaften verzeichnen. Elf Millionen braune Flecken. Große und kleine, manche sind winzig. So winzig, dass man sie eilends vergaß, die Parteieintritte derer, die noch halbe Kinder waren, als sie sich einreihten in die Bewegung.

Unvermutete Namen

Aber peinlich muss es doch gewesen sein, von der eigenen Verführbarkeit zu erzählen, später, als der Krieg zu Ende war. Also machten es die Jungen wie die Alten. Sie schwiegen. Die meisten sind lang schon schweigend gestorben. Niemand hat sie behelligt. Und wer noch lebt, der hat mit dem winzigen braunen Flecken seinen Frieden gemacht. Es wird schon keiner daran rühren. Aber dann, Mitte der neunziger Jahre, öffneten sich die knarzenden Karteikästen und offenbarten unvermutete Namen. Unsere Besten: Siegfried Lenz, Dieter Hildebrandt, Hermann Lübbe, den Denker, den gütigen Erhard Eppler. Unterschiedliche Charaktere, die eines verbindet: Sie alle hätten es sich leisten können, freimütig und ohne Angst vor öffentlicher Schelte über ihre postpubertären Verwirrungen zu reden. Doch ach!

So viele der souverän Geglaubten haben über der späten Enthüllung, die kaum den Namen verdient, die Fassung verloren, reklamierten Erinnerungslücken und redeten sich um Kopf und Kragen. Das vermaledeite Altersleiden, das eine bewegende Krankengeschichte minutiös dokumentiert. Der achtzigjährige Verleger Alfred Neven DuMont hat 26 prominente Zeitgenossen der Jahrgänge 1926/27 - sie waren also nicht einmal zwanzig, als das „Tausendjährige Reich“ unterging - dazu ermuntert, ihre persönlichen Erinnerungen an die Nazi-Zeit aufzuschreiben, bevor es zu spät ist und sie, die letzten Zeugen, unter der Erde sind („Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“. Hrsg. von Alfred Neven DuMont, DuMont Buchverlag). Er hat ihnen Mut gemacht, sich in einem noblen Vorwort gegen jede Aburteilung der Berichterstatter in eigener Sache verwahrt.

Es ist zum Heulen

Welch eine Chance. Doch wie enttäuschend - und wie signifikant! - sind zumeist die Texte der Beteiligten. Dieter Hildebrandt - ein Erinnerungskünstler, er hat es in seiner Rückschau „Was bleibt mir übrig?“ bewiesen - ergeht sich in launischen Kameradschaftsberichten aus dem schlesischen Schützengraben. Der berlinernde Feldwebel heißt Weißderteufel, der Oberstleutnant Weißichnichtmehr. Das ist Programm. Das große Vergessen. Der begnadete Spötter nimmt sich nicht in die Mangel. Er sagt nicht, wie das denn war mit der Partei. Er geht nicht einmal in die Offensive, sondern zieht eine Nummer ab, die weit, weit hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Es ist zum Heulen.

Und Siegfried Lenz? Der hat dem Herausgeber eine abgestandene, lang vor dem Fund der abgegriffenen Parteikarte publizierte Erzählung geschickt. „Mit Goethe und Schiller im Herzen“ habe er, gerade einmal achtzehn, Hitlers Marine gedient. Ein früher Kulturkämpfer also, nach dem 20. Juli vollends geläutert, „da mieteten sich Kafka und Ionesco in meinen Krieg ein“. Keine Fragen. Keine Brüche. Ein letztes Mal werden Nebelkerzen gezündet.

