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Wahlverlierer Rüttgers Die Kunst der Abdankung

10.05.2010 ·  Was ist plötzlich mit den Politikern los? Jürgen Rüttgers hat sich am Wahlabend Verdienste erworben, weil er auf alle Beschönigungen verzichtete - und so eine vergessene Disziplin wiederbelebte: die Ethik des Rückzugs.

Von Lorenz Jäger
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Man hat noch die Töne im Ohr, mit denen früher eine verlorene Wahl schöngeredet wurde. Fragten Journalisten den gerade erkennbar abgestraften Repräsentanten nach den Gründen, dann spulte sich ein hundertprozentig vorgestanztes Programm ab: „Zunächst einmal, bevor ich auf Ihre Frage eingehe, danke ich den Wählerinnen und Wählern und den vielen tausend ehrenamtlichen Helfern im Land, die ... Im Übrigen ist es noch zu früh, das Ergebnis zu bewerten, im Augenblick liegen ja nur die Hochrechnungen vor, warten Sie mal den weiteren Abend und das amtliche Endergebnis ab, da kann sich noch viel tun ... Für Schuldzuweisungen und Personaldebatten ist jetzt nicht der Augenblick, wir werden das Ergebnis in den kommenden Tagen im erweiterten Parteivorstand zu analysieren haben ..., bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht an Spekulationen beteiligen möchte ...“

So klang es parteiübergreifend, noch vor zehn, vor fünf Jahren. Ein bisschen wie bei den Fußballspielern, die nach der Niederlage sagen, sie hätten die eigentlich vorhandene Leistung nur im Moment „nicht abrufen“ können. Wir lächelten dann schadenfroh in den Fernseher hinein, sahen die unverkennbar frustrierten Politikergesichter, die ganz anders redeten als der Mund, hatten kein Verständnis und wunderten uns über die Fähigkeit zur Verdrängung in der nun gerade nicht mehr herrschenden politischen Klasse.

Klaus Kinkel kam mit einem Kuscheltier

Es handelte sich um eine systemisch erzwungene Albernheit. Nicht, dass das Alberne sich inzwischen ganz aus der Politik verzogen hätte. Die grüne Spitzenkandidatin in NRW trat am Sonntag naturgemäß im grünen Kostüm vor die Kameras, um ihre Botschaft auch wirklich rüberzubringen; Rüttgers war am Morgen mit einem roten Pullover ins Wahllokal gegangen, um ein letztes Mal den Arbeiterführer zu geben. Aber wie weit liegen die Zeiten zurück, in denen ein Klaus Kinkel (Vizekanzler, FDP) mit einem Kuscheltier als Glücksbringer ins Studio kam wie zu einer Castingshow!

Vorgestern Abend staunte man dann doch. Ist die Welt plötzlich ernsthafter und vernünftiger geworden? Jedenfalls gibt es eine neue Rhetorik der Niederlage. Mag sein, dass es sich nur um den allerneuesten, von Medientrainern angelernten Kunstgriff der Eliten handelt, aber eher ist es wohl so, dass auch diese wissen: Die Zeiten der Beschönigung sind zu Ende. Jürgen Rüttgers wird auf der Wahlparty der CDU mit Beifall empfangen. „Das tut gut“, sagt er, und dann, sehr ungewohnt für einen Politiker: „Aber es ist trotzdem so: Dieser Wahlabend ist für die CDU in Nordrhein-Westfalen, auch für mich ganz persönlich, ein bitterer Abend.“

„Ich trage Verantwortung, ich will sie auch tragen“

Die „Tagesthemen“ waren angesichts des Stilbruchs überrascht: „Keine Beschönigungen bei so eindeutigen Ergebnissen.“ Rüttgers trieb die Revolution noch weiter: „Ich persönlich trage die Verantwortung, die politische Verantwortung für dieses Ergebnis, und ich will sie auch tragen.“ Mit gutem Beispiel und sehr ähnlicher Reaktion angesichts des Trostbeifalls aus der Partei war schon Frank-Walter Steinmeier nach der verlorenen Bundestagswahl im Herbst vorangegangen. Für die FDP erklärte ihr Spitzenmann: „Wir haben hart gekämpft, aber der Trend stand gegen uns, und wir haben es nicht vermocht, den Trend hier in Nordrhein-Westfalen umzudrehen. Dazu hat auch sicherlich beigetragen, dass wir unsere landespolitischen Erfolge nicht in der Weise den Bürgerinnen und Bürgern haben vermitteln können.“ Das war auch ganz ordentlich, blieb aber hinter Rüttgers zurück.

Kann sich die Kulturwissenschaft rühmen, den neuen Stil vorbereitet zu haben? Vor neun Jahren erschien ein glänzender Essay des Germanisten Mathias Mayer: „Die Kunst der Abdankung“. Darin sprach er auch von einer „Ethik des Rückzugs“. Hoffen wir, dass der Essay in den Parteivorständen zur Plichtlektüre wird. Begrüßen – oder, je nachdem, verabschieden – wir in Jürgen Rüttgers den Künstler und Ethiker einer neuen Disziplin.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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