http://www.faz.net/-gqz-6wdz1

Wahlkampf in Frankreich : Der Hass und die Heilige

Sechshundert Jahre Jeanne d’Arc: Sarkozy beginnt seinen Wahlkampf. Auf die nationalistische Symbolik der Jungfrau von Orléans will der Präsident nicht verzichten.

          Dieses eine Mal hatte es Nicolas Sarkozy nicht besonders eilig. „In fünf Monaten wählt Frankreich einen neuen Präsidenten“, erklärte er in seinen ausgestrahlten Wünschen zum neuen Jahr. Es war sein letzter Lapsus im alten. Denn der erste Durchgang findet am 22. April statt, in deutlich weniger als vier Monaten also. Das haben die Leitartikler in den ersten Ausgaben der Sonntags- und Tageszeitungen dem Präsidenten vorgerechnet. „Sarkozy spielt auf Unzeit“, witzelte „Libération“. „La Croix“ blickte etwas tiefer, ins Unbewusste des Präsidenten. Die katholische Zeitung deutet seine Fehlleistung als Ausdruck des Wunsches auf einen sehr späten und sehr kurzen Wahlkampf. Er will Präsident bleiben, aber nicht Kandidat sein.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die Kampagne hat auch noch im alten Jahr begonnen. Aber der Amtsinhaber wird seine Kandidatur, an der niemand zweifelt, wohl noch lange nicht bekanntgeben. Es ist ein bisschen wie während der „drôle de guerre“ des Jahres 1940. Und nach dem Trauma von 1871 mit dem Verlust von Elsass und Lothringen: immer daran denken, nie etwas sagen. Am Dreikönigstag - am kommenden Freitag also - wird Sarkozy das zurückeroberte Departement bereisen und Vaucouleurs besuchen. Von hier aus hatte Jeanne d’Arc 1429 ihre Kampagne lanciert. Zuvor führt die Stippvisite nach Domrémy in den Vogesen, wo die heilige Jungfrau vor 600 Jahren das Licht der Welt erblickte. Dass es ausgerechnet am 6. Januar gewesen sein soll, ist unter Historikern höchst umstritten, es tut aber nichts zur Sache. Auf Sarkozy freut sich das ganze Dorf: Der letzte Vorgänger, der nach Domrémy kam, war Poincaré noch in den Zeiten der zu Ende gehenden Dritten Republik.

          Marine Le Pen schätzt großzügig ihre Chancen

          Doch auch seit dem Zweiten Weltkrieg haben alle Staatspräsidenten Jeanne d’Arc die Ehre erwiesen. Die republikanische Tradition sieht vor, dass jeder Präsident im Jahr nach seiner Wahl nach Orléans reist, das jährlich seiner Befreierin gedenkt. Mitterrand brachte die „Botschaft“ der heiligen Jungfrau auf die Begriffe „Wachsamkeit, Widerstand, Einheit“ und zitierte den Historiker Jules Michelet: „Sie liebte Frankreich so sehr. Und brachte das geschlagene Frankreich dazu, sich selbst zu lieben.“ Chirac kritisierte 1996 ihre Instrumentalisierung durch die extreme Rechte: „Ihre Worte sind das Gegenteil der Intoleranz und der Ausschließung. Ihre Werte sind die Gerechtigkeit, die Liebe, die Freiheit, der Frieden.“

          Sein störrischer Nachfolger entzog sich dem Ritual: Sarkozy schickte stellvertretend Rachida Dati nach Orléans. Aber auch er hatte Jeanne d’Arc in seinem Wahlkampf bemüht: „Sie ist Frankreich. Warum haben wir sie so lange den Rechtsextremisten überlassen?“ Jeweils am 1. Mai demonstriert die Nationale Front unter dem Banner von Jeanne d’Arc. Im vergangenen Jahr prophezeite Marine Le Pen bei ihrem ersten Defilee als neue Präsidentin und Kandidatin ihrer Partei, dass sie wie ihr Vater 2002 in die Stichwahl kommen werde. Auf diese meist von Gewalt begleiteten neofaschistischen Demonstrationen blieb die Präsenz der Jeanne d’Arc im öffentlichen Bewusstsein in den vergangenen Jahren weitgehend beschränkt. Und sie selbst ein nationalistisches Symbol.

