Home
http://www.faz.net/-gqz-siuk
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahl in Italien Der erste Popstar der Weltpolitik

 ·  An diesem Sonntag und Montag wird in Italien gewählt - nach einem harten Wahlkampf. Gegen die Personality-Show von Ministerpräsident Berlusconi verblassen sogar die vaterländischen Ikonographien von Putin, Blair oder Chirac.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

„Drück mich, drück mich stärker, drück mich an dich! Ich fühle, du gehörst mir, ich will dich - in der Nacht, die kommt.“ Der Medientycoon, Bauunternehmer und Ministerpräsident Berlusconi ist zweifellos berühmter als der Schnulzenschreiber. Aber auch auf diesem Gebiet hat sich der uomo universale aus Mailand einen Namen gemacht. „Meglio una canzone“ - „Besser ein Lied“ - heißt die CD des neapolitanischen Schlagersängers Mariano Apicella.

Sämtliche Texte stammen von Berlusconi, der hier in die Rolle des feurigen Latin Lovers schlüpft. Der dichtende Politiker hat auf seinem Luxusanwesen in Sardinien mit Apicellas platten Harmonien bereits diverse Staatsgäste gefoltert. Im Ausland betrachtet man Berlusconis platte Scherze, seine Auftritte am Piano bei Wirtschaftsgipfeln, seine Dante-Rezitationen, seine Wutanfälle gerne als Fußnoten einer bigotten und knallharten Geschäftspolitik, die den Padrone gerichtlich mit Mafiamördern, Richter-Bestechung und Bilanzbetrug in Verbindung brachte.

Einzigartige Karriere

Doch ohne gezielte ästhetische Untermalung ist diese einzigartige Karriere nicht zu erklären. Denn so dumm, daß sie einfach auf dreiste Lügen und geschönte Fernsehberichte hereingefallen wären, sind die Italiener nur im Klischee. Berlusconi bezieht bis zu den heutigen Parlamentswahlen sein gigantisches Selbstbewußtsein aus der Überzeugung, dem Land ein neues Image geliefert und damit eine Epoche eröffnet zu haben: seine.

Mit dieser Ansicht hat er zweifellos recht, wie immer man den Berlusconianismus moralisch auch bewertet. Mit dem bisher erreichten Ziel - dem Boß lästige Gerichtsverfahren vom Hals zu halten und sein Vermögen zu mehren - tritt dieser neue Regierungsstil die Gewaltenteilung mit Füßen. Durch seine Methoden erwies sich Berlusconis rosiger Räuber-Kapitalismus als geniale Form der Modernisierung von Politik und Gesellschaft.

Das Boy-Group-Prinzip

Italien vor Berlusconi - das war eine ungelüftete Versammlung von Interessengruppen. Vor allem die katholische Kirche und die Gewerkschaften kontrollierten Arbeitsleben, Medien, Moral bis in die letzten Alltagshandlungen. Während in Deutschland Wirtschaftswunder und Achtundsechziger diese Dumpfheit aufmischten, mußte Italien auf den Boom länger warten. Terrorismus, Auswanderung, Klassenkampf, aber auch Papstmoral und Großgrundbesitz hielten sich hier bis in die achtziger Jahre. Berlusconi, Jahrgang 1937 und aus kleinen Verhältnissen stammend, machte die bilderbuchhafte 68er-Aufsteigerkarriere, nachdem er Tabus und Brüche der Italiener genau analysiert hatte. Mit Modernisierung verdiente er in Mailand sein Geld: Beton-Vorstädte für die Landflüchtigen, Fernsehen für die erkämpfte Freizeit und Werbung für die Konsumgeilen.

