Auszubildenden ist das Kolpinghaus in Frankfurt ein Begriff für freundliche, erschwingliche Zimmer in Innenstadtlage. Reisenden Jugendlichen auch. Bei ihnen heißt der Großbau, entstanden aus der Initiative der caritativen Gesellenvereine des katholischen Geistlichen Adolph Kolping (1813 bis 1865), allerdings Kolping Hotel. Vielen Einheimischen wiederum dürften weder diese Namen noch das Bauwerk selbst bekannt sein. Denn es steht an einer der verkehrsreichsten Innenstadtstraßen Frankfurts, und wer bemerkt schon Bauten, wenn eine Armee aus Ampeln, Schienen, Fahrspuren und Rasern zu beachten ist?
Momentan aber wird das Kolpinghaus häufig angeschaut. Es ist Großbaustelle, und das weckt Misstrauen - die Standardreaktion auf die Verheerungen, die in den letzten Jahren unter dem Pseudonym „Stadtumbau“ in allen unseren Städten um sich griffen. Frankfurts Bürger haben damit besonders deprimierende Erfahrungen gemacht. So bläht sich beispielsweise nahe der zentralen Hauptwache eine neue Mall namens „My Zeil“, deren effektvoll gemeintem, aber billig geratenem Dekonstruktivismus das Fernmeldehochhaus und das Stammhaus der „Frankfurter Rundschau“, beides herausragende Beispiele der frühen Wiederaufbaumoderne, weichen mussten. Statt ihrer spreizen sich jetzt zwei Bürotürme, die Frank Gehrys exaltierten Baucollagen nacheifern, es aber nur zum Eindruck von zerknickten Alu-Kanistern gebracht haben, inmitten der Mall.
Eine sehenswerte Dominante der Nachkriegsmoderne
Auch das Kolpinghaus ist ein Pionierbau der fünfziger Jahre, auch ihm geht es nun an den Kragen. Aber nicht durch Abriss, sondern mittels staatlich geförderter „energetischer Sanierung“, die seit 2008 und erst recht nach weiteren Darlehens-Aufbesserungen im März dieses Jahres epidemische Ausmaße annimmt. In einer Art kollektiver Vermummungsaktion werden landauf, landab Wohnhäuser, Siedlungen und kommunale Bauten rundum verpackt, isoliert, gedämmt. Erreichen sie schließlich die „Energieausweis“-Reife, sind sie meist bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Am Kolpinghaus ist davon freilich noch nichts zu sehen. Im Gegenteil: Auf den Gerüsten präsentiert eine Computeranimation das künftige sanierte Gebäude als eine Art freier Replik der klassischen Bauhaus-Architektur aus den zwanziger Jahren. Eine solche Aufwertung ist das mindeste, was man erwarten darf. Denn bislang war das Bauwerk trotz Vernachlässigung immer noch eine sehenswerte Dominante der Nachkriegsmoderne: 1953, im Jahr seiner Eröffnung als Wohnheim für Handwerksgesellen, feierte man es als Signal sozialen Engagements und Vorposten der erhofften neuen Stadt. L-förmig passte die Baugruppe sich einer breiten Straßenkreuzung an und folgte als Solitär dem damaligen Ideal der frei fließenden Stadtlandschaft. Nach Norden saß ein niedriger Glaskubus am Hauptbau, der - Zeuge damaliger Scheu vor axialer, als autoritär verrufener Symmetrie - den Haupteingang aufnahm. Ein dreigeschossiger Flachbau mit tiefen Loggien und Balkonen schloss sich an.
Energieeffizienz macht aus einer Sanierung ein Schlachtfest
Trotz gewaltigen Volumens wirkte die Breitseite des Hauptbaus fast schwerelos. Diesen Eindruck förderten federnd schlanke Stützen, die seine sieben Geschosse als Arkade über das schmalere verglaste Erdgeschoss stemmten. Fensterbänder, rhythmisiert von den vorspringenden Trägern des Stahlskeletts, suggerierten zusätzlich Leichtigkeit, ebenso das eingezogene Obergeschoss mit vorkragendem Flachdach, unter dem geschrägte Fenster ein belebendes Zickzackband bildeten. All dies wäre als Kaschierungsversuch erkennbar geblieben, hätte man das Kolpinghaus nicht hellbeige verklinkert. Fugenraster und Farbe wirkten als entscheidendes antimassives Element.
Wirkten - denn nun verschwinden die Fassaden unter einer Hülle aus zwanzig Zentimeter dicken Dämm-Matten. Energieeffizienz macht aus einer Sanierung ein Schlachtfest: Das Obergeschoss ist mit fünfzig Tonnen Stahl durch eine doppelt hohe, dunkle und auskragende „Box auf der Box“ ersetzt, die Loggien sind vermauert, eine legere Reihe von Bullaugenfenstern über dem Portalbau - ein Leitmotiv der Liebe zur Dynamik beim Wiederaufbau nach dem Krieg - ist banalen Quadratfenstern gewichen, und die Außenwände werden statt des Klinkers blendend weißen Feinputz zeigen; Koloss white statt Bauhaus light.
Nichts erinnert noch an die vorherigen feingliedrigen Strukturen
Hört man die Bauherren von Erdwärmegewinnung und Solarstrom schwärmen, möchte man diesen Umbau eine ästhetische Bagatelle bei erheblichem ökologischem Gewicht nennen. Doch für die Baukultur bedeutet er den Fortgang einer so stillen wie nachhaltigen Katastrophe. Ihr vorläufiger Frankfurter Hauptschauplatz ist die „Neue Altstadt“ der fünfziger Jahre. In aller Stille rüsten die Städtischen Wohnungsbaugesellschaften diesen letzten bewohnten Teil der Innenstadt energetisch auf.