          Jeanne d’Arc als Identifikationsfigur

          Doch den 600. Geburtstag am 6. Januar begeht Frankreich mit einigem Aufwand. Im letzten Wahlkampf hatte Sarkozy unterschwellig antideutsche Töne angeschlagen und den erschossenen - kommunistischen - Widerstandshelden Guy Môquet als Heilsbringer bemüht. Die Pflicht, in den Schulen seinen letzten Brief vor der Hinrichtung lesen zu lassen, führte in ein Fiasko. In Zeiten des Tandems Merkozy ist es sowieso angebrachter, die Retterin Frankreichs im Hundertjährigen Krieg zu beschwören. An ihn erinnerten viele Kommentare angesichts der rhetorischen Pariser Kriegserklärungen an den noch älteren Erbfeind England.

          Von der Jungfrau aus der Provinz kann der Präsident als Retter des Euro und Europas in seinem Wahlkampf am meisten profitieren. Unter dem Einfluss seines Beraters Max Gallo, der einst Kommunist war und später Mitterrands Regierungssprecher, wird der nationale Familienroman der Franzosen neu geschrieben. Schon der Schriftsteller Maurice Barrès wies darauf hin, dass sich Katholiken, Republikaner und auch Sozialisten mit der Jungfrau aus dem einfachen Volk identifizieren können. Sie hat die Nation gerettet und dem König zur Krönung verholfen.

          Eine irrationale Veranstaltung

          Schon am Tag nach dem Besuch des Präsidenten in Lothringen wird Marine Le Pen in Paris eine Gegenfeier und Demonstration für Jeanne d’Arc veranstalten. Auch sie will mit dem Heiligenschein der politischen Jungfrau in die Stichwahl ziehen. Im ersten Durchgang ist sie Sarkozys gefährlichste Gegnerin. Mit seiner Bilanz kann er die Wiederwahl nicht schaffen. „Er wird gehasst“, sagte zum Jahreswechsel Luc Ferry, Philosoph und kurzfristig Unterrichtsminister der Rechten: „Doch der Premierminister, der für die gleiche Politik steht, ist populär und würde problemlos gewählt.“ Die französische Präsidentenwahl bleibt eine irrationale Veranstaltung.

          Zur Beschwörung des Hasses, der ihm entgegenschlägt, setzt Sarkozy auf den Pakt mit der Heiligen. Sie endete auf dem Scheiterhaufen - und den wünschen dem Präsidenten viele. Ein Versprechen zumindest hat er nach 2007 eingehalten: Jedes Jahr besucht er das Plateau-des-Glières, einen Wallfahrtsort der Résistance. Im Falle seiner Wiederwahl wird er wohl auch nach Orléans pilgern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Zweifel an Wahlsieg von Maduro-Partei Video-Seite öffnen

          Venezuela : Zweifel an Wahlsieg von Maduro-Partei

          Zwar holte die Partei des umstrittenen Machthabers Nicolas Maduro eine große Mehrheit, die Opposition zweifelte das Ergebnis aber an und forderte eine Überprüfung in allen 23 Bundesstaaten.

          Topmeldungen

          Jamaika-Koalition : Der Grünstreifen am Horizont

          Vor vier Jahren haben die Grünen ihre Chance auf eine Beteiligung an der Regierung vertan. Diesmal wollen sie ernsthaft verhandeln. Das geht nur, wenn die Parteilinken mitmachen. Doch, sind die dazu bereit?
          Die britische Regierungschefin Theresa May und der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei ihrem Treffen in Brüssel.

          Treffen von May und Juncker : Jetzt aber flott!

          Das Stocken der Brexit-Verhandlungen sorgte zuletzt für viel Kritik. Nun machen Jean-Claude Juncker und Theresa May Dampf. Bis Dezember soll ein Plan für die Scheidung stehen.
          Jordi Ciuxart, Vorsitzender des katalanischen Kulturvereins Omnium Cultural, und ANC-Chef Jordi Sànchez vor dem Gerichtstermin in Madrid.

          Krise in Katalonien : Führende katalanische Separatisten inhaftiert

          Die spanische Staatsanwaltschaft hat zwei katalanische Separatistenführer festnehmen lassen. Auch gegen Polizeichef Josep Lluís Trapero wurde Untersuchungshaft beantragt, er kam gegen Kaution jedoch vorerst frei.
          „Es war eine Landtagswahl“: Merkel am Montag in Berlin

          Nach der Niedersachsen-Wahl : Runter vom Baum und Schwamm drüber

          Die Parteien, die eine schwarz-gelb-grüne Bundesregierung bilden wollen, haben bei der Niedersachsen-Wahl alle verloren. Angeblich schadet das nichts. Denn nach der Wahl ist vor der Sondierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.