16.09.2009 · Nach ihrem “TV-Duell“ zeigen weder Angela Merkel noch Frank-Walter Steinmeier Interesse an weiteren Diskussionsrunden im Fernsehen. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sieht darin eine Beschädigung demokratischer Kultur.
Von Michael HanfeldDer Hickhack um die Wahlkampfführung im Fernsehen setzt sich fort - und die große Koalition auch: Nach dem „Duell“ ist der Bedarf der Spitzenkandidaten der Volksparteien an Fernsehauftritten offenbar gedeckt. Zuerst sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel der vom ZDF für Donnerstag geplanten „Berliner Runde“ ab, am Mittwoch strich auch Frank-Walter Steinmeier die Segel. Er bedauere, dass sich die Kanzlerin keiner weiteren Diskussion stellen wolle. Doch sehe er keinen Sinn darin, mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff zu debattieren, schließlich kandidiere der Landespolitiker nicht für den Bundestag. Daraufhin sagte der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender die „Berliner Runde“ kurzerhand ab.
Die Union hatte Wulff anstelle von Angela Merkel entsenden wollen, die SPD brachte Peer Steinbrück ins Spiel, bei der artverwandten Sendung „Die Favoriten“, welche die ARD Anfang nächster Woche bringen will, soll Sigmar Gabriel die SPD vertreten, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und abermals Christian Wulff die Union. Sinn der Sendungen sollte aber sein, die Spitzenkandidaten aller sechs Bundestagsparteien zu versammeln.
An der Opposition vorbei
Die Parteien ließen durch ihre Verweigerung eine Chance zur Information des Publikums fahren, sagte der ZDF-Chefredakteur Brender im Gespräch mit FAZ.Net: „Die Verweigerung von Kanzlerin und Kanzlerkandidat beschädigt die demokratische Kultur.“ Der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin zollte dieser Haltung „Respekt“. Dass Merkel und Steinmeier die Auseinandersetzung mit der Opposition scheuten, zeuge „von einer bodenlosen Arroganz der Macht“. Ein derartiges Verhalten sei „eigentlich typisch für autokratische Regime“.
Steinmeiers Sprecher Thomas Steg sagte im Gespräch mit FAZ.Net zu Brenders Schritt hingegen feinsinnig: „Die Absage ist die alleinige Entscheidung des Chefredakteurs. Er hatte mir dies auch vorab mitgeteilt. Nur er kann beantworten, ob diese Reaktion zwingend notwendig gewesen ist.“
Die CDU nahm die Absage der Runde ebenfalls „mit Unverständnis entgegen“. In den Jahren 2002 und 2005 hätten sich ähnliche oder sogar gleiche Konstellationen bei den „Berliner Runden“ des ZDF ergeben, dennoch hätten sie stattgefunden. „Es gibt keinen erkennbaren neuen Grund, jetzt dieses bewährte Diskussionsformat unmittelbar vor der Bundestagswahl abzusagen“, sagte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla.
Vor den Bundestagswahlen 2002 und 2005 hatten die Spitzenrunden im ZDF auch jeweils ohne den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder stattgefunden, 2002 zudem ohne den damaligen Unions-Spitzenkandidaten Edmund Stoiber. Die ARD hat ihre Runde mit den Spitzenkandidaten, die am kommenden Montag stattfinden soll, noch nicht aufgegeben. Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier hatten auch dort abgesagt. „Über Gästealternativen wird morgen entschieden“, teilte der Mitteldeutsche Rundfunk, der die Sendung für die ARD betreut, mit.