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Wallraff gegen Diekmann : Die Schläger sprechen eine deutliche Sprache

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Auch ein Größenvergleich: Kai Diekmann (r.) und Günter Wallraff vor dem Tischtennis-Duell Bild: dpa

„Bild“-Chef Kai Diekmann hatte das Tischtennis-Match eine „wunderbare Gelegenheit“ genannt, ein schwieriges Verhältnis „auf eine sportliche Art aufzulösen“. Das war, bevor ihn Günter Wallraff von der Platte fegte.

          Der „Schlagabtausch des Jahres“ dauert zwar nur 23 Minuten. Aber spannend ist er, witzig und aufsehenerregend. Undercover-Reporter Günter Wallraff fegt „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann flott von der Platte. Der schlägt sich dennoch tapfer an der Tischtennisplatte in Wallraffs Garten. Die Kontrahenten schenken sich nichts bei diesem in der Medienszene eher unüblichen Kräftemessen. Vor allem aber wird gefeixt, gescherzt, die Stimmung ist ausgelassen. Man ahnt: Das Punkte-Ergebnis steht nicht im Mittelpunkt. Das lockere, unverbissene Treffen mit Ping-Pong-Schlägern und viel Augenzwinkern ist eine Annäherung.

          Günter Wallraff mit altbewährtem Noppenschläger

          Was beide Duellanten gleich gut beherrschen: Sie können bestens über sich selbst lachen, und zeigen sich auch verbal schlagfertig. Aber zunächst der Spielbericht: Wer die Schreie aus Wallraffs Garten hört – „bruh“, „heija-dooh“, „hoah“ – könnte Schlimmes befürchten. Tatsächlich ist es nur das „Titanen-Turnier“. Die Anspannung ist mit Händen zu greifen, als die beiden an die Platte treten. Aufschlag Wallraff. Höchste Konzentration bei Diekmann. Schnell fließt der Schweiß in Strömen.

          Den Aufschlag hat er geübt: Kai Diekmann

          „Das ist nicht zum Lachen“, kommentiert Diekmann, als aufs Neue ein Ball ins Netz geht. Wallraff provoziert ihn immer wieder zu Schmetterbällen. Da geht das Temperament schon mal durch mit dem 51-Jährigen. Er verschlägt. Der Ältere lobt den Gast aus Berlin: „Aber den Aufschlag haben Sie lange geübt, der ist gefährlich.“ Trotzdem hat Diekmann schon nach sieben Minuten den zweiten Satz verloren, nach zwölf Minuten den dritten. „Kann es sein, dass ich Zuhause auf einer breiteren Platte spiele?“, rätselt der. Als der Kölner Autor ihm einen Punkt schenken will, lehnt er das als „demütigend“ ab. Am Ende gewinnt er einen Satz, Wallraff vier.

          Für jeden gibt es was zu holen: Man gratuliert zum ersten und zum zweiten Platz.

          Der Schriftsteller setzt auf seinen uralten Noppenschläger. Kein Wunder. Seit mehr als vierzig Jahren hat er ihm bereits bei Spielen gedient, auch gegen Wolf Biermann, Salman Rushdie oder Insassen der JVA Köln. Der 73-Jährige ist wendig. Diekmann zeigt sich fit und ausdauernd, dank regelmäßiger Zehn-Kilometer-Läufe. Der Springer-Journalist hat einen neuen Schläger mitgebracht zum Battle, für das er 1111 Euro hingelegt hatte. Das Webportal Realsatire.de hatte das Turnier mit Wallraff im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne angeboten, Diekmann griff sofort zu.

          Warum? Weil das eine „wunderbare Gelegenheit“ sei, nach jahrelangem Streit und vielen Prozessen ein doch schwieriges Verhältnis „auf eine sportliche Art aufzulösen“. Wobei eine „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“-Runde für ihn auch okay gewesen wäre, grinst Diekmann. Er bleibe „Bild“-Kritiker, stellt Wallraff vor dem Match klar – und fügt scherzhaft hinzu: Je nach Spielausgang vielleicht demnächst sogar „noch heftiger“. Der Schiri, Deutschlands größter Tischtennisstar Timo Boll, urteilt: „Es ging sehr fair zu.“

          In zehn Jahren ist es anders

          Zehntausende haben den Schlagabtausch bei Realsatire.de und „Bild“ den Livestream via Facebook verfolgt. Sie sehen auch, wie Wallraff und Diekmann strahlend Pokale und Urkunden entgegennehmen. Diekmann muss 500 Euro für einen guten Zweck spenden – hat das Geld schon gleich in bar, in Münzrollen, mitgebracht. Er präsentiert sich als guter Verlierer: „Dabeisein ist alles“. Schlimm seien nur die Momente gewesen, in denen Wallraff absichtlich weggesehen habe, um ihn nicht gnadenlos untergehen zu lassen.

          Große Geste: Nach dem Spiel signiert Wallraff die Trophäe des Zweitplazierten.

          Und einen Verlierer gibt es dann auch eigentlich gar nicht angesichts der gelungenen Ping-Pong-Diplomatie. 1977 hatte der Enthüllungs-Journalist undercover als vermeintlicher Hans Esser bei der „Bild“ in Hannover angeheuert und dann im Bestseller „Der Aufmacher“ über unsaubere Recherchemethoden berichtet. Es kam zu vielen juristischen Auseinandersetzungen. Zu Hans Essers Zeiten war Diekmann Schüler. Als er später bei „Bild“ Verantwortung übernahm, sei er auf Wallraff zugegangen, man habe in den vergangenen Jahren einen „sehr konstruktiven Dialog“ geführt.

          Und nun noch das verbindende Kräftemessen unter Männern. Man plaudert auch nach dem Duell noch über Privates, die Familie und will sich demnächst erneut – dann ohne Medien – an der Platte treffen. Und der Mann, der früher Hans Esser war, scherzt in Richtung Diekmann: „In zehn Jahren ist er besser als ich.“

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