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Wahlkampf Ein Mittagessen mit Jean-Marie Le Pen

04.04.2007 ·  Der Parteichef des Front National will bei der französischen Präsidentenwahl wieder Unruhe ins Geschehen bringen. Dazu präsentiert er sich in seinem Heimatort von der seltsamsten Seite.

Von Jacqueline Hénard
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Anfangs ist die Stimmung recht traurig, aber das passt zum Termin: Wir sind am Totendenkmal verabredet. Der Himmel über der Bretagne ist grau, die Häuser sind aus Granit und die Straßen leer. Fünf alte Männer in abgeschabten Phantasieuniformen mit Ordensbrüsten wie KGB-Generäle haben sich schon am Denkmal für die Kriegstoten von La Trinité-sur-Mer aufgestellt. Zwanzig oder dreißig Schaulustige sind auch gekommen. Weit und breit kein Demonstrant und kein Polizist.

In wenigen Minuten wird sich ein Pulk von Kameraleuten, Tontechnikern und Sicherheitsleuten des Front National die Straße herabwälzen, mittendrin Jean-Marie Le Pen, doppelreihiger Blazer mit Goldknöpfen, Flanellhose, eine dicke Schicht Theaterschminke im Gesicht und im Haaransatz. „Wie schön!“ begrüßt er lebhaft den einen, „Dass du auch da bist!“ den anderen. Dann nimmt er das meterbreite Blumengesteck, legt es ab und schweigt mit verschlossener Miene in Richtung Denkmal. „Lass uns einmal herumgehen“, sagt Jany, seine flotte zweite Frau, deren Alter von ärztlicher Hand geschickt unkenntlich gemacht worden ist. Auf der Rückseite steht auch der Name des Vaters, der 1942 eine deutsche Mine in seinem Fischernetz gefangen hatte.

Le Pen lässt bitten

Schon wälzt sich der Pulk wieder ein paar hundert Meter zurück bis zu einem unscheinbaren Gartentor und einer niedrigen Fischerkate. Jean-Marie Le Pen lässt bitten. Zum Auftakt seiner fünften Präsidentschaftskampagne führt der 78 Jahre alte Gründer des Front National seine Kindheit vor: den Kriegswaisen aus ärmsten Verhältnissen, der mit vierzehn Jahren vom Vaterland adoptiert wurde und als „Schützling der Nation“ aufwuchs. Auch die altgedienten Front-Berichterstatter von den französischen Tageszeitungen, die Le Pen seit zehn, fünfzehn Jahren durch alle Wahlkämpfe begleiten und oft aus nächster Nähe erleben, sind zum ersten Mal hier.

Le Pen besaß zwischenzeitlich zwei gegenüberliegende Katen, die nur durch einen schmalen Garten getrennt sind. Das eigentliche Elternhaus gehört heute den Töchtern Yann und Marine, die es in den Sommerferien nutzen. Mit der dritten Tochter, Marie-Caroline, hat sich Le Pen beim großen Schisma seiner Partei vor ein paar Jahren dermaßen zerstritten, dass sie das Haus gegenüber aus Rache an fremde Leute verkaufte. Die zwei sprechen immer noch nicht miteinander.

Der Ton ist korrekt

„Jeder Franzose“, hebt Le Pen vor der Fischerhütte an, unter deren Dach seine Eltern einst mit sechs anderen Familien gehaust haben, „hat das Recht zu wissen, mit wem er es zu tun hat.“ Dann liest er seine Rede vom Blatt. „Diese Förmlichkeit ist nötig, wenn man hoffen will, richtig zitiert zu werden“, seufzt er hinterher beim Mittagessen. All diese Ausfälle, die man ihm schon unterstellt hat! Themen seiner Kandidatenrede sind die Unfähigkeit der Regierungsparteien und ihrer Bewerber, Nation und Vaterland, Einwanderung und demographischer Wandel. Der Ton ist über weite Strecken so korrekt, als ob er Staatsbeamter werden wollte.