Nichts an den ertüchtigten Häusern erinnert noch an die vorherigen feingliedrigen Strukturen: Die gedämmten Hauskörper balancieren über ihren schmalen Sockeln wie Akrobaten mit Elefantiasis, Fenster und Eingänge haben mit dreifach breiten Laibungen Schießschartencharakter angenommen, die alten grazilen Balkonbrüstungen ersetzen neue - so plump und massiv, als müssten sie Mörsergeschosse abwehren.
1953 verkörperten diese Wohnblocks als Ensemble, was das Kolpinghaus als Solitär in Szene setzte: den Versuch, Moderne und Tradition zu vereinen. Trotz Geld- und Materialmangels hatten die Architekten den Neubauten Charakteristika des zerstörten historischen Stadtkerns gegeben: Torfahrten, Erker, Fensterbänder, Vorsprünge, Arkaden, Gauben und Schieferdächer - eine Synthese der Anmut von einst und jener neuen Schwerelosigkeit, die vom Nierentisch bis zur Schwebearchitektur dem Wirtschaftswunder Ausdruck gab. Fast jede Innenstadt in Deutschland - mehr als die Hälfte unseres Baubestands entstand nach 1945 - hat solche Quartiere. Und fast in jeder - allen voran die noch immer nachholbedürftigen ostdeutschen Städte - wird ähnlicher Raubbau an diesem Erbe getrieben.
Alles wird widerspruchslos akzeptiert
Nun trägt Früchte, was 2008 eine landesweite Werbekampagne des Bundes eingeleitet hat: Auf zentralen Plätzen warben Bataillone von Litfasssäulen, bekrönt mit putzigen Pudelmützen, beklebt mit Fassadenfotografien und bedruckt mit dem Slogan „Ziehen Sie Ihr Haus warm an“, für die staatlich geförderte energetische Wende. Bis 2050, so das Ziel, soll Deutschlands CO2-Ausstoß um 75 Prozent verringert werden und nahezu jedes (Wohn-)Gebäude Passivhausstandard aufweisen. Schon jetzt trifft man überall auf sanierte kommunale und private Bauten, die unter dicker Isolierknete förmlich ersticken. Entgegen den Beteuerungen der Behörden, man unterscheide zwischen historisch wertvoller und Gebrauchs-Architektur, und wider alle Warnungen der Denkmalpflege werden immer öfter auch in Gründerzeitvierteln Fassaden zugunsten von Isolierungen verstümmelt. Außendämmung ist bequemer, fordert weniger Zeit und weniger Aufwand.
Einige Gutmeinende lassen als Ersatz für den verlorenen Dekor infantil vereinfachte Simse und Giebeldreiecke auf die planen Flächen pinseln. Der Erfolg ist durchschlagend: Diese Häuser stehen umso deutlicher als Schwerversehrte zwischen den - vorläufig noch - intakten.
Wie kommt es, dass, abgesehen von gelegentlichem Murren, diese landesweiten Verschandelungen widerspruchslos akzeptiert werden? Zweifellos trägt der enorme Reiz von Subventionen und günstigen Darlehen wesentlich dazu bei. Doch eine weitere Hauptursache liegt im allgemeinen Wahrnehmungswandel: Das Internet mit seiner unaufhörlichen Flut an Informationen und Bildern zwingt uns, Realität zu selektieren, nur noch Grobreize zu beachten und komplexe Zusammenhänge auszublenden. Die Grobreize, die das energetische Sanieren befeuern, lauten Klimawandel, Umweltschutz und schwindende Ressourcen. Jenseits aller Differenzierung festigt sich im allgemeinen Bewusstsein das Bild einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe. Wer glaubt, ihm stünden Eiszeiten und Dürreperioden vor der Haustür, verbarrikadiert diese. Deshalb bestimmt eine fatale Mischung aus Weltuntergangsängsten, Vorsorge und Geldgier den Städteumbau.
Frankfurt ist kein Einzelfall
Auch die Baukultur tendiert zu immer groberen Wahrnehmungsrastern. Zunehmend blind für Feinheiten, unterscheiden wir Architektur oft nur noch nach Anmutung. Ihr ist beispielsweise in Frankfurt die raffinierte Statik-Jonglage des künftigen gläsernen Doppelturms der Europäischen Zentralbank so viel wert wie der billig reißerische Splitterglas-Trichter von „My Zeil“, und ihr sind subtil gestaltete Fünfziger-Jahre-Architektur wie die des Kolpinghauses oder der Neuen Altstadt lediglich Plunder, der bedenkenlos als Rohmaterial für Dämm-Orgien verwendet werden kann.
Frankfurt mag derzeit ein Extrem freiwilliger Selbstverstümmelung sein. Ein Einzelfall ist die Stadt keinesfalls. Jede deutsche Stadt hat ihr Kolpinghaus und ihre Fünfziger-Jahre-Viertel: „Wir dämmen wie die Weltmeister“, erklärte kürzlich Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, „ja, wir verschandeln unseren Bestand ganz bewusst mit Wärmeverbundsystemen.“ Er könnte furchtbar recht behalten.
"...Häuser kahlrasiert und vermummt..."
Heinz Mayer (Bundespraesident)
- 06.07.2011, 10:20 Uhr
Fenstern zu Schießscharten
Martin Schmidt (amsbisc)
- 06.07.2011, 10:27 Uhr
Die Einpacker retten den Globus
Bernd Stroeher (Faustus34)
- 06.07.2011, 10:32 Uhr
Sehr einseitig
Thomas Schnurr (tomschnurr)
- 06.07.2011, 10:38 Uhr
Wärmedämmung
Dietrich Jackob (didijaja)
- 06.07.2011, 11:09 Uhr