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Wallraff in Bredouille Verlustanzeige

26.05.2010 ·  Eine Tasche voller Erinnerungen - genau die ist Günter Wallraff abhanden gekommen. Der Verlust ist für den Schriftsteller eine Katastrophe. Nicht nur das Geld fehlt, sondern auch die Aufzeichnungen für sein neues Buch.

Von Paul Ingendaay
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Er habe sein Büro immer am Leib getragen, sagt Günter Wallraff, und er meint damit eine dicke Tasche, in die viel hineinging, Notizblock, Adressbuch, Hefte, Briefe, Stifte, dazu Bücher, eigene und fremde. All das, was ein Schriftsteller, der viel reist, eben so braucht. „Ich war mit dieser Tasche regelrecht verwachsen.“ Gesund sei das natürlich nicht. Man müsse das Gewicht verlagern, einmal die rechte Schulter, dann die linke Schulter. Aber, sagt er, in technologischer Hinsicht sei er „bekennender Neandertaler“, er schreibe am liebsten mit dem Füllfederhalter.

„Da ich ständig unterwegs bin, habe ich auch vertraute Dinge ständig bei mir. Fotos, Andenken und dergleichen.“ Mit dieser Tasche also saß Günter Wallraff in Barcelona in einem Straßencafé, ins Gespräch mit seinem spanischen Übersetzer vertieft. Plötzlich kracht vor ihren Augen jemand gegen Stühle, ob aus Mutwillen oder Ungeschicklichkeit, eine kleine Szene, man schaut hin, schaut wieder weg und wendet sich abermals dem Gespräch zu. Erst eine halbe Stunde später bemerkt der Schriftsteller, dass seine Tasche fehlt: Das Straßentheater war nur Ablenkung.

Warten auf den Straßendieb

Der Verlust ist für Wallraff eine Katastrophe. All die Leute, die ihn schriftlich um Hilfe gebeten haben: Ihre Briefe sind weg. „Ich warte darauf“, sagt er, „dass sie sich irgendwann wieder enttäuscht oder erzürnt an mich wenden.“ Und die Termine, die er nicht einhalten kann. Fehlende Telefonnummern und Kontaktdaten. Die Aufzeichnungen für ein neues Buch. Die Polizei in Barcelona wollte noch nicht einmal wissen, wie die Täter aussahen. Das Geld, der Reisepass, die Wertgegenstände sind Günter Wallraff egal. „Aber für die Rückgabe meiner Unterlagen und Notizen setze ich eine hohe Belohnung aus.“

Jetzt also heißt es: warten. Vielleicht liest ein Straßendieb Zeitung. Vielleicht sogar diese Zeitung, man will es nicht ausschließen. „Ich hatte ohnehin schon vor“, sagt Wallraff, „mir irgendwann mal einen Laptop anzuschaffen, um damit notgedrungen Anschluss an die entsinnlichte Computerwelt zu finden. Jetzt ist es wohl nicht mehr zu verhindern.“ Doch Sicherheit ist damit auch nicht zu kaufen. Der spanische Schriftsteller Juan Manuel de Prada erzählte uns, wie ihm am Busbahnhof sein Laptop gestohlen wurde. Ein halber Roman war darauf. Leider kam der halbe Roman nie wieder. Es gab keine Sicherheitskopie.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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