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Wachportale : Wutwechsel

