Home
http://www.faz.net/-gqz-73rqa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Wahlkampf in Amerika Der Kandidat lacht sich ins Fäustchen

Mitt Romney hat im Wahlkampf Freude an sich selbst. Man wüsste nur gerne, warum. Sein Verkaufstalent ist unverkennbar, auch wenn er nichts anzubieten hat. Den Mormonen in sich muss er verdrängen.

© dpa In seinem ökonomischen Programm kehrt die alte Regierungsfeindschaft der Mormonen in die Politik zurück: Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat

Auf der Bühne ist Mitt Romney die Großzügigkeit in Person. Wenn er sich ins Fäustchen lacht, behält er sein Triumphgefühl nicht für sich. Wir alle dürfen mitlachen. Mehrmals gab es in den Debatten der Präsidentschaftskandidaten Momente, da Romney so begeistert von dem war, was er gerade sagte, dass er sich von Heiterkeit übermannen ließ. Das Protokoll umschreibt die Zuckungen, die ihn in diesen Glücksmomenten durchfahren, mit dem in Klammern gesetzten Wort „chuckles“.

Patrick Bahners Folgen:

Man kann „to chuckle“ mit „kichern“ übersetzen; hier trifft „glucksen“ es besser. Romney lacht in sich hinein, aber so, dass jedermann sein Lachen sieht, weil er meint, dass es ansteckt.

Wie man Schadenfreude zeigt

Scheinbar ist die Maske der Selbstdarstellung verrutscht. In Wirklichkeit kassiert der Debattenredner den Lohn der Disziplin. Er glaubt etwas gesagt zu haben, dass den Streit ein für alle Mal zu seinen Gunsten entscheidet. Wie ein Junge, dem ein mit Sorgfalt eingefädelter Streich gelungen ist, demonstriert er eine Schadenfreude, die man ihm, wie er sich einbildet, nicht übelnehmen kann.

Der kontrollierte Lachanfall kann ein Signal dafür sein, dass Romney der spielerische Charakter des Unternehmens der Werbung um Wählerstimmen bewusst ist. In seinen Lehrjahren bei den Beratern von Boston Consulting und in seinen Herrenjahren im An- und Verkauf von Firmen bei Bain Capital hat er gelernt, dass man Chancen und Risiken auf Formeln bringen muss, um Optionen auszuüben und Zuschläge zu bekommen.

Die Emphase des Maklers

In der zweiten Debatte versuchte der Präsident seinen Rivalen zu diskreditieren, in dem er Romneys Selbstdarstellung als Masche des professionellen Verkäufers abtat. Obama rechnete vor, dass die von Romney versprochenen Steuersenkungen entweder mit Schulden oder mit Kürzungen im Tabubereich des Haushalts bezahlt werden müssten, und resümierte verächtlich, diesen „sales pitch“, diesen Verkaufstrick, werde niemand gutheißen. Tatsächlich weist der Habitus des Wahlkämpfers Romney ihn als Verkäufer aus - aber er verhehlt die Rolle gar nicht.

Man kennt vom Makler alle seine Gesten der übertriebenen Zuwendung und künstlichen Aufmerksamkeit, die aufgerissenen Augen und die aufrechte Haltung. Romney legt in seine Sätze eine Emphase, die jeden Widerspruch abfängt. Dieses Vibrieren in seiner Stimme ist das Äquivalent des Füllers, den der Vertreter dem Kunden in die Hand drückt. Romney ist im Handel mit Versprechen und Kalkulationen reich geworden. Hier bleibt der Stratege Herr des Verfahrens, wenn er weiß, dass er Sprüche macht.

Steuerschlupflöcher muss man nutzen

In der ersten Debatte erklärte Romney seinen großen Plan, durch Steuersenkungen den Haushalt zu sanieren. Es gebe kein effizienteres Mittel, ein ausgeglichenes Budget zu erreichen, als dass mehr Menschen Arbeit haben, mehr verdienen und deshalb - und hier verzeichnet das Protokoll, dass Romney mitten im Satz lachen muss - auch mehr Steuern zahlen. Weniger Steuern! Das ist der Schlachtruf und zugleich der Subtext von Romneys Kampagne.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Obama in Alaska Der Prophet reist zum Berg

Obama wirbt in Alaska für den Klimaschutz, obwohl er Ölförderung in arktischen Gewässern erlaubt hat. Den Ureinwohnern macht er ein mächtiges Geschenk. Mehr Von Andreas Ross, Washington

31.08.2015, 18:34 Uhr | Politik
Im Ring mit Evander Holyfield Ex-Präsidentschaftskandidat Romney boxt gegen Weltmeister

Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist für einen guten Zweck in den Ring gestiegen. Für die Hilfsorganisation CharityVision lieferte sich Romney einen Box-Showkampf gegen den mehrfachen Weltmeister im Schwergewicht, Evander Holyfield. Mehr

17.05.2015, 11:08 Uhr | Sport
Klimawandel Obama dringt auf globales Klimaschutzabkommen

Der amerikanische Präsident warnt vor den Folgen des Klimawandels: Wir handeln nicht schnell genug, sagt er auf einer Konferenz in Alaska. Städte könnten vernichtet und Länder überschwemmt werden. Mehr

01.09.2015, 07:12 Uhr | Politik
Traumata verarbeiten Ukrainische Kinder machen Zirkus in Berlin

Jonglieren, auf Trapezen durch die Manege fliegen oder die Zuschauer als Clown zum Lachen bringen - 40 Kinder aus der Ukraine probieren sich zurzeit im Zirkus Cabuwazi in Berlin als Artisten aus und vergessen dabei für kurze Zeit den Krieg in ihrer Heimat. Mehr

17.08.2015, 15:02 Uhr | Gesellschaft
10 Jahre nach Katrina Obama: Versagen der Regierung

Zehn Jahre nach dem Wirbelsturm Katrina ist Amerikas Präsident Obama nach New Orleans gereist. Er lobt den Wiederaufbau, äußert aber auch Kritik. Mehr

28.08.2015, 03:34 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 22.10.2012, 07:17 Uhr

Glosse

Wie weiland Helmut Kohl

Von Edo Reents

Vor ihrem Auftritt bei der Sommerpressekonferenz sprach sich die Kanzlerin gegen Fremdenhass aus. Aber – haben wir das nicht alles schon einmal gehört? Mehr 7 7