07.06.2010 · Die Frankfurter Poetikvorlesung wird gemeinhin von einer Person bestritten. In diesem Semester ist es anders. Denn Navid Kermani ist nicht einer, sondern viele: Er besteht darauf, dass man der Ambivalenz, Vielfältigkeit und Durchlässigkeit ...
Die Frankfurter Poetikvorlesung wird gemeinhin von einer Person bestritten. In diesem Semester ist es anders. Denn Navid Kermani ist nicht einer, sondern viele: Er besteht darauf, dass man der Ambivalenz, Vielfältigkeit und Durchlässigkeit seiner Identität, aber auch dem Facettenreichtum anderer Menschen Rechnung trägt. Von dem hohen Erkenntnisgewinn, der sich aus diesem Programm ziehen lässt, zeugte zuletzt sein Buch "Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime". Er stellt sich darin dem Leser als Navid Kermani vor, der Muslim ist, genauso wie habilitierter Orientalist, Fan des 1. FC Köln, Teilnehmer der Islamkonferenz, Vater von zwei Töchtern, Regisseur, Schriftsteller und ehemaliger Stipendiat der Villa Massimo, Bewohner des dortigen Zimmers "Nummer neun". Ganz ähnlich ist Kermani nun auch in Frankfurt angetreten, wenngleich in seinem vorgestellten Romanprojekt weitaus persönlichere Aspekte zum Tragen kommen: Hier ist Navid Kermani zusätzlich Enkel, Sohn, Gatte, Liebhaber, Romanschreiber und Berichterstatter. Kermani treibt es auf die Spitze. Und ist dabei nur anfangs etwas nervös.
Alles ist bei ihm im Fluss, alles ist vielschichtig, nichts ist einfach so, wie es zunächst zu sein scheint, und das, was geschieht, kann keinesfalls - wie noch auf den Plakaten angekündigt - ein Kind des Zufalls sein, der ursprünglich der Gegenstand sein sollte. Doch es blieb nur der Untertitel: "Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe". "Nicht nur Adorno, auch der Prophet Mohammed hat, wenngleich in simpleren Worten, etwas gegen eine Poetik vorgebracht, die allzu blind dem folgt, was sich von selbst ergibt. Der Prophet also sagte: Vertraue auf Gott, aber binde dein Kamel an", lautete die Begründung von Kermani, dem Orientalisten, warum der Zufall höchstens noch eine untergeordnete Rolle in seiner Poetik spielen soll. Und verkündete dann, dass auch die Vorlesung selbst Teil der vorgestellten Romanhandlung ist: "Dies ist der Roman, den ich schreibe." Ob sich deshalb an diesem Abend und an den folgenden Terminen kaum einer der Zuhörer traute, um das Signieren eines Buches zu bitten? An der fehlenden Begeisterung für den geistvollen wie charmanten Vortrag, in dem die beiden Schauspieler Isaak Dentler und Martin Rentzsch in verteilten Rollen ausgewählte Textpassagen Jean Pauls und Hölderlins lesen, lag und liegt es sicherlich nicht.
Nicht der Zufall, sondern die Möglichkeiten, sich selbst und die Zeichen, durch die Gott wirkt, zu erkennen, indem man das im inneren Raum Erlebte mit den äußeren Umständen verbindet, ist der Kern des Romanprojekts. Oder um es mit den Worten des immer wieder zitierten Zen-Meisters Baso Matsu aus dem achten Jahrhundert zu sagen: "Schlafen, wenn man müde ist, essen, wenn man hungert." Der Arbeitstitel des Romans lautet "Das Leben seines Großvaters". Gemeint ist damit der Großvater des Sohnes, Vaters, Mannes, Liebhabers, Freundes, Romanschreibers, Berichterstatters, Orientalisten, der Nummer neun oder eben von Navid Kermani, der deshalb meist als Enkel firmiert. Im Roman soll jeder Tote einen Ort haben, an dem nur Gutes über ihn gesagt wird. Die Anfänge seiner Begeisterung für Jean Paul und Hölderlin kleidet Kermani in eine Geschichte. Es sei im Jahr 2006 gewesen, in einer Situation von subjektiv höchster Not, das Liebesleben ein Trümmerfeld, das berufliche Wirken geprägt von fehlender Anerkennung, tiefgreifenden Selbstzweifeln und finanziellen Engpässen, die Tage von Terminen zerstückelt, die er nicht selbst festgelegt habe. Um endlich in seinen Roman zu finden, mietet Kermani sich ein Büro, das eine Wohnung werden könnte, ein alter Schreiner wird gerufen, der eine Schreibtischplatte zimmert, die dann jedoch wieder aus der Balance gerät (bevor der Romanschreiber, der Gatte, der Liebhaber oder Navid Kermani ein Kind auf ihr zeugt), weshalb ein untergelegtes Buch sie wieder in die Waagrechte bringen soll. Dieses Buch ist ein Band der Dünndruckausgabe von Jean Pauls Werken. Kermani, der Romanschreiber und Berichterstatter, blättert in den übrigen Bänden und ist sofort gebannt: Die Gleichzeitigkeit der beschriebenen Wahrnehmung, die sich der Struktur der Wirklichkeit angleiche und so in ihrem Kunstcharakter jeden Realismus übertreffe, sowie die Kunstfertigkeit, mit der Jean Paul das Handlungsgestrüpp in die Syntax, in Stilbrüche und in eine genau kalkulierte Verletzung der Grammatik übertrage, hätten ihn, Navid Kermani, den Vater, den Orientalisten, die "Nummer neun", den Enkel, den Sohn, den Gatten, den Liebhaber, den Romanschreiber und den Berichterstatter, fasziniert.