Vergessener Fontane

Ich denke an den alten Mann in Tübingen, der nachts durchs eigene Haus irrt und sein Bett nicht mehr findet. Er hat die Orientierung verloren. Vor etwa vier Jahren fing es an. Erst kam die große Traurigkeit. Dann hat er eines Morgens sein liebstes Bild im Wohnzimmer, das Porträt seines Hausheiligen, nicht mehr erkannt. Beschämt und verzweifelt hat er auf den Mann mit dem dicken Schnauzer geguckt, auf Liebermanns Fontane. „Wer war das noch mal?“ Die Fragen häuften sich, und die lichten Momente wurden seltener. Vor einem Vierteljahr, an einem Abend, als ihm die Dunkelheit, die ihn umgibt, noch einmal für Momente bewusst war, hat er gesagt: „Mir ist die Sprache gestorben.“

Der Mann mit den weißgrauen Haaren, Jahrgang 1923, ist nur wenig älter als die Zeugen, deren Erinnerungsstücke Neven DuMonts Band versammelt. Sein Gedächtnis ist taub, die Sprache versiegt. Die Blicke sind hohl und verloren. Die Computertomographie zeigt im Hirn düstere Schatten. Warum fällt es so schwer, die Krankheit beim Namen zu nennen? Walter Jens, mein Vater, ist dement. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken.

Sich selber ein Rätsel

Mit der Anamnese beginnen die Fragen. Im Spätherbst 2003 hat ihn sein phänomenales Erinnerungsvermögen zum ersten Mal verlassen. Er sei sich selber ein Rätsel geworden. Da geisterte die Karteikarte mit der Ordnungsnummer 9265911 durch die Medien, die seinen NSDAP-Eintritt im Sommer 1942 dokumentierte. Mein Vater war damals neunzehn Jahre. Warum hat er nie einen Ton gesagt? Hätte er daheim am Mittagstisch nicht wenigstens von der unstrittigen Mitgliedschaft im nationalsozialistischen Studentenbund erzählen können? Siehst du, auch ich. So kann es passieren.

Stattdessen die aufrechten Legenden, fast zwanghaft zelebriert. Wenn mein Vater - nachzulesen in Marcel Reich-Ranickis Anthologie „Meine Schulzeit im Dritten Reich“ - über den NS-Staat schrieb, dann gedachte er seines antifaschistischen Deutschlehrers Ernst Fritz, dann erinnerte er sich an seine jüdischen Mitschüler Weinstein und Teitelbaum. Alles im grünen Bereich, alles politisch korrekt. Wie oft habe ich mit immer neuem Erstaunen die Geschichte gehört, wie mein wegen eines Asthmaleidens frontuntauglicher Vater Hamburger Prostituierte in die dröge Materie des Luftschutzes eingeführt und diese, trotz Verdienstausfalls, für das Anliegen begeistert habe. Da sei er zum Rhetor, zum listigen Überzeugungskünstler geworden.

Zum Abschied eine Vertröstung

Erst als er achtzig war, kamen die bitteren Fragen. Ein paar Wochen hat er sich wie ein ertappter Sünder gewunden, hat nach Ausflüchten gesucht, die er, im Vollbesitz seiner Kräfte, anderen gewiss um die Ohren geschlagen hätte: ja, er habe immer gesagt, er sei nicht in der Partei gewesen, aber das könne ein Irrtum sein, vielleicht habe er irgendwann einmal „so einen Wisch unterschrieben“; mit gebotenem Abstand werde er sich vielleicht einmal erinnern - und äußern. Aber bittschön nicht jetzt. Zum Abschied eine Vertröstung (siehe: Walter Jens: Ich wußte von nichts). Ein paar Mal ist er noch aufgetreten. Publikum, Kamera-Rotlicht taten gut, noch immer. Am Neujahrsabend 2005 hat er in Aachen seinen letzten großen Vortrag gehalten - über die Freude. Von Angst gequält, hat er sich aufs Podium geschleppt. Wer dabei ist, sein Gedächtnis zu zertrümmern, der kennt keine Freude mehr.

