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Wainwright und Ronson im Interview Männlicher wird’s nicht

 ·  Der Musiker Rufus Wainwright verlor seine Mutter und wurde Vater. Diese Entwicklung spürt der Hörer. Zusammen mit Produzent Mark Ronson redet er über seine Arbeit, Meinungsverschiedenheiten und die Liebe.

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© Red Light Management Hier entstand das gute-Laune-Album: Rufus Wainwright (links) und Mark Ronson im Studio in New York

Rufus Wainwright, 38, ist ein kanadisch-amerikanischer Sänger und Songwriter, der sich nicht so leicht einem musikalischen Genre zuordnen lässt. Er hat eine Oper geschrieben, „Prima Donna“, die gerade ihre New-York-Premiere hatte, trat mit einem Judy-Garland-Programm auf und hat außerdem sechs Pop-Alben veröffentlicht, denen er nun ein siebtes hinzufügt: „Out of the Game“. Produziert hat es Mark Ronson, 36, der selbst auch Musiker ist, außerdem DJ und momentan wohl einer der erfolgreichsten und gefragtesten Produzenten überhaupt. Seine Zusammenarbeit mit Amy Winehouse ist legendär, er arbeitete auch mit Adele, Robbie Williams oder Lily Allen. Die Idee, den als exaltiert und musikalisch exzentrisch bekannten Sänger mit dem Hit-Produzenten zu paaren, stammte von der gemeinsamen Presse-Agentin der beiden, Barbara Charone, der auf dem neuen Album auch ein Song gewidmet ist. „Out of the Game“ ist eine jener CDs, die man beim ersten Hören gleich versteht und die einen beim hundertsten Hören immer noch nicht langweilt. Die Musik lässt sich vielleicht als intelligenter Pop beschreiben, mit deutlichen 70er-Jahre-Einflüssen, gelegentlich klingt es auch nach den 80ern. Wie immer bei Rufus Wainwright sind die Texte sehr persönlich - diesmal handeln sie von der Geburt seiner Tochter (Mutter ist die Tochter von Leonard Cohen), dem Tod seiner Mutter, der Folk-Musikerin Kate McGarrigle - und der Liebe zu seinem langjährigen Partner, den er im Sommer heiraten wird.

Ich finde es immer schwierig, wenn Musiker sagen, ihr neues Album sei das beste, das sie je gemacht hätten, weil man sich dann als Hörer, der ja auch die früheren Sachen schon gut fand, immer so ein bisschen schämt. Aber in diesem Fall können Sie es wirklich sagen. Das ist Ihr bestes Album. Finde ich.

Rufus Wainwright: Oh, danke, das ist nett. Ich bin aber sehr stolz auf alle meine Alben, weil sie alle für eine Zeit stehen, die ich durchlebt habe. Aber vielleicht ist es so, dass sich die Biologie durchgesetzt hat - wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man reifer, wie ein guter Wein oder Käse, und ich habe das Gefühl, dass mir das gelungen ist, und zwar relativ unverkrampft.

Mark, seit Sie „Back to Black“ produziert haben, das Album, mit dem Amy Winehouse berühmt wurde, will wahrscheinlich so ziemlich jeder Musiker auf der Welt mit Ihnen arbeiten. Was hat Sie an der Zusammenarbeit mit Rufus Wainwright gereizt?

Mark Ronson: Man muss Rufus nur ein Mal live erlebt haben, um zu wissen, dass er eines der ganz wenigen herausragenden Talente unserer Zeit ist. Er ist ein begnadeter Songwriter und Sänger, und seine musikalische Bandbreite ist enorm. Ich habe ihn das erste Mal im Fernsehen gesehen, ich weiß es noch genau, ein Auftritt beim Festival von Glastonbury. Er spielte sein Judy-Garland-Programm. Es war halb fünf am Nachmittag, im Publikum waren 40 000 Menschen, und er stand auf der Bühne in voller Verkleidung als Judy Garland. Ich dachte, das ist wahrscheinlich das Unglaublichste, das ich je gesehen habe . . .

