18.04.2005 · Revolutionschöre aus den Lautsprechern, billiges Bier und Unterstützung von den „Ärzten“: Die Zeitschrift „Titanic“ lädt zum Wahlkampfauftakt ihrer „Partei“, die an den Wahlen in Nordrhein-Westfalen teilnimmt.
Von Klaus UngererErst mal treffen wir Marc, und Marc hat gar nicht gewußt, daß hier heute Parteitag ist, er kam, um Platten zu kaufen. Marc hat ein Eckchen frei neben sich auf dem Sofa, dies ist ein Plattenladen mit Sofas und dafür derzeit ohne Platten, denn die CD-Regale sind weggeschoben worden in eine hintere Ecke.
Nur wer sich sehr interessiert umschaut, sieht sie noch ihre Schildchen „Leerhüllenpräsentation“ hochhalten, während Punk und Revolutionschöre durch den großen, gefliesten Raum scheppern und der Parteichef sich nur spärlich ans Mikrophon begibt, um das Parteivolk ein wenig hinzuhalten, bevor er wieder selber mit anpackt, um Biergartenbänke im Raum zu verteilen.
Halstuch zum Hund
Hier ist Kreuzberg, zum Raspelschnitt trägt die Mittvierzigerin Hund, der Hund trägt Halstuch, und Marc schlägt sich also auch so durch und stellt uns den Sofasitzer zu seiner Rechten vor: ein regelrechtes Idol von Marc, es gehört zu dieser einen Band, die im New Wave in Deutschland ganz vorne mit dabei war und deren Namen man unbedingt gelesen haben muß, deren Musik man kaum aber mal gehört haben kann, denn niemand hat eine Platte von ihnen, und das ist schade, denn jetzt schüttelt man ja Moritz die Hand und mustert ihn und sagt: „Du hast einen Button von deiner eigenen Band am Revers?“ So fängt der Abend an; das Bier ist billig, pflegeleicht der Raum, Parteichef Sonneborn auf der Bühne hat die Wahl zwischen neonhell und schummerdunkel, wobei er sich für letzteres entscheidet.
Heute ist Bundesparteitag jener Partei „Die Partei“, die die „endgültige Teilung Deutschlands“ fordert, deren Vorstand mit der Redaktion der Satirezeitschrift „Titanic“ identisch ist und die hier zu sich kommt: in einem abgeranzten Großraum in Kreuzberg, dem Viertel des deutschen Revolutionskarnevals.
Blauhaarige hübsche Mädchen
Hier sind sie zusammengeströmt, die blauhaarigen hübschen Mädchen, die Anzugträger aus Spaß und die jungen Männer, die sich aufmerksam unterm Kinn ihren Bart zwirbeln, von dem sie noch gar nicht recht wissen, ob man ihn schon einen Bart nennen kann, so ungeplant ist er dort hingeraten, und während sie ihn also aufwickeln, verfolgen sie gebannt den Verlauf des Parteitags, der über weite Strecken identisch ist mit den üblichen Auftritten der „Titanic“-Redaktion, was aber niemanden stört, sondern alle eher erhebt: Da vorne, das ist ja der echte Martin Sonneborn, der freche Kerl, und er macht eine Diashow mit graswurzelmäßigen technischen Problemen, aber die Dias gefallen gut.
Sie zeigen jene „Titanic“-Titelbilder, die auch am Eingang als Postkarten zu kaufen sind und die doch immer wieder erheitern; zwar nicht im Moment ihres Erscheinens auf der Leinwand, aber doch dann, wenn der Parteichef/Chefredakteur ihre Schlagzeilen noch einmal langsam und gut verständlich vorgelesen hat, woraufhin ein gemeinsames Lachen erfolgt; schließlich sind hier vor allem „Titanic“-Leser versammelt, und da ist es ja nur natürlich, wenn sie das lustig finden.
Anfechtung der Wahl schon angekündigt
Die politisch verwertbaren Fakten sind schnell aufgezählt: Programm, Vorstand und Satzung werden ordnungsgemäß durchgenickt, zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist die Partei zugelassen, die Anfechtung der Wahl bereits angekündigt. Alles läuft plangemäß, Herr Sonneborn zeigt noch ein paar andere identitätsstiftende Bilder und überläßt die Bühne abschließend Thomas Gsella und seinen Gedichten.
Wir trinken ein Bier mit Herrn Sonneborn, während er Freunden erzählt, daß „die den 17. Juni für uns abgesperrt haben, diese breite Straße“, denn vor dem Parteitag gab es noch einen Marsch aufs Brandenburger Tor, regelrechte Gegendemonstranten kamen da hin, freut sich Sonneborn und fahndet telefonisch nach jemandem, der die „arte“- Nachrichten aufnimmt, und muß nebenher noch die Hallos der jungen Männer entgegennehmen, die immer erst ein wenig scheu herüberschauen, ehe sie ihre Huldigung vorzudrucksen imstande sind, welche meist mit irgendeinem Fan-Anliegen verschränkt wird.
Danke für die Musik
Allein eine junge, geschorene Frau ist ganz direkt, sie geht auf ihr Idol zu und sagt: „Ja, ich wollte nur sagen: Danke für die Musik!“, und das Idol ist nett, es sagt: „Gern geschehen!“, das ist Rod von den „Ärzten“, der hat sich jetzt hinzugesellt, denn die „Ärzte“ stehen natürlich auf die „Partei“, sie wollen sogar deren T-Shirts tragen, wenn wir alles richtig erlauscht haben, und das ist nur folgerecht und billig: Niemand wäre ja befugter, Werbung zu machen für eine Werbeaktion eines renommierten Satireblattes, in dem Max Goldt jetzt wieder Max-Goldt-Texte schreibt, und das doch nichts wiederhaben will als unsere liebe alte Bundesrepublik mit ihrem lieben alten Kreuzberg, das angeblich einstmals loderte als Ort.