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Veröffentlicht: 06.07.2011, 13:18 Uhr

Wärmedämmung Zieht euch warm an

Erbarmen, die Matten kommen! Unter dem Stichwort „energetisches Sanieren“ werden in unseren Städten Häuser kahlrasiert und vermummt: Paradefälle bietet wieder einmal auch Frankfurt.

von
© Max von Trott Erst die Wärme, dann der Dekor: kahl sanierte Haushälfte in Eisenach

Auszubildenden ist das Kolpinghaus in Frankfurt ein Begriff für freundliche, erschwingliche Zimmer in Innenstadtlage. Reisenden Jugendlichen auch. Bei ihnen heißt der Großbau, entstanden aus der Initiative der caritativen Gesellenvereine des katholischen Geistlichen Adolph Kolping (1813 bis 1865), allerdings Kolping Hotel. Vielen Einheimischen wiederum dürften weder diese Namen noch das Bauwerk selbst bekannt sein. Denn es steht an einer der verkehrsreichsten Innenstadtstraßen Frankfurts, und wer bemerkt schon Bauten, wenn eine Armee aus Ampeln, Schienen, Fahrspuren und Rasern zu beachten ist?

Momentan aber wird das Kolpinghaus häufig angeschaut. Es ist Großbaustelle, und das weckt Misstrauen - die Standardreaktion auf die Verheerungen, die in den letzten Jahren unter dem Pseudonym „Stadtumbau“ in allen unseren Städten um sich griffen. Frankfurts Bürger haben damit besonders deprimierende Erfahrungen gemacht. So bläht sich beispielsweise nahe der zentralen Hauptwache eine neue Mall namens „My Zeil“, deren effektvoll gemeintem, aber billig geratenem Dekonstruktivismus das Fernmeldehochhaus und das Stammhaus der „Frankfurter Rundschau“, beides herausragende Beispiele der frühen Wiederaufbaumoderne, weichen mussten. Statt ihrer spreizen sich jetzt zwei Bürotürme, die Frank Gehrys exaltierten Baucollagen nacheifern, es aber nur zum Eindruck von zerknickten Alu-Kanistern gebracht haben, inmitten der Mall.

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Eine sehenswerte Dominante der Nachkriegsmoderne

Auch das Kolpinghaus ist ein Pionierbau der fünfziger Jahre, auch ihm geht es nun an den Kragen. Aber nicht durch Abriss, sondern mittels staatlich geförderter „energetischer Sanierung“, die seit 2008 und erst recht nach weiteren Darlehens-Aufbesserungen im März dieses Jahres epidemische Ausmaße annimmt. In einer Art kollektiver Vermummungsaktion werden landauf, landab Wohnhäuser, Siedlungen und kommunale Bauten rundum verpackt, isoliert, gedämmt. Erreichen sie schließlich die „Energieausweis“-Reife, sind sie meist bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Wärmedämmung bei der Plattenbausanierung © ZB Vergrößern Alt und neu: Energieffizienz sorgt für den Kahlschlag

Am Kolpinghaus ist davon freilich noch nichts zu sehen. Im Gegenteil: Auf den Gerüsten präsentiert eine Computeranimation das künftige sanierte Gebäude als eine Art freier Replik der klassischen Bauhaus-Architektur aus den zwanziger Jahren. Eine solche Aufwertung ist das mindeste, was man erwarten darf. Denn bislang war das Bauwerk trotz Vernachlässigung immer noch eine sehenswerte Dominante der Nachkriegsmoderne: 1953, im Jahr seiner Eröffnung als Wohnheim für Handwerksgesellen, feierte man es als Signal sozialen Engagements und Vorposten der erhofften neuen Stadt. L-förmig passte die Baugruppe sich einer breiten Straßenkreuzung an und folgte als Solitär dem damaligen Ideal der frei fließenden Stadtlandschaft. Nach Norden saß ein niedriger Glaskubus am Hauptbau, der - Zeuge damaliger Scheu vor axialer, als autoritär verrufener Symmetrie - den Haupteingang aufnahm. Ein dreigeschossiger Flachbau mit tiefen Loggien und Balkonen schloss sich an.

Energieeffizienz macht aus einer Sanierung ein Schlachtfest

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