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Wahlkampf in Amerika Der Kandidat lacht sich ins Fäustchen

 ·  Mitt Romney hat im Wahlkampf Freude an sich selbst. Man wüsste nur gerne, warum. Sein Verkaufstalent ist unverkennbar, auch wenn er nichts anzubieten hat. Den Mormonen in sich muss er verdrängen.

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Auf der Bühne ist Mitt Romney die Großzügigkeit in Person. Wenn er sich ins Fäustchen lacht, behält er sein Triumphgefühl nicht für sich. Wir alle dürfen mitlachen. Mehrmals gab es in den Debatten der Präsidentschaftskandidaten Momente, da Romney so begeistert von dem war, was er gerade sagte, dass er sich von Heiterkeit übermannen ließ. Das Protokoll umschreibt die Zuckungen, die ihn in diesen Glücksmomenten durchfahren, mit dem in Klammern gesetzten Wort „chuckles“.

Man kann „to chuckle“ mit „kichern“ übersetzen; hier trifft „glucksen“ es besser. Romney lacht in sich hinein, aber so, dass jedermann sein Lachen sieht, weil er meint, dass es ansteckt.

Wie man Schadenfreude zeigt

Scheinbar ist die Maske der Selbstdarstellung verrutscht. In Wirklichkeit kassiert der Debattenredner den Lohn der Disziplin. Er glaubt etwas gesagt zu haben, dass den Streit ein für alle Mal zu seinen Gunsten entscheidet. Wie ein Junge, dem ein mit Sorgfalt eingefädelter Streich gelungen ist, demonstriert er eine Schadenfreude, die man ihm, wie er sich einbildet, nicht übelnehmen kann.

Der kontrollierte Lachanfall kann ein Signal dafür sein, dass Romney der spielerische Charakter des Unternehmens der Werbung um Wählerstimmen bewusst ist. In seinen Lehrjahren bei den Beratern von Boston Consulting und in seinen Herrenjahren im An- und Verkauf von Firmen bei Bain Capital hat er gelernt, dass man Chancen und Risiken auf Formeln bringen muss, um Optionen auszuüben und Zuschläge zu bekommen.

Die Emphase des Maklers

In der zweiten Debatte versuchte der Präsident seinen Rivalen zu diskreditieren, in dem er Romneys Selbstdarstellung als Masche des professionellen Verkäufers abtat. Obama rechnete vor, dass die von Romney versprochenen Steuersenkungen entweder mit Schulden oder mit Kürzungen im Tabubereich des Haushalts bezahlt werden müssten, und resümierte verächtlich, diesen „sales pitch“, diesen Verkaufstrick, werde niemand gutheißen. Tatsächlich weist der Habitus des Wahlkämpfers Romney ihn als Verkäufer aus - aber er verhehlt die Rolle gar nicht.

Man kennt vom Makler alle seine Gesten der übertriebenen Zuwendung und künstlichen Aufmerksamkeit, die aufgerissenen Augen und die aufrechte Haltung. Romney legt in seine Sätze eine Emphase, die jeden Widerspruch abfängt. Dieses Vibrieren in seiner Stimme ist das Äquivalent des Füllers, den der Vertreter dem Kunden in die Hand drückt. Romney ist im Handel mit Versprechen und Kalkulationen reich geworden. Hier bleibt der Stratege Herr des Verfahrens, wenn er weiß, dass er Sprüche macht.

Steuerschlupflöcher muss man nutzen

In der ersten Debatte erklärte Romney seinen großen Plan, durch Steuersenkungen den Haushalt zu sanieren. Es gebe kein effizienteres Mittel, ein ausgeglichenes Budget zu erreichen, als dass mehr Menschen Arbeit haben, mehr verdienen und deshalb - und hier verzeichnet das Protokoll, dass Romney mitten im Satz lachen muss - auch mehr Steuern zahlen. Weniger Steuern! Das ist der Schlachtruf und zugleich der Subtext von Romneys Kampagne.

Der Kandidat stellt in Aussicht, dass auch die Kleinverdiener so wenig abführen müssen wie er. Ausdrücklich hat er erklärt, dass er als Sanierer der Staatsfinanzen disqualifiziert wäre, wenn er als Verwalter des eigenen Vermögens nicht jedes Schlupfloch genutzt hätte. Er will um jeden Preis geheim halten, wie viel Steuern er genau gezahlt hat, aber er kann dann doch nicht verschweigen, dass er mit einem absoluten Wachstum des Steueraufkommens rechnen muss.

Was ist daran eigentlich komisch?

Dass Mitt Romney die Wörter „mehr“ und „Steuern“ kombiniert, ist ja wohl ein Witz - und Romney macht uns ein Kompliment, indem er darauf spekuliert, dass wir seinen Humor teilen. So wird man sich in den Vorstandssitzungen von Bain Capital über die Ironie des Abschreibungsgeschäfts amüsiert haben. Als lachende Mitwisser dürfen alle Wähler an Romneys Kabinettstisch Platz nehmen. Und doch haben wir es bei der freiwilligen Komik der dosierten Heiterkeitsattacken mit einer der seltsamsten Marotten unter Romneys Ticks zu tun. Oft genug ist nämlich gar nicht zu erkennen, was da eigentlich urkomisch sein soll.

Eine bizarre Szene gab es kurz vor Schluss der zweiten Debatte. Obama hatte auf die Frage geantwortet, auf welchem Weg Apple dazu veranlasst werden könnte, die Produktion in die Vereinigten Staaten zurückzuverlagern. Die Moderatorin leitete zur letzten Frage an Romney über, doch dieser wollte noch einen Kommentar loswerden. Zweimal sagte er den Satz: „Die Regierung schafft keine Arbeitsplätze.“ Er schien in gehobener Stimmung, verfiel lächelnd in den Singsang des Spielverderbers auf dem Schulhof. Ätschbätsch, Barack kann gar keine Arbeitsplätze schaffen, denn er ist ja (noch) die Regierung!