Rufus, was haben Sie sich von der Zusammenarbeit mit Mark Ronson versprochen, was war die Vorgabe für dieses Album?

Wainwright: Ich wollte ein Album, das man gut auf einer Party spielen kann. Das war bei meinen bisherigen Alben nicht so der Fall - wenn man die laufen ließ, hörten die Leute entweder fasziniert zu - oder gingen sofort. Diesmal ist das anders. Sogar die ruhigeren Stücke funktionieren in Gesellschaft.

 Wollten Sie keine Hits?

Wainwright: Doch. Klar. Gerne. 

Ronson: Man muss sagen, dass ein Hit für einen Künstler wie Rufus relativ ist. Ich meine, man muss sich ja nur mal anhören, was im Radio läuft. Natürlich macht er keinen Pop wie ihn Rihanna macht - seine Songs schlagen unerwartete Kurven, sind melodisch interessant, der Takt ändert sich . . . Das ist auch diesmal so, wobei es sicher sein am leichtesten zugängliches Album geworden ist. Ein Gute-Laune-Album.

Rufus, Sie haben das neue Album als „männlich“ beschrieben. Was meinen Sie damit?

Wainwright: Ich habe in den letzten zwei Jahren die zwei männlichsten Sachen erlebt, die man als Mann wohl erleben kann, und das ist: deine Mutter zu verlieren und ein Kind zu bekommen. Als Mann muss ich mich da weiterentwickeln - oder wenigstens so tun (lacht). Es geht jetzt darum, tougher zu sein, besser auf sich aufzupassen, dabei aber auch mitfühlend und liebevoll zu sein. Ich stecke da gerade mittendrin, diese ganze Familiensache ist noch ziemlich neu für mich.

Ronson: Verglichen mit Rufus’ früheren Alben, die ziemlich exzentrisch und bombastisch und riesig orchestriert sein können, ist dieses einfacher. Ein Album, das man anmacht, und man kriegt gute Laune. Natürlich ist es auch männlich. Ich meine, es haben genug Männer daran gearbeitet . . .

Ich habe mich gefragt, was genau Ihr Anteil am neuen Album ist. Was ist Ihre Handschrift? Haben Sie überhaupt so etwas wie eine Handschrift, oder sollte ein guter Produzent besser nicht herauszuhören sein?

Ronson: Bei manchen Songs kann man vielleicht einen gewissen Stil heraushören, die Art, wie ich Rhythmus arrangiere vielleicht, aber ich glaube, es geht eigentlich darum, keine Handschrift zu haben, keinen wiedererkennbaren Stil. Sonst würde man den Künstler übertönen, und darum kann es nicht gehen.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Produzent?

Ronson: Die geradezu lexikalische Definition wäre, einem Musiker dabei zu helfen, seine Vision zu verwirklichen. Manche kommen zu einem und wissen genau, was sie wollen. Amy Winehouse zum Beispiel. Die kam zu mir und sagte, sie wolle eine Platte machen, die so klingt wie die Sixties-Platten, die immer in dem Pub laufen, in den sie geht. Und manchmal kommt einer ANTWORT: wie Rufus und sagt, ich will, dass es sich gut anfühlt - und dann erarbeitet man sich das eben zusammen. 

Waren Sie manchmal musikalisch unterschiedlicher Meinung? Und wenn ja, wer setzt sich dann durch - der Künstler oder der Produzent?

Ronson: Wir hatten ein paar Meinungsverschiedenheiten, aber für gewöhnlich hatte Rufus recht. Zum Beispiel beim Song „Jericho“. Ich hatte den ursprünglich als ziemlich schnellen Song gehört, aber Rufus wollte ihn in einem klassischen Elton-John-Balladen-Tempo. Ich bin DJ. Ich frage mich immer: Wie machen wir diesen Song bloß schneller, damit er auf der Tanzfläche funktioniert. Das ist aber nicht für jeden Song richtig. Da hatte er also eine andere Vorstellung, und dann ist dein Stolz gekränkt, und du denkst, wie kann er nur glauben, er habe recht? Und nach fünf Minuten kriegt man sich wieder ein und sieht ein, dass es vollkommen egal ist, wer recht hat - es geht um den Song.