Eine ganze Stunde lang gestattet sich Le Pen nur eine scharfe Bemerkung auf Kosten von algerischen Einwanderern in komfortablen französischen Sozialwohnungen. Das sei der mäßigende Einfluss von Marine Le Pen, heißt es, der telegenen jüngsten Tochter, die seit dem überraschenden Triumph von 2002, als der Vater plötzlich in die Stichwahl kam, oft an seiner Stelle im Fernsehen aufgetreten ist. Der Front National ist ein kleiner Verein mit wenigen Figuren, die sich gut machen im Scheinwerferlicht. In den vergangenen Wochen ist Marine Le Pen oft zweimal täglich in irgendeinem Studio gewesen. Jetzt wird man sie noch öfter zu sehen und zu hören bekommen: Seit ein paar Tagen muss den zwölf nunmehr amtlich anerkannten Kandidaten oder ihren Fürsprechern auf allen Kanälen exakt dieselbe Redezeit zugestanden werden.

Mit der Tochter trinkt man gerne

„Sie waren großartig in der Sendung“, sagt prompt eine Frau mit Kostüm und Seidentuch beim Aperitif zu Marine Le Pen. Die Tochter ist eine schlanke Blondine in Jeans mit Wildledermantel, die ihr Berufsleben als Rechtsanwältin für Strafsachen angefangen hat. Sie kann so laut sein wie ihr Vater, sie kann blicken wie ein Bullterrier und Faxen machen wie eine schulschwänzende Gymnasiastin. Mitten im Gespräch wendet sie sich ab und ruft „huh!“ in einen tiefen Durchgang, weil das schön hallt. Mit Journalisten ist sie so kumpelhaft, dass inzwischen selbst die Korrespondenten von linken Tageszeitungen nach getaner Arbeit gerne ein Glas mit ihr trinken gehen.

Zwanzig oder dreißig Front-Anhänger aus der Umgebung von La Trinité-sur-Mer sind zu herbem Apfelwein und Knabbergebäck in den spätwinterlichen Garten gekommen. Die katholische Bretagne ist eine Landschaft, in der Le Pen bislang verhältnismäßig wenig Stimmen einfahren konnte. Kein einziger Dorfbürgermeister hat eine Bürgschaftserklärung für seine Kandidatur unterzeichnen wollen. In den Institutionen halten die Hemmschwellen, beim Volk nicht. Erstmals sieht es so aus, als ob vermehrt auch Frauen für die Rechtsextremisten stimmen könnten. Sie haben, mehr noch als die Männer, Angst vor den wirtschaftlichen Erschütterungen der Globalisierung und dem Absturz in die Armut. Die Hobbycellistin, die nach der Rede von „Jean-Marie“ mit kalten Fingern das politische Aperitif-Geplauder mit manchem falschen Ton untermalt, ist so ein Fall: eine arbeitslose Sekretärin von Mitte fünfzig, die sich jetzt als Kosmetik-Vertreterin durchschlägt, tipptopp zurechtgemacht, verschüchtert und verbittert. Was soll sie anfangen mit Präsidentschaftskandidaten, die Reden schwingen für die Gewinner von morgen? Die Worte müssen in ihren Ohren klingen wie Hohn.

Der harte Kern

Ein halbes Dutzend Rentner in altmodischen Anzügen redet vor allem miteinander. Das ist der harte Kern der Front-Aktivisten aus der Gegend. Heutzutage werde man nicht mehr angefeindet, wenn man sich als Front-Anhänger zu erkennen gebe, sagt ein jüngerer Mann. Er erklärt seine politische Vorliebe so unbefangen und natürlich wie die Regeln eines neuen Computerspiels. Eine einfache Frau mit halbwüchsiger Tochter bleibt lange bei Marine Le Pen stehen und blickt unablässig zu ihr auf. Haben die Meinungsforscher recht, die dem alten Rechtsextremisten nur ein Stimmenpotential von dreizehn oder fünfzehn Prozent zuschreiben? Fast ein Drittel der Franzosen, so war neulich zu lesen, haben kein Festnetz-Telefon - junge Leute und sozial Schwache sind von Meinungsumfragern, die ihre Stichproben im alten Telefonbuch zusammensuchen, ausgeschlossen. Ein weiteres Drittel lässt die Anrufer prinzipiell abblitzen. Wie repräsentativ sind die Umfragen?