Das Dogma war Musik geworden, ein Endlosschleifenmotiv wie in einer Oper von Philip Glass. Die Rezitation des Mantras wurde begleitet von heftigem Fuchteln des Zeigefingers. Übermütig spielte Romney sich selbst, den prophetischen Merksprücheklopfer. Er fingierte nicht mehr wie der Gegner den Ton umständlicher Argumentation, sondern spulte seine Gegenzauberformeln ab.

Keine Arbeitsplätze ohne Schöpfer

Warum überkam ihn das Gelächter? Weil es ihm ernst war, weil er wirklich glaubte, zur Widerlegung Obamas genüge der einzige Satz, dass die Regierung keine Arbeitsplätze schaffe. Wie ist es dann aber zu erklären, dass Romney sich um die Übernahme der Regierung bewirbt und gegen Anfang der Debatte sagte, er wisse, wie man wieder gute Arbeitsplätze schaffen könne? Er hat die Arbeitsplätze, die durch seine Wahl geschaffen werden sollen, sogar auf die Million genau beziffert.

Keine Arbeitsplätze ohne Schöpfer: Diese fixe Idee verbindet Romney und Obama. Die Vokabeln „create“ und „jobs“ bilden in ihren Reden eine unauflösliche Einheit. Nach Romney soll die Leistung der Regierung der Arbeitsplatzstatistik abzulesen sein, obwohl ihre schöpferischen Anstrengungen von vornherein vergeblich sind.

Die Lösung dieses Rätsels der ökonomischen Kreativität wird man unter den Spitzfindigkeiten der Schöpfungstheologie zu suchen haben. Bill Sammon, einem Journalisten des konservativen Fernsehsenders Fox News, erzählte Romney eine Anekdote über Brigham Young, den Nachfolger von Joseph Smith als Prophet der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Es sei vielleicht eine „apokryphe Geschichte“, doch werde sie in der Kirche gerne erzählt.

Gott ist kein Puppenspieler

Auf dem großen Zug nach Westen geschah es bei der Überquerung des North Platte River, dass sich einer der Planwagen aus der Karawane löste und den Fluss hinabtrieb. Der Fuhrmann fiel auf die Knie und fing an zu beten. Da nahm Brigham Young ihn sich zur Brust und wies ihn zurecht: „Jetzt ist nicht die Zeit für Gebete!“ Romneys Auslegung: „In meinem Glauben ist der Gedanke sehr stark, dass jeder auf sich selbst angewiesen ist. Gott hat uns hierher gestellt, aber er lenkt die Dinge nicht wie ein Puppenspieler. Und wenn mir etwas misslingt, kann ich nicht zu ihm zurückgehen und sagen: O.k., Gott, das ist jetzt deine Sache.“

Die Offenbarungen des Schatzsuchers Joseph Smith speisten sich aus einer Geheimreligion des arbeitenden Volkes, häretischen Spekulationen über ein Mitschöpfertum. Der Ermächtigung des Menschen, der sich in einen gottgleichen Status emporarbeiten kann, wurden die Gottesattribute der Ewigkeit und Allmacht geopfert. Nach mormonischer Überlieferung war der Gott der Bibel selbst ein Mensch, der es zum Vorstandsvorsitzenden beziehungsweise Präsidenten der Welt brachte.

Die Regierungsfeindschaft der Mormonen

Der deutsche Universalhistoriker Eduard Meyer verglich in seinem Buch über die Mormonen von 1912 die von Smith gestiftete Kirche mit der Religion Mohammeds. Eine Gemeinsamkeit sind die legendären Geschichten aus dem Leben der Propheten, die die Offenbarung überwuchern und korrigieren. Brigham Young wird bei Romney zum Verkünder eines radikalen Individualismus, obwohl er nach der Ankunft in Utah ein staatswirtschaftliches Regiment errichtete und seine freihändlerischen Konkurrenten exkommunizierte.

Nachdem sich Youngs Nachfolger dem Recht der Vereinigten Staaten unterworfen hatten, entwickelte sich die mormonische Theologie laut Meyer zu einem „System geistigen und ethischen Fortschritts in dieser und jener Welt, das sich je nach Bedürfnis mit den evolutionistischen Lehren der Naturwissenschaft und der Soziologie ganz gut in Einklang bringen lässt“. Im Denken des Mannes, der die Chance hat, ins Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt zu werden, kehrt die ursprüngliche Feindschaft gegen die Regierung, die die Mormonen verfolgte, als ökonomische Ideologie wieder.

In mormonischen Foren im Internet wird mit Leidenschaft diskutiert, was der „mormonische Moment“ der Wahl Romneys bedeuten könnte. Viele Kommentatoren bedauern, dass Romney die kommunitaristischen Elemente der mormonischen Soziallehre verdrängt. Aber auch Mormonen, die Romney nicht wählen wollen, erkennen sich in ihm wieder. Das gehemmte, scheinbar schlecht einstudierte öffentliche Auftreten des Kandidaten ist in ihren Augen typisch für die mormonische Assimilation, die Übererfüllung der Erwartungen einer Mehrheitsgesellschaft, die der Inhalt des Buchs Mormon nach wie vor befremden müsste. Romney lachte, als er Sammon die Geschichte von Brigham Youngs Gebetsverbot erzählte. Mit diesem Lachen überspielt er seine Befangenheit.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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