Während die Roten Brigaden und die Maoisten sich ihre vergeblichen Straßenkämpfe gegen ein sowieso wankendes Regime lieferten, bildete Berlusconi mit Fußballkumpels eine Boy-Group, die ihn bis heute durch dick und dünn begleitet: Fedele Confalonieri fürs Fernsehgeschäft, Adriano Galliani für den Sport, Marcello dell'Utri für die Kontakte zur Unterwelt, Emilio Fede für die Propaganda und der inzwischen verstorbene Bettino Craxi für die Politik. Jeder von ihnen kam schließlich in seiner Sparte ganz oben an.

Geld, Frauen, Königsschlösser, Macht

Diese agilen Jungs hatten die Lehren von Freiheit und Selbstverwirklichung sehr viel besser verinnerlicht als die verquasten Politkommissare. Im endlich boomenden Italien war viel zu holen, wenn man nur die Chancen nutzte: Geld, Frauen, Königsschlösser, Macht. Statt zusammen auf einem Aschenplatz zu kicken, so bleute der Einpeitscher Berlusconi seinen Leuten ein, konnte man den AC Mailand kaufen und den besten Verein der Welt daraus machen. Statt Werbezeit im kontrollierten Staatsfernsehen zu ergattern, konnte man selber Sender gründen. Statt arrogante Politiker um Gefallen zu bitten, konnte man selber Politik machen. Und wenn man dabei mit den Gesetzen in Konflikt geriet, so hatte dafür die 68er-Revolte die passenden Antworten parat: Legal, illegal, scheißegal.

Auffallend viele von Berlusconis eifrigsten Adepten waren früher extrem links - sein Ideologe Ferrara, sein Ökonom Tremonti. Sie stellten einfach dieselben rabiaten Methoden des Klassenkampfes in den Dienst des Rambo-Kapitalismus. Der anarchische Grundzug seiner Selbstverwirklichung wird von Berlusconi keineswegs versteckt: Er ist ein lockerer Typ. Wenn ihm nach einem derben Witz zumute ist, nimmt er auf steife Staatsempfänge keine Rücksicht. Wenn ihm Journalisten nicht passen, steht er auf und geht: „Ich bin ein freier Mann.“ Und wenn er schlechte Laune hat, bezeichnet er - wie diese Woche - die Wähler der Linken einfach als „Arschlöcher“.

Grenzenloses Freiheitsversprechen

Diese ruppige Art hat viel gemein mit den grenzenlosen Freiheitsversprechen der Popkultur. Mit Berlusconi ist Vulgarität nicht mehr tabu; er ist der erste Politiker, der sich benimmt wie ein Rocker. Das gilt nicht erst für die Politik, sondern vorher schon für seine Sender, die amerikanische Billigserien und vor allem infantile Spielshows voller Bikinimädchen rund um die Uhr zur Lieblingsunterhaltung der Italiener machten. Wir sind modern! Wir sind bunt! Wir machen, was uns gefällt! Das sind die Botschaften, die er als Vulgärliberalismus mit seiner Konzernpartei „Forza Italia!“ als mehrheitsfähig entblößte. Nicht so sehr die Mafiosi oder die korrupten Banker und bestochenen Richter machen Berlusconis Politik aus; das sind Kollateralschäden. Doch mehr noch hat er im Sog der linken Freiheitsversprechen die Werbetexter und Designer, die Demographen und Visagisten, die Gagschreiber und Beleuchter an die Macht gebracht.

Darum ist sein Politstil so sehr auf seine Person ausgerichtet. Die alte Rampensau Berlusconi, gestählt auf Kreuzfahrtschiffen und Kaffeefahrten, ist der erste Popstar der Weltpolitik, gegen dessen Personality-Show sogar die vaterländische Ikonographie von Putin, Blair oder Chirac verblaßt. Die letzte Wahl gewann der Unnahbare mit einer millionenfach gedruckten Hagiographie in Bildern, der Illustriertengeschichte eines schillernden Helden mit Mamma, Bambini, Amici. Dieser öffentliche Mensch, der sich aus seinen verbunkerten Villen gerne direkt in Shows seines Senders zuschalten läßt, bietet wie ein Popsänger seinen Körper den Massen medial dar. Darum läßt er sich liften wie Sofia Loren, läßt sich Haare färben und implantieren und trägt zu Plateausohlen die unmodischen Zweireiher, die seine Herkunft aus den hippen Siebzigern untermauern. Sein Leibarzt, den er zum Bürgermeister von Catania gemacht hat, attestiert ihm „gefühlte 42 Jahre“, also befindet sich Berlusconi augenblicklich im Jahr 1979.

