Home
http://www.faz.net/-gqz-qvbt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Waffen Die Mobilmachung der Kinder

12.07.2005 ·  Kalaschnikows für die Kleinsten: Seit einer Novelle des Waffengesetzes können täuschend echt aussehende Nachbildungen automatischer Kriegswaffen ohne den Besitz eines Waffenscheins erworben werden.

Von Joseph Croitoru
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein Blick in die Schaufenster deutscher Waffengeschäfte genügt, um festzustellen, daß sich der Waffenhandel in einem tiefgreifenden Wandel befindet - und mit ihm auch die Waffenkultur.

Anstelle der noch vor einigen Jahren vorherrschenden Jagd- und Sportwaffen prägen nun neben Klappmessern allerhand Samurai- und Fantasy-Schwerter und vor allem die sogenannten Softair-Waffen das Bild. Dabei handelt es sich um täuschend echt aussehende Nachbildungen voll- und halbautomatischer Kriegswaffen, die seit der Novelle des deutschen Waffengesetzes vom April 2003 ohne Waffenschein frei erworben werden können.

Waffen für Dreijährige

Es wurden lediglich Joule-Grenzwerte festgelegt, die regeln, ab welchem Alter die betreffende Softair-Waffe frei erhältlich ist. So sind Waffen mit einer Geschoßenergie von bis zu 0,5 Joule schon ab vierzehn Jahren zu haben, was darüber hinausgeht, darf erst an Achtzehnjährige verkauft werden. Eine Sonderkategorie mit 0,08 Joule, die als Spielzeug definiert wird, bedient im übrigen schon Dreijährige.

Der Wandel ist also bereits am Angebot für die ganz Kleinen unübersehbar. Denn dieses Spielzeug wird für ein paar Euro etwa auch in Form einer Kalaschnikow angeboten, die im Unterschied zu manch anderem bloßen Krachmacher auch tatsächlich schießt. Bei einem Internetanbieter, der hier den Schein einer Kontinuität zu der früheren Erbsenpistole, einem beliebten Kinderspielzeug aus den sechziger und siebziger Jahren, suggerieren will, heißt es im Werbetext zu der Spielzeug-Kalaschnikow: „Das einzige Erbsengewehr, das uns überzeugt hat. Hat für ein Erbsengewehr erstaunlich viel Power. Cool ist auch die klappbare Messerhalterung am Lauf.“

Richtig losballern erst mit vierzehn

Dem Einstieg in eine militarisierte Spielzeugwelt ist somit Tür und Tor geöffnet. Richtig losballern, bis auf eine Entfernung von immerhin dreißig Metern, kann man allerdings erst mit vierzehn Jahren, und das Angebot an kriegswaffenähnlichen Pistolen und Maschinengewehren ist inzwischen schon fast erdrückend.

Nachbauten fast aller automatischen Feuerwaffen der weltweit bekannten Eliteeinheiten - von der GSG 9 bis hin zu den Marines - lassen hier Jungenherzen höher schlagen, die bekanntesten Pistolen und Maschinenpistolen wie die James-Bond-Waffe Walther P 99 oder die israelische Uzi sind ebenfalls erhältlich. Der derzeitige Bestseller ist die AK 47, die Kalaschnikow, und man wundert sich zunächst, warum - bis man sie in einem Internetshop für Softair-Waffen als Teil eines „Terror Pack“ findet: Der saudische Terroristenführer Usama Bin Ladin hatte sich bekanntlich mit einer Kalaschnikow auf seinen Propagandavideos inszeniert.

Gefechte im Wald

Zwar dürfen solche Waffen in der Öffentlichkeit ohne Waffenschein nicht geführt werden. Doch die Realität sieht anders aus. Vor den Waffengeschäften trifft der Berichterstatter auf Jugendliche, die sich gerade mit der entsprechenden Munition eingedeckt haben und stolz von ihren jüngsten Gefechten im Wald berichten. Um die Gefährlichkeit ihrer Softair-Pistolen wissen die Jungs: Immerhin gilt unter den Spielteilnehmern die Regel, nicht auf den Kopfbereich zu zielen; die ebenfalls im Sortiment befindlichen Schutzbrillen werden allerdings verschmäht.

