http://www.faz.net/-gqz-8ntf7

Wachportale : Wutwechsel

Ist es jetzt schon chauvinistisch, einem Roboter die Lesefähigkeit abzusprechen? Das akademische Milieu ringt um gleiche Rechte für möglichst alle.

          In Großbritannien gab es jüngst Erregung über ein neues Richterbewertungsportal im Internet. Die Richter muss es nicht kümmern. Anders als Zahnärzte und Blumenhändler haben sie nicht zu befürchten, dass sich die neue Volksjustiz negativ auf die Nachfrage nach Gerichtsurteilen auswirkt. Das telemediale Bewerten und Beschimpfen ist ein Volkssport geworden, der schon deshalb kein Gegengewicht hat, weil die anonymen Bewerter sich selbst nicht beobachten lassen und auf Gegenargumente nicht antworten müssen. Sie haben also immer recht, solange es jemanden kümmert.

          Im akademischen Milieu dienten die Wachportale bisher Gesinnungskritikern, die mit einem identitätspolitischem Strafkatalog (Rasse, Geschlecht, Minderheitsstatus) Professoren maßregelten, die anders dachten als sie selbst und, wie im Fall des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler, akademische Reputationen vorübergehend empfindlich schmälerten. Die Vereinigten Staaten haben sich inzwischen einen Präsidenten eingehandelt, der für Frauen, Muslime und Afroamerikaner wenig mehr als Verachtung zeigt, und die Universitäten fragen sich selbst, ob sie mit ihrer aggressiven Identitätspolitik den Gegner aufgebaut haben.

          Das Drohpotential ist schwer einzuschätzen

          Nach den Verhaltensregeln mancher Universität reicht es für den Tatbestand des Rassismus, die Vereinigten Staaten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bezeichnen, in dem jeder es schaffen könne, was für Mexikaner, Inder und Muslime nun einmal nicht gelte. Wie weit die Schwelle des Rassismus ausgelegt wird, verdeutlichte die Literaturwissenschaftlerin Katherine Hayles, die es als „species chauvinism“ geißelte, einem Roboter die Lesefähigkeit abzusprechen. Der verschleierte Roboter mit Migrationshintergrund wird in dieser Lesart zu einem Kommilitonen, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte.

          Jetzt schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Die neu gestartete Website „Professor Watch List“ richtet ihren Argwohn gegen liberale Professoren, die konservative Studenten diskriminieren, antiamerikanische Werte vertreten und linke Propaganda in den Seminaren vertreten. Die Verdachtspersonen werden auf der Website mit Namen, Adresse und teils mit Foto geoutet. Wie immer bleibt das diffuse Unbehagen an den irrationalen Rezeptionsmechanismen im digitalen Kanalsystem, die das Drohpotential der Website schwer einschätzbar machen. Der Name der studentischen Organisation „Turning Point“, die „Professor Watch List“ aus der Taufe gehoben hat und nebenbei für einen minimalen Staat und maximale Marktfreiheit eintritt, verheißt nichts Gutes. Die liberale akademische Intelligenz muss erkennen, dass eine Identitätspolitik, die universale durch partikulare Rechte substituiert, von ihrem Gegner mit den gleichen Mitteln aufs Kreuz gelegt werden kann.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Judith Kerr wird 95 Jahre alt Video-Seite öffnen

          Dank einem Polizisten : Judith Kerr wird 95 Jahre alt

          Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist Pflichtlektüre für Generationen von Schulkindern in Deutschland geworden. Sie beschreibt darin die Flucht ihrer Familie aus Deutschland unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Jetzt ist die umtriebige Autorin 95 Jahre alt geworden.

          Topmeldungen

          Asyl-Streit in der Union : Wer siegt im Endspiel?

          Wie zwei Schnellzüge rasen CDU und CSU in der Asylfrage weiter aufeinander zu. Was könnte in den nächsten knapp zwei Wochen geschehen? Und wie könnte es Deutschland verändern? Vier Szenarien.

          EU-Reformpläne : Wer zu Merkel hält – und wer nicht

          Die Pläne von Merkel und Macron für einen gemeinsamen Haushalt der Währungsunion stoßen auf scharfe Kritik aus der CSU. Wer hält noch zur Bundeskanzlerin, wenn nicht die Schwesterpartei?

          Asylfrage : Kurz und Söder loben gemeinsame Haltung

          Die Haltung von Bayern und Österreich in der Flüchtlingsfrage sei in Europa „immer mehrheitsfähiger“ sagte der bayerische Ministerpräsident. Der österreichische Bundeskanzler bedankte sich für die Unterstützung aus München.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.