Doch ist das wirklich so gewesen? Nicht ganz. Unter der Schreibtischplatte sei in Wirklichkeit der "Ulysses" von James Joyce gelegen, doch dieser Umstand sei ihm übertrieben erschienen. Der Romanschreiber hingegen meint, dass ein Roman auf Wahrscheinlichkeiten beruhen müsse, also auf einer Ordnung, die Unwahrscheinlichkeiten nur in dem Maße zulässt, dass sie nicht als Regel erscheinen - und damit schied "Ulysses" für den Romanschreiber aus. Zwei Jahre später dann habe er seine Liebe zu Hölderlin wiederentdeckt; ganz uncharmant ist sie entfacht worden durch einen Schnäppchenpreis: Zwölf Bände für 49,99 Euro, zuzüglich Versandkosten, sind ein Wink, es noch einmal mit dem Hyperion zu versuchen. Dass es sich dabei um eine Leseausgabe der Frankfurter Ausgabe von D. E. Sattler handelt, die sämtliche Texte Hölderlins in faksimilierter Gestalt enthält, dazu die Briefe und Dokumente zum Leben des Dichters, hemmt den Leser Kermani zunächst. Dann jedoch fühlt der Romanschreiber sich durch sie ermutigt, einmal ohne den Gedanken an einen Leser zu notieren, was um ihn herum passiert. Es waren Momente des Friedens, sagt Navid Kermani. Und ist in diesem Augenblick, so scheint es jedenfalls, ganz bei sich.
Wie in den meisten Romanen von Jean Paul, in denen dieser mal in der ersten, mal in der dritten Person auftritt, ganz gleich, ob er das Beschriebene nun tatsächlich erlebt hat oder nicht, mischt sich auch Kermanis Romanschreiber auf unterschiedliche Weise in das Geschehen ein: Wenn jemand stirbt, dann sagt der Romanschreiber "ich". Und wenn er liest, sagt er ebenfalls "ich". Wechselt er hingegen in die dritte Person, dann ist dies das Signal, dass es auf das "Ich" ankommt - bei berührenden Schilderungen, wie zum Beispiel der Geburt der zweiten Tochter oder den Begegnungen mit dem verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich, hört das "Ich" auf, Pirouetten um sich selbst zu drehen; es wird deshalb zum "Er". Auch Digressionen wie bei Jean Paul gibt es in Kermanis Roman, etwa darüber, warum im Hörsaal bei einer der Vorlesungen plötzlich das Licht ausgegangen ist (die Vermutung: der Hausmeister wollte Feierabend machen) oder warum bei einer anderen die Tonfrequenz gestört war (der Verdacht: ein Störversuch eines genervten Germanisten). Und auch den permanenten Verfremdungseffekt, den Jean Paul in seinen Romanen durch ständiges Kommentieren herstellt, erreicht Kermani, indem er den Roman unaufhörlich mitdenkt - so wie andere Autoren ihre Romane gerne für Lebensbeschreibungen ausgeben, so gibt Kermani seinen Lebensbeschreibungen zuweilen den Anschein eines Romans.
An diesem Dienstagabend findet der fünfte und letzte Teil der Vorlesung statt. Die sonst übliche Taschenbuchveröffentlichung der Reihe soll es in diesem Jahr nicht geben. Man darf gespannt sein, welches Ich oder Er das letzte Wort haben wird. KAREN KRÜGER