Das Stichwort „blaue Flecken“ fällt immer wieder im Gespräch, die Jugendlichen sind sich auch bewußt, daß das Aufeinanderschießen mit den kleinen Plastikkugeln durchaus ein Auge kosten kann. Dies scheint jedoch der Beliebtheit solcher Waffen keinerlei Abbruch zu tun, im Gegenteil: Fast ein Drittel der Klassenkameraden, so ist zu hören, besitzt inzwischen Softair-Waffen. Und der Trend zu dem kriegswaffenähnlichen Gerät scheint unaufhaltsam: Er greift jetzt auch schon auf andere Sportwaffenarten über. Luftgewehre in Form von Kriegswaffen haben mittlerweile auf dem Markt ebenso Einzug gehalten wie entsprechende Modelle der bislang eher einheitlich gestalteten Paintball-Pistolen.

Gefahr der Verwechslung

Die Polizei verfolgt diese Entwicklung mit Sorge. Die Gewerkschaft der Polizei läuft seit Monaten Sturm gegen den steigenden Konsum, der nicht nur wegen der Verletzungsgefahr tragische Folgen haben kann. Ein ernstes Problem stellt auch die Verwechslungsgefahr dar. Denn für den Polizisten ist auf Anhieb nicht erkennbar, ob es sich um eine scharfe oder eine Softair-Waffe handelt. Die Folgen können fatal sein, wenn die Softair- für eine Kriegswaffe gehalten wird, oder umgekehrt, wenn die scharfe Waffe als eine Softair betrachtet und die tatsächliche Gefahr unterschätzt wird.

Im März dieses Jahres kam es schon zu einem größeren Polizeieinsatz in einer Karlsruher Schule, weil Jugendliche dort mit solchen Waffen hantiert hatten. Und die Meldungen der letzten Wochen zeigen, daß die Hemmschwelle der Jugendlichen, die allein schon durch das Aufeinanderschießen herabgesetzt wird, sinkt: Sie schießen mittlerweile nicht nur auf Haustiere, sondern auch auf Anwohner. Dies ist ihnen, nebenbei bemerkt, jetzt auch möglich, ohne direkt auf den Abzug drücken zu müssen. Der Handel bietet inzwischen nämlich auch ferngesteuerte Softair-Panzer in Form des deutschen Leopards an, die eine Schußweite von immerhin rund dreißig Metern erreichen.

Der Untergang der Waffenkultur

Alteingesessene Waffenhändler, so wird im Gespräch deutlich, sind angesichts dieser Entwicklung alles andere als glücklich. Und dennoch haben in Zeiten der Rezession und des stagnierenden Geschäfts mit hochwertigen Jagd- und Sportwaffen auch sie keine andere Wahl, als sich dem Trend anzuschließen und Softair-Waffen in ihr Angebot aufzunehmen. Hinter vorgehaltener Hand wird indes der Untergang einer ganzen Waffenkultur beklagt: Das neue Plastikzeug hätte, so klagt man, vor einem Jahrzehnt niemals Eingang in das Sortiment eines etablierten Waffengeschäfts gefunden.

Der Waffenhändler von heute ist tatsächlich nicht mehr ganz der alte. Er muß mitunter in Fantasy- und Actionfilmen ebenso bewandert sein wie in seinem eigentlichen Metier. Und auch der junge Waffenkäufer ist ein anderer geworden. Sein Umgang mit den neuen Waffen wird de facto nicht kontrolliert. So schießt er fröhlich weiter, trotz der im März gestarteten Ächtungskampagne des Bundesinnenministeriums, die die Verwendung von scheinbaren Kriegswaffen für unerwünscht erklärt.

Quelle: F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 2