Nimbus des jugendbewegten Helden

Die plastikfarbene Grellheit jener Jahre hat er sich bewahrt. Bevormundung ist out, hämmert der zeitlose Verkäufer seiner selbst den ekstatischen Tifosi ein. Er hat den Mächtigen der Welt vorgemacht, wie man das Fernsehen effektiv zum Regieren einsetzt: Nicht mit Lügen und Drohungen, sondern als einträgliche Gehirnwäsche. Eine Diktatur mit Polizei und Überwachung käme im psychedelischen Kosmos Berlusconis sowieso viel zu teuer.

Auch aus Kostengründen ist er - nach amerikanischem Vorbild - ein lupenreiner Demokrat geblieben. Nur daß Berlusconi gerne ohne hemmende Gesetze seine Freiheit in politische Werbezeit umsetzen würde und dann ungehemmt seinem Lebensmotto folgen könnte: Kasse mit der Masse. Warum nur darf man Macht nicht kaufen, wenn sonst alles käuflich ist? Berlusconi ist der einzige Mensch der Welt, bei dem es von Herzen kommt, wenn er das Wort „Privatfernsehen“ ausspricht.

„Der verfolgte Christus der Politik“

Unsere Globalkultur hat bildmächtige Popstars als Ikonen hervorgebracht. Berlusconi hat den Nimbus dieser jugendbewegten Helden auf die Politik übertragen: Laßt es rocken! Bei seinen Parteiversammlungen werden die Leute in den ersten Reihen gecastet, am liebsten Mädchen mit sexy Outfit, denn das bringt auch in den Shows Quote. Für seine einstige Jugendgang - die „Gens Berlusconiana“ - hat der Leadsänger schon vor Jahren im Park der Residenz von Arcore ein esoterisches Mausoleum in den Boden rammen lassen: Sarkophage unter kabbalistischen Zeichen - eigentlich der ideale Drehort für ein Madonna-Video. Die Italiener witzeln, das viele verbaute Geld sei für die drei Tage bis zur Auferstehung doch die reine Verschwendung. Aber immerhin - hier soll, im Kreise seiner Jünger und ohne störende Kirchensymbole, der politische Erlöser ruhen, wenn die gefühlten zweiundvierzig Jahre doch einmal abgelaufen sind.

Im volkstümlichen Jesusvergleich, den Berlusconi in diesem Wahlkampf ganz bewußt selber zog („Ich bin der verfolgte Christus der Politik“), steckt Wahrheit. Sein aggressives Selbstbild der siebziger Jahre wittert überall Unterdrückung, darum kann er ohne zu erröten allzeit über seinen Leidensweg als juristisch und medial Verfolgter lamentieren. In dieser Wahlkampagne hat er - längst beratungsresistent - den Mißmut allerdings reichlich übertrieben, denn er war ja gar kein oppositioneller Modernisierer mehr; er war zum Verwalter geworden. Vom charmanten Strahlemann blieb deshalb am Ende ein cholerischer Boß, dem die Wähler davonliefen.

Das ist die Tragik des Pop: Nie dürfen seine Jünger sich mit der Macht identifizieren, und schon gar nicht dürfen sie regieren. Aber wie immer es auch ausgeht - Silvio Superstar, der ewige Rebell, wird weiterkämpfen gegen einen Staat und ein System, das ihn selber zum reichsten und mächtigsten Mann gemacht hat. Vermutlich glaubt er, was er sagt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

Jüngste Beiträge

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2 6