03.11.2008 · Zum Ende des Wahlkampfs beschwören die Republikaner das „wahre Amerika“, wo sie ihr größtes Stimmpotential vermuten. Was dieses wahre Amerika sein soll, ist aber längst nicht mehr klar. Sollte Obama gewinnen, wäre die Verschiebung offensichtlich.
Von Jordan Mejias, New YorkIn ganz Amerika wird am Dienstag gewählt, aber im „real America“, im wahren Amerika, soll sich entscheiden, wer die Wahl gewinnt. So hat es uns über die letzten Wochen niemand eindringlicher versichert als die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, die sich rühmt, aus diesem wahren Amerika zu kommen, und in ihm das Ideal amerikanischen Lebens und Strebens zu erkennen meint.
Für Sarah Palin ist es der heimelige Ort, an dem jeder noch, fern vom unübersichtlichen Angebot der Metropolen mit ihren verwirrenden Wertesystemen, ethnischen Vermengungen und elitären Bestrebungen, den sicheren, über die Jahrhunderte festgetrampelten Boden des Altvertrauten und Ewiggleichen unter seinen Füßen spüren kann. Palins wahres Amerika ist, um das Kind beim Namen zu nennen, ein weißes Amerika. Sie muss deswegen noch keine Rassistin sein.
Tiefer liegende Gründe der Wahl
Wer oder was echt amerikanisch ist, sollte durch Versuche auch an der University of Chicago und San Diego State University ergründet werden. Studenten, die an den aufs Unterbewusstsein gerichteten „implicit association tests“ teilnahmen, hatten ihre liebe Mühe, einen Kandidaten schwarzer Hautfarbe als durch und durch amerikanisch zu empfinden. Barack Obama war ihrem Unterbewusstsein nach weniger amerikanisch als Tony Blair. Und anscheinend ist das keine Wahrnehmung, die nur weißen Amerikanern eigen ist. Von Latinos und asienstämmigen Amerikanern liegen vergleichbare Testergebnisse vor.
Republikanische Strategen haben immer wieder gern auf solch tief verwurzelten Gefühlen ihre Wahlkämpfe aufgebaut. Im wahren, weißen Amerika, wie sie es zumindest in leicht zu entschlüsselnden Codes propagierten, war der Kandidat mit der nichtweißen Hautfarbe der Andere, der Fremde, der Unamerikanische. Wer John McCain als „real American“ preist, braucht nicht auszuführen, wo der falsche Amerikaner sein Unwesen treibt. Was und wie viel davon weiterhin gilt, wird sich am Wahltag herausstellen.
Die klügsten Städte wollen den Wandel
Vieles deutet darauf hin, dass sich das wahre Amerika in einem dramatischen Wandel befindet. Dieser offenbart sich in der stetigen Volkswanderung vom Land in die Stadt und ihr nahes und weites Umfeld, ob Suburbia oder Exurbia. Dort aber ist die vorherrschende Hautfarbe nicht mehr Weiß. In fünfzehn Jahren, so hat das Census Bureau ausgerechnet, wird die Hälfte aller Amerikaner unter achtzehn Jahren einer ethnischen Minderheit angehören. Spätestens im Jahr 2042 werden die Weißen, Hispanics nicht mitgerechnet, in der Unterzahl sein. Es ist also rundheraus selbstzerstörerisch, wenn eine Partei wie die republikanische schwarze Amerikaner abschreibt und Hispanics mit einer starren, hartherzigen Einwanderungspolitik vergrault.
Den Daten des Census Bureau ist auch zu entnehmen, dass acht der zehn „brainiest cities“, der gescheitesten Städte des Landes, die ihren gut ausgebildeten Bewohnern viel kulturelle Abwechslung und Anregung in einem wirtschaftlich florierenden Ambiente bieten, sich vor vier Jahren John Kerry als Präsidenten wünschten. Dieses Jahr wird erwartet, dass alle zehn mehrheitlich für Obama stimmen. Zudem dürften sich die zehn Bundesstaaten, deren Einwohner eine bessere Ausbildung genießen als jene im Rest des Landes, am Ende der Wahlnacht im Lager der Demokraten wiederfinden. Nur wer an die ungnädig verstaubten Qualitätskategorien einer Sarah Palin glaubt, wird diesen Städten und Staaten absprechen wollen, dem wahren Amerika zuzugehören. Die demographische Entwicklung aber ist auch durch republikanisches Wunschdenken nicht zu stoppen.
