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Wärmedämmung : Die Burka fürs Haus

  • -Aktualisiert am

Rafael Horzon schlug bereits 2002 vor, ganz Berlin - inklusive Stadtschloss - hinter Paneelen verschwinden zu lassen Bild: Rafael Horzon

Wohnen, Dämmen, Lügen: Am deutschen Dämmstoffwesen soll das Weltklima genesen. Was der neue Fassadenstreit über unser Land verrät und warum Vollwärmeschutz das Gegenteil von Fortschritt ist.

          Im Sommer 2002 hatte der Möbeldesigner Rafael Horzon eine Vision: Er gründete das Fassaden-Verschalungs-Unternehmen BELFAS, dessen Name sich vom französischen „Belle-Façade“ ableitet. „Sämtliche Fassaden Berlins sollten mit weißen BELFAS-Platten verschalt werden. Und in kürzester Zeit würde Berlins Stadtbild in einer Einheitlichkeit und Klarheit erstrahlen, die einzigartig auf der ganzen Welt war.“ So schreibt Horzon in seinen Lebenserinnerungen (“Das weiße Buch“, Suhrkamp). Als Monopolist dieser Fassadenelemente rechnete er mit etwa „zehn Milliarden Euro Gewinn“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Zeit, scheint es, war aber noch nicht reif für diese Idee.

          Vergeblich schickte er Visualisierungen von verschalten Straßenzügen, Kollhoff-Villen und Stadtschlössern in die Welt, als Prototypen ließ er seinen Möbelladen mit den Platten verkacheln. Die einzige Antwort war aber ein Schreiben seines Hausverwalters: „Die Ansicht ist hierdurch erheblich nachteilig verändert worden. Ich muss Sie daher bitten, die Konstruktion wieder zu entfernen . . .“

          Ein Land im Dämmrausch: Energetische Sanierung des Märkischen Viertels in Berlin

          Heute, im Herbst 2010, sieht die Welt schon ganz anders aus. Mit Horzons Idee verdient die Dämmstoff-Industrie tatsächlich unglaubliche Summen. Und es sind die Hausverwalter, die heute diese Platten zur Not eigenhändig vor die Fassaden kleben - nachteilige Veränderung der Ansicht hin oder her.

          Das Land wird vermummt

          Es gibt kein Thema, das im Moment für mehr Erregung sorgt als die Wärmedämmung für Gebäude. Außer der Kopftuchdebatte vielleicht. Aber gleich danach kommt schon die Dämmung, die Komplettverschleierung des Baukörpers, um die gestritten wird, als sei sie die Burka für das Haus. In den Architekturzeitschriften und Feuilletons heben die Ästheten die Faust zum Himmel und beklagen bebend den „Verlust der Schönheit“. Die Immobilienwirtschaft zetert sachlicher: Ihr sind schlicht die Kosten zu hoch. Und dies - das Geld - war bisher auch das einzige Argument, das stach. Ihr ursprüngliches Vorhaben, den gesamten Gebäudebestand dieses Landes bis zum Jahr 2050 zwangsweise auf das Niveau von Niedrigenergiehäusern herunterdämmen zu lassen, hat die Bundesregierung vor allem mit Blick auf die murrenden Eigenheimbesitzer zuletzt ein wenig entschärft - einer Wählerschicht, mit der man es sich im Licht von Stuttgart 21 mal lieber nicht auch noch verderben will. Es stehen sich in diesem Streit also knallhart ökonomische Interessen gegenüber, angesichts derer das feingeistige Lamento über den Verlust der „Stadtschönheit“ fast ein bisschen weltfremd wirkt.

          Schwerer wiegt aber, dass die meisten Deutschen gar kein Problem mit der Verschandelung im Namen des angeblichen Klimaschutzes hätten - wenn es ihnen nur jemand anderes bezahlte. Denn die horzonhafte Komplettverdämmung der Bundesrepublik ist etwas, worauf ohnehin alle Fluchtlinien der Ästhetik, der Mentalität und des Bauhandwerks in diesem Land hinauslaufen.

          In der Heimat des Laminats

          Anders gesagt: Wer sich anschaut, wie es heute schon aussieht, den kann die Aussicht auf die ewige Verdämmnis auch nicht mehr schrecken. Oder noch anders gesagt: Wem es vor styroporverpackten Verhältnissen graut, der muss mit der Kritik schon früher ansetzen.

          Immerhin leben wir in einem Land, in dem das Laminat, ein Holzimitat aus Kunststoff, zum meistverkauften Fußbodenbelag geworden ist. Es ist billiger als Parkett, dafür hat es auch die federnden Eigenschaften eines Trampolins und ist bewundernswert kratzempfindlich und kurzlebig, also letztlich doch teurer als das Holz, das es ersetzen soll. Betreten kann man solche Wohnungen immer nur so zaghaft, wie man dort auch gegen Trockenbauwände pocht: Jedes Pappmodell von Thomas Demand wirkt stabiler und statisch vertrauenerweckender als die hauchdünnen, insgesamt keksartig wirkenden Putz- und Rigipsmembranen, die heute die klassische Wand ersetzen sollen.

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