Das Parteimitglied Walter Jens hat, da bin ich mir sicher, keinem Menschen auf dieser Erde geschadet. Mein Vater hat den Beginn seiner später höchst aufrechten Biographie nur ein wenig retuschiert. Mag sein, das war feige. Er wollte nach oben. Also unter den Tisch mit der dämlichen Nazi-Geschichte. Er war doch ohnehin längst auf der anderen Seite. Am Ende aber hat er sich in Grund und Boden geschämt - und ist, als der kleine Schwindel aufflog, an dieser Scham zerbrochen. Er hat gewusst, dass er, um der Redlichkeit wegen, hätte früher und aus eigenen Stücken reden sollen. Als kein Tavor, keine Psychopharmaka mehr halfen, ist ihm sein Fontane fremd geworden.

Umzingelt von Helden

Es gibt gnädigere Wege, sich selbst zu vergessen. Tünche tut's auch. In Neven Dumonts nicht zuletzt wegen der Auslassungen und Amnesien der Beiträger so aufschlussreichen Pathographie des Jahrgangs 26/27 werden die Facetten deutscher Schönrednerei aufgeblättert. Sie waren doch, tief im Herzen, schon immer dagegen, kleine Widerstandskämpfer. Hans-Dietrich Genscher entsinnt sich der „Wut, in das HJ-Lager zu müssen“, und betont, er sei lieber zur Wehrmacht als zur Waffen-SS gegangen. Graf Lambsdorff hatte schon früh Spaß an regimekritischen Abzählreimen: „Sechs kleine Meckerlein, die sahen einen Pimpf. Der eine sagte Lauselümmel, da waren's nur noch fünf.“ Auch Hans-Jochen Vogel, die ehrliche Haut, legt Wert auf die Feststellung, dass ihn der Brand einer Synagoge bereits 1938 „nachdenklich machte“. Wir sehen uns umzingelt von Helden.

Gab es in der Flakhelfer-Generation denn gar keine kleinen Nazis, die - für Minuten zumindest - ans „Tausendjährige Reich“ glaubten? Wir müssen lange suchen. Immerhin, der Germanist Karl Otto Conrady hat im einundachtzigsten Lebensjahr das Glattbügeln satt, die Säuberungsübungen der Seinen, anstatt endlich ans Großreinemachen zu gehen. Er ist gewillt, mit sich zu hadern: Warum nur habe ich stets gern von meinem Dasein als Pimpfenführer geredet, meine Parteimitgliedschaft aber über Jahrzehnte verschwiegen? „Fragen bleiben, die das Leben des Einzelnen bis ins hohe Alter beschweren können.“

Die fatale Schweige-Krankheit

Der einprägsamste Text freilich stammt, nein: von keinem Schriftsteller, von keinem intellektuellen Dickbrettbohrer, sondern von einer Schauspielerin. Barbara Rütting. Endlich eine Selbstauskunft ohne Politur. Jawohl, mit siebzehn war ich von Kopf bis Fuß Nazisse und hätte „alle Geschwister für Führer und Vaterland geopfert“. Als die Mutter einst sagte, dass sie sich das Ende des Krieges herbeiwünsche, da wäre Barbara Rütting nach eigenem Bekunden am liebsten zur Polizei gerannt - um Anzeige zu erstatten. Sie erzählt, wie sie ihrem Vater - „war ein wunderbarer Lehrer, ist aber Nationalsozialist gewesen“ - auf den Leim ging. Bis heute ist sie nicht fertig mit diesem Kapitel.

Auch Günter Grass, wie Rütting Jahrgang 1927, hat von Alfred Neven DuMont übrigens eine Einladung bekommen, er möge doch seine Geschichte, sein spätes Bekenntnis, als großes Kind der Waffen-SS gedient zu haben, noch einmal mit Abstand, ohne Werbetrommel für ein neues Buch, kommentieren. Er hat nicht geantwortet. Auskunft verweigert! Die fatale Schweige-Krankheit, an der viele Köpfe zerbrachen. Mein Vater weiß heute nicht mehr, wer er ist.

Quelle: F.A.Z., 04.03.2008, Nr. 54 / Seite 37
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