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Wahlkampf in Hamburg Bürger, Intellektuelle!

29.01.2008 ·  An die Macht, aber mit anderen als den hessischen Rezepten: Michael Naumann kämpft für die SPD in Hamburg um das Bürgermeisteramt. Kann Hamburg zu einem intellektuellen Stadtstaat werden?

Von Eberhard Rathgeb
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Es war nur eine Frage der Zeit, dass Volker Gerhardt, der sich auch als Mitglied der Deutschen Ethikkommission einen Namen gemacht hatte, zu Michael Naumann stoßen würde, der für die SPD Hamburgs neuer Erster Bürgermeister werden möchte. Gerhardt gehört zu Naumanns Kompetenzteam, er soll, wenn Naumann die Wahl am 24. Februar gewinnt, Wissenschaftssenator werden. Der Professor für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität (Jahrgang 1944) ist drei Jahre jünger als Naumann. Kommen die Intellektuellen an die Macht? Wird Hamburg zu einem intellektuellen Stadtstaat?

Gerhardt meint es sehr ernst. Vor einem Jahr ist sein Buch „Partizipation - Das Prinzip der Politik“ erschienen. Der Titel mutet wie ein Nachhall aus den bewegten Sechzigern an, wo alle junge Welt, auch der Schriftsteller, sich politisch engagieren sollte. Das soll man im eigenen Interesse an einer zivilisierten Lebensführung, muss man nun mit Gerhardt sagen. Wer sein Leben mit anderen friedlich leben möchte, muss politisch handeln, lautet seine Schlussfolgerung, nach der man sich, wenn man bei Trost ist, der Politik nicht entziehen kann. Diese Ansicht könnte einen, der es nicht früher und anders erfahren hat, dazu anstiften, Bürgermeister zu werden.

Die „zweite Realität“

Naumann hat Politikwissenschaften studiert. Bei Eric Voegelin wurde er mit einer Arbeit über Karl Kraus promoviert. Voegelin nun hielt im Frühjahr 1964 eine Vorlesung an der Universität München über Hitler und die Deutschen. Unter den Zuhörern saß Naumann. Die Vorlesung ist vor zwei Jahren als Buch erschienen. Man kann gleichsam reinhören. Ein zentraler Begriff Voegelins ist die „zweite Realität“, die einen davon abhält, die „erste“ Realität zur Kenntnis zu nehmen. Damit hat er sich das Versagen deutscher Intellektueller und von Institutionen wie der Kirche vor dem Nationalsozialismus zu erklären versucht. Noch nach dem Krieg sei, erläuterte der aus amerikanischem Exil zurückgekehrte Politikwissenschaftler, die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit immer wieder am geschlossenen System der „zweiten Realität“ abgeprallt.

Man wird aus diesen temperamentvoll vorgetragenen zeitdiagnostischen Vorlesungen nicht schulterzuckend hinausgegangen sein, um sich in einer Bibliothek zu vergraben. Den Zuhörern muss gedämmert haben, dass ein Intellektueller sich nur dann nicht selbst verrät, wenn er vor der Politik nicht zurückweicht. Dass Naumann Erster Bürgermeister von Hamburg werden möchte, sieht aus wie die späte Probe, es mit der Macht direkt zu versuchen - dorthin zu kommen, wo sich mediale Selbstbewusstseinspakete wie Gerhard Schröder laut behaupten - Leute, denen man nicht nachsagen wird, Intellektuelle zu sein.

Übernimmt er sich?

Übernimmt Naumann sich damit? Er hat über den Strukturwandel des Heroismus habilitiert. Er kann auf eine erfolgreiche Karriere als Journalist und Verleger zurückschauen. Zwei Jahre war er Staatsminister für Kultur unter Schröder. Wer Naumann reden hört und sieht, dem fällt ins Auge, dass dem nachdenklich wirkenden Mann jene Gesten der Macht fehlen, die Schröder mit links beherrscht. Als Naumann beispielsweise mit dem unermüdlichen Günter Grass die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg betritt, hebt er nur seine nach außen gekehrten Handflächen auf Hüfthöhe - eine körpersprachliche Verlegenheitslösung. Der folgte eine intellektuelle Verlegenheitslösung, als er, statt frei eine Rede zu halten, sich die Freiheit nahm, lange Seiten aus seinem Buch „Die schönste Form der Freiheit - Reden und Essays zur Kultur der Nation“ vorzulesen.

Echte Politiker erinnern sich häufig nicht gerne an das, was sie einmal gesagt haben. Intellektuelle wie Naumann setzen offenbar noch auf Wahrheiten, die sie einmal gefunden haben - und verlassen sich weniger auf die Kontexte, in denen mal dies, mal das gesagt werden muss. Der Intellektuelle ist selbstbezüglich, der Politiker vergesslich. Grass konnte an jenem Vormittag kein Wort sagen, ohne bei sich und seiner Lebensgeschichte, die ihn stark beeindruckt, anzufangen und anzukommen. Dank dieser offen ausgebreiteten Treue zu sich selbst macht der Schriftsteller einen verlässlich stabilen Eindruck.