Zum Mittagessen unten am Hafen wird der Kreis kleiner. Jean-Marie Le Pen erzählt nach Großvatermanier von den Totenwachen seiner Kindheit und, wie unter alten Freunden, von dem Rabatz, den seine Enkel veranstalten. „Jany (seine Frau) hält das nicht lange aus“, sagt er vertraulich. Deshalb komme er im Sommer nie nach La Trinité-sur-Mer. Bis zur Vorspeise (Crevetten, Austern und andere eisgekühlte Meerestiere) plätschert die Unterhaltung unpolitisch dahin. Le Pen ist bester Laune. In den nächsten drei Stunden wird seine Konzentration keinen Moment nachlassen. „Ich bin wie gedopt“, sagt er, „die Rente, das ist doch der Tod. Um zehn Uhr aufstehen und dann in Pantoffeln durchs Haus schlurfen, das ist doch das Ende!“ Es ist, als ob die Präsidentschaftskampagne sogar seine Schwerhörigkeit vermindert hätte.

Unangenehme Nähe

„Und nun, Monsieur Le Pen?“, fragt einer der Tischgenossen. Mehr als ein Stichwort ist nicht nötig. Le Pen kennt die französischen Journalisten alle schon seit Jahren und lässt sie gern ins politische Nähkästchen des Front National blicken. Den Deckel hebt er dabei genau so hoch, wie es ihm in den Kram passt. „Ich habe meiner Redaktion schon ein paarmal gesagt, ich möchte mich um ein anderes Thema kümmern“, erklärt der Sitznachbar hinterher bekümmert. „Mit der Zeit ergibt sich eine Nähe, die mir äußerst unangenehm ist.“ Vor zehn Jahren war jedes Aufeinandertreffen von Front und Presse so angespannt, dass man immer ein Sirenengeheul im Hintergrund zu vernehmen glaubte. Heute ist keine Spur von Feindseligkeit. Die Mittagstafel hat zwei Tischherren in einer Person: den alten Rechtsextremisten - und den Politiker, der es vor fünf Jahren in die Stichwahl ums Präsidentenamt geschafft hat.

„Le Pen ist nicht unangenehm im persönlichen Umgang“, sagt ein homosexueller Essayist, der ihn für seine Bücher interviewt hat. „Die meisten Menschen sind peinlich berührt, wenn sie das hören. Aber es ist die Wahrheit.“ Der Jurist Le Pen ist auch gebildet, auf klassische Art; er hat einen großen lateinischen Zitatenschatz abrufbereit und auf Französisch einen reichen Wortschatz, den er präzise einsetzt - nicht nur für fremdenfeindliche Sprüche. Oft ist seine Rede durchsetzt von apokalyptischer Lust und Freude am unfeinen, unüberprüfbaren Detail; Karl Marx' schmerzhafte Hämorrhoiden zum Beispiel oder die verklebten Eileiter von Jacques Chiracs Mutter. Und dann fängt er doch an zu geifern, „das war jetzt aber off“.

Eine verbale Probefahrt, wie sich herausstellt: Alle Ausfälle jener Mittagsstunden werden bei seinem nächsten Kandidatenauftritt in der Rede wiederkehren. Kunstvoll bindet er niedere Instinkte, stumme Frustrationen und verwaiste Weltbilder an seine Person. Jean-Marie Le Pen ist kein netter Avus familias. Er ist ein guter Diagnostiker der französischen Befindlichkeiten, der mit all seinen Erkenntnissen keinem höheren Zweck gedient hat. Wahrscheinlich ist er der erfolgreichste Nihilist der Nation.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite 38
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