06.06.2002 · In einem FAZ.NET-Gespräch kritisiert der österreichische Schriftsteller Robert Menasse Martin Walsers Exil-Fantasien.
Von Holger ChristmannAm Freitag wird er mit dem Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. Jetzt sitzt der österreichische Schriftsteller Robert Menasse im Kaffeehaus Sperl in Wien und wägt ab, ob er das literarische Reizthema der letzten Tage, den neuen Walser-Roman, in seiner Dankesrede thematisieren soll. „Es spricht vieles dagegen und manches dafür“, sagt er.
Eine Wiener Illustrierte hat soeben die Nachrichtenspirale in der Walser-Debatte mit einer Stellungnahme Walsers weitergedreht, wonach dieser mit dem Gedanken spielt, Deutschland zu verlassen und nach Österreich umzuziehen. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass man gerade Menasse an der Strippe hat; jenen Schriftsteller, der die Drohung mit Emigration seit der Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ aus seinem eigenen Land nur allzu gut kennt.
„Ich weiß nicht, ob Martin Walser nicht falsch informiert ist. Erstens ist das Walsertal nicht nach ihm benannt, zweitens ist in Österreich seit einiger Zeit der gesellschaftliche Konsens darüber zerbrochen, verfolgte Ausländer einfach ins Land zu lassen. Er wird also Probleme mit der Regierung bekommen“, sagt Menasse zunächst leicht spöttisch.
Österreich - für Walser eine geistige Heimat?
Böse Zungen können Walser nun damit aufziehen, dass er in Österreich aus politischen Gründen eine geistige Heimat suchen könnte, doch das will man ihm selbstverständlich nicht unterstellen. Menasse sagt dazu mit gewohnter dialektischer Schlagfertigkeit: „Für eine geistige Heimat braucht die Heimat Geist.“ Mit ätzender Schärfe gegenüber seinem eigenen Land fügt er hinzu: „Ich finde, dass für Österreich als geistige Heimat die Tatsache interessanter ist, dass Walser kommt, als dass Flick schon längst gekommen ist.“
Den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, den durch Walsers Abgang verursachten intellektuellen Aderlass Deutschlands auszugleichen, indem er nach Deutschland auswandert, findet Menasse bedenkenswert: „Wenn Deutschland mich mit offenen Armen empfangen würde, wäre das eine Variante, die mir sehr attraktiv erschiene.“
Dann wird Menasse nachdenklicher: „Es ist alles nicht so lustig, wie wir jetzt tun. Ich glaube, dass Walser tatsächlich verzweifelt eine Heimat sucht.“ Dass Walser einem österreichischem Medium etwas sagt, was Österreich fraglos schmeicheln soll, klingt für Menasse verdächtig nach einem „Inserat“. Motto: „Wer will mich?“
Verständnis für Walsers Verletzung
Menasse äußert durchaus Verständnis für die Gefühle Walsers: „Dass ein Autor rebelliert, wenn die negative Kritik sehr massiv wird, ist ein vollkommen nachvollziehbarer Reflex. Welche Form dann die Rebellion annimmt, ist eine andere Frage. Ich verstehe seine Rebellion, aber nicht die Art, wie er sie auslebt.“
Die Entscheidung des Suhrkamp-Verlags, das Manuskript „Tod eines Kritikers“ trotz Vorbehalte in den eigenen Reihen zu veröffentlichen, begrüßt Menasse, der selbst seit langem bei Suhrkamp veröffentlicht. „Es musste unbedingt erscheinen. Erstens weil die Treue zu Autoren, selbst wenn es inhaltliche Differenzen gibt, immer ein Prinzip der Suhrkamp-Kultur war. Zweitens muss es diesmal erst recht erscheinen, weil die Leser die Möglichkeit haben sollten zu verstehen, worum es in der Debatte wirklich geht. Es nicht zu veröffentlichen, hätte die Lektüre noch mehr präjudiziert. Der einzige legitime Grund, das Buch nicht im Suhrkamp Verlag zu veröffentlichen, war durch die Auseinandersetzung nicht mehr gegeben: dass es nämlich literarisch so unter jeder Kritik ist, dass ein wohlmeinender, mit dem Autor solidarischer Verlag sagt, das machen wir lieber nicht.“
„Verqueres Verhältnis zur Geschichte“
Das Gespräch kommt noch einmal auf Walsers Auswanderungspläne zurück. „Wenn Walser das ernst meint, was ich nicht weiß, also, wenn wir ihn beim Wort nehmen, dann zeigt dieses Wort einmal mehr sein vollkommen verqueres Verhältnis zur Geschichte und zu gesellschaftlichen Prozessen. Man spielt nicht mit der Idee der Auswanderung, die genau in der Geschichte dieser Länder, Deutschland und Österreich, eindeutig konnotiert ist mit der Tatsache, dass Terror-Regime Schriftsteller gezwungen haben, in die Emigration zu gehen. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte, die ja bei der Debatte mitschwingt, kann man nicht sagen: Wenn es mir individuell schlecht geht, ohne politisch verfolgt zu sein, dann flüchte ich und gehe ins Exil.“
Die Drohung, ins Exil zu gehen, kennt Menasse in anderem Zusammenhang aus seinem eigenen Land. Nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ hatten Künstler und Schriftsteller angekündigt, Österreich den Rücken zu kehren. Auch damals hatte Menasse geschrieben: „Man spielt nicht mit dem Begriff des Exils, der seinen politischen Sinn und seine historische Bedeutung hat.“
Menasse hatte damals geschrieben, als Kind einer Familie, die überlebt hatte, weil sie vor dem Hitler-Terror flüchten konnte, sei es für ihn ein Skandal, dass sich heute Menschen, die politisch überhaupt nicht bedroht sind, wegen einer Regierung, die ihnen nicht angenehm ist, in eine Tradition des politisch Verfolgten stellen. „Das banalisiert den Schrecken, der schon stattgefunden hat.“ Eine Diagnose, die heute so stimmt wie damals.