Das wahre Amerika sei konservativ
Es sieht ganz so aus, als gingen stattdessen jetzt schon die Wünsche der Demokraten in Erfüllung. Das Nachrichtenportal Politico hat sogar „Rassisten für Obama“ ausfindig gemacht, die sich dadurch auszeichnen, dass ihnen als weißen Amerikanern ihre schwarzen Mitbürger zwar nach wie vor nicht geheuer sind, dass sie sich aber umstimmen lassen, wenn sie erst mit einem von ihnen Bekanntschaft gemacht haben. Immerhin hatten sie zwei Jahre lang Gelegenheit, Obama kennenzulernen. Jetzt mag ihnen seine Hautfarbe gar nicht mehr besonders auffallen.
Schon warnen Obama einige konservative Kommentatoren davor, im Falle eines Sieges der Nation ein viel zu linksliberales, von einer viel zu aktiven Regierung ausgearbeitetes Programm vorzulegen. Das wahre Amerika bleibt nach ihrer Rechnung konservativ, einerlei, wie die Wahl ausgeht. Sogar in „Newsweek“, das kein Organ der Rechten ist, schreibt Jon Meacham von einer „instinktiv konservativen“ Nation, und wenn im gleichen Heft Jonathan Alter ihm auch zugesteht, dass nach europäischen Standards Amerika „immer ein relativ konservatives Land“ sein wird, hält er doch einen Linksruck nicht länger für ausgeschlossen. Nachdem selbst Bush dem Plan zugestimmt hat, Banken zu verstaatlichen, könnte Obama weit weniger Gegenwind entgegenwehen, wenn er seine Versprechen wahrmachen sollte, hohe Einkommen höher als bisher zu besteuern und eine allgemeine Gesundheitsversorgung einzuführen.
Ein neuer Ernst
In ihrem Buch „Grand New Party“, einer Rezeptesammlung zur Gesundung der republikanischen Partei, prophezeien Ross Douthat und Reihan Salam „irgendeine Kombination der populistischen Linken und des neoliberalen Zentrums“ als Amerikas nächste politische Mehrheit, sollte es den Konservativen nicht gelingen, die Ängste der amerikanischen Arbeiterschicht zu lindern. Als Definition des neuen wahren Amerika wäre das jedoch etwas eng gefasst. Hieße der nächste Präsident Obama, ginge sein unfassbarer Erfolg sicher auch auf das Konto junger Wähler, die am politischen Leben inzwischen nach den Vorgaben und Rhythmen ihrer elektronischen Vernetzungen teilnehmen. Den entscheidenden Schub aber dürften Obama und die Demokraten von der Wirtschaftskrise bekommen haben.
Noch vor zwei Monaten lagen er und McCain in den Umfragen dicht beieinander. Erst Mitte September, als die Banken zusammenbrachen und plötzlich jeder Sparer und Schuldner direkt und äußerst unangenehm mit der Wall Street in Berührung kam, geriet der Wahlkampf in Bewegung. Zugunsten Obamas. Das wahre Amerika war nicht mehr durch Geschichten von einer Supermama aus Alaska und einem Maverick aus Arizona und ihrem Gegenspieler, der viel zu glatt und unerfahren und irgendwie auch unamerikanisch sein sollte, vom eigentlichen Thema Amerikas und der Welt, der Finanzkatastrophe, abzulenken.
Paul Krugman, der Ökonom, Kolumnist und Blogger, der demnächst den Nobelpreis entgegennehmen wird, spricht von einem neuen Ernst, nach dem die Amerikaner in diesem Wahlkampf hungern. Sollte er recht behalten, dürfte der coole Intellektuelle aus Chicago tatsächlich gewinnen. Dann wäre das wahre Amerika das neue ernste, aufgeschlossene, der Welt wieder zugewandte Amerika.
Assoziationen zu Amerika
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 03.11.2008, 22:40 Uhr
Obama und keiner weiß warum
Andreas Noreikat (derherold)
- 03.11.2008, 23:17 Uhr
Toleranz???
Stefan Maurer (keving5)
- 04.11.2008, 01:17 Uhr