Immer mehr, immer weniger

Naumann hingegen ist in vielen Berufen auf- und nach einer Weile wieder abgetaucht. Ein Glück, Intellektuelle sind keine Berufsmenschen. Ein Beruf kann einen Intellektuellen nicht definieren. Insofern wird Naumann in einem hoch emphatischen Sinne auch niemals Hamburgs Erster Bürgermeister sein: mit Haut und allen Fasern, wie man das heute von Berufsmenschen verlangt. So wie er auch nicht der Kandidat für dieses Amt in einem hoch emphatischen Sinne ist. Er ist einerseits immer mehr, andererseits immer weniger.

Neben Vollblutpolitikern wie Klaus Wowereit, der, wie andere Politikerprominenz auch, nach Hamburg kam, um den SPD-Kandidaten zu unterstützen, macht Naumann keine adäquat vollmundige Figur. Nicht einmal schimpfen und trompeten mag er wie seine ihm innerlich fernen Kollegen aus der Politik - die physiognomisch gesehen ganz andere Richtungen eingeschlagen haben als er. Dem noblen Hamburg, wo einmal Hans-Ulrich Klose, Henning Voscherau und Klaus von Dohnanyi öffentlich wirkten, kann eine Erscheinung wie Naumann grundsätzlich nicht fremd sein. Das mag sich die SPD gedacht haben, als sie ihn nominierte. Doch Hamburg ist größer als die Binnenalster.

Teamfähige Kompetenz

Naumanns Kontrahent, der amtierende Erste Bürgermeister Ole von Beust, setzt in der Bildersprache ebenfalls auf jene Dezenz, die man Intellektuellen zuschreibt. Die Wahlplakate der CDU, auf denen Beust zu sehen ist, sind nicht bunt und grell wie das tägliche Bilderunwetter der Medien, sondern in den zurückhaltenden schwarzweißen Tönen derer gehalten, die mit Selbstbewusstsein sagen, dass alle Menschen gleich, aber nicht alle Probleme gleich wichtig sind. Man kann das als Werbung für eine Fähigkeit nehmen, die vor allem in der Wirtschaft sehr gefragt ist: teamfähige Kompetenz.

Diesem Profil des allerletzten Helden - nach dem Held der Revolution, dem Held der Arbeit und dem Held der Reformen - hatte auch Naumann in den Anfängen des Wahlkampfes zu entsprechen versucht. Man sah ihn auf schwarzweißen Plakaten in aufgeknöpftem Hemd ohne Krawatte und Jackett an einem nahezu unsichtbaren Tisch sitzen, einen roten Becher mit dem Hamburg-Emblem in der Hand - freundlich zum Teamgespräch bereit. Einer von uns - aber von wem genau? Für einen Neuling in der Politik war diese Geste und Haltung, die an ein Oberseminar erinnerte, offensichtlich doch etwas frech, und bald sah man auf den Plakaten einen Kandidaten mit Krawatte, der sich die Kompetenz für das Amt zwar zutraut, aber dort eben noch nicht hat beweisen können. Ein Intellektueller, hat Albert Camus gesagt, sei ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachten könne.

Er sieht nicht aus wie Kurt Beck

Die Gestaltpsychologie hat auf den Zusammenhang von Vorder- und Hintergrund, Figur und Kontext aufmerksam gemacht. Die grundsätzliche Auffälligkeit von Naumanns Erscheinung als Politiker mag also daher rühren, dass man immer erst einmal nur sieht, was man immer schon gesehen hat: dass er nicht so aussieht, wie ein Politiker aussieht (sagen wir: wie Kurt Beck). Man könnte in Naumanns nur durch Ironie manchmal aufgehobene vornehme Reserve den Versuch sehen, leise und gleichsam unbemerkt in jenen Hintergrund einer Gesamterscheinung des Politikers einzugehen, aus dem er dann als Erster Bürgermeister frisch und lächelnd hervortreten kann.

Intellektuellen ist dieses Spiel mit Vorder- und Hintergrund nicht fremd. Für sie ist die Vernunft ja so etwas wie ein allgemeinverbindlicher Hintergrund, vor dem sie lächelnd mit dem besseren Argument im Kopf auftauchen möchten - um dann, wie man heute einräumen muss, auf Volker Gerhardt und sein Prinzip der Partizipation zu treffen, das ihnen die Beißhemmung nehmen soll, die Politiker nicht kennen. Insofern ist der häufig in sich versunken, gleichsam abwesend wirkende Michael Naumann, der an die Macht kommen möchte, mit dem immer mitten in irgendeinem wilden Getümmel sich wähnenden Volker Gerhardt ganz gut beraten.

Quelle: F.A.Z., 29.01.2008, Nr. 24 / Seite 37
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