Wie ist Mark Ronson im Studio?

Wainwright: Großartig. Sehr lustig und konzentriert und diplomatisch. Seine Schwächen liegen in der Tatsache, dass er morgens auch mal zwei Stunden zu spät ist, manchmal, oft. Und er verschwindet auch mal für fünf Tage. Ich übertreibe. Aber das ist auch schon das einzig Fragwürdige an ihm. Wenn er da ist, ist er phantastisch.

Hatten Sie das Gefühl, Mark sieht Sie vielleicht anders, als Sie sich selbst sehen - weshalb das Ganze diesmal musikalisch in eine ein bisschen straightere Richtung geht?

Wainwright: Ja, das ist komisch, weil ich glaube, dass er etwas in mir sieht, was ich eigentlich auch wirklich bin, wenn man sich mal die Tradition ansieht, aus der ich abstamme: Er sieht mich in erster Linie als Songwriter. Als Kind von Songwritern, deren Ära die Siebziger waren, das goldene Zeitalter des Songwriting, was Folk-Rock angeht. Das war etwas, das ich vielleicht ein bisschen aus den Augen verloren hatte. Ich wollte immer dieser opernhafte Showbusiness-Typ sein, aber er sah mich als Rocker.

Hat er das hemmungslos ausgestellte Schwule, was Ihre Musik manchmal ausmacht, ein bisschen gedämpft?

Wainwright: Schwer zu sagen. Ich bin schwul, ich liebe es, schwul zu sein, ich werde immer schwul sein. Das ist ein wichtiger Teil von mir, und ich glaube nicht, dass es in der Popkultur noch einen Künstler gibt, der so offen und ehrlich und schillernd und echt mit seiner Sexualität umgegangen wäre wie ich. Das ist alles da, das habe ich sozusagen vorgeleistet, und deshalb kann ich es mir jetzt erlauben, auch andere Rollen auszuleben, und ja, es stimmt, diese ist weniger schwul. Aber ich finde das okay, denn ich verstecke mein Schwulsein ja nicht.

Also hatte Ihr Produzent nichts damit zu tun.

Wainwright: Ich glaube, es ist eine Kombination. Ich hatte lange das Bedürfnis, mich zu zeigen, offen ausdrücklich schwul zu sein - aber es ist eigenartig . . . Mit der Presse, den Medien kreiert man dann eine Rolle, die irgendwann ein Eigenleben bekommt. Das bist dann gar nicht notwendigerweise immer du, das ist dann diese Rolle, die irgendwann die Kontrolle übernimmt. Das ist mir ein bisschen passiert. Dieses Showbizhafte, Dramatische übernahm die Regie. Aber ich bin eigentlich ein ziemlich guter Musiker. Ich bin ein guter Sänger. Ich kann mit Musikern spielen, die nicht für einen glitzernden Lifestyle stehen. Ich glaube, es hat mir geholfen, dass Mark mich so gesehen hat.

Sie haben gerade in einem Interview gesagt, Sie hätten sich während der Arbeit in Mark Ronson verliebt.

Wainwright: Ja, habe ich. Auf einer künstlerischen Ebene, aber auch so.

Ihr Kommentar, Mark?

Ronson: Rufus weiß eben, was man der Presse erzählen muss. Er weiß, wie man Schlagzeilen macht.

Wainwright: Er hat recht (lacht). Gut, sagen wir, ich war verknallt. Er ist ja auch sehr hübsch. An unserem letzten Tag im Studio habe ich geweint, ich habe richtig geschluchzt. Das ist mir mit anderen Produzenten nie passiert. Ach, was rede ich denn da. Ich weine eigentlich dauernd.

Rufus Wainwright: „Out of the Game“. Decca (Universal), 17,99 Euro. Ab Freitag im Handel.

Die Fragen stellte Johanna Adorján.

Quelle: F.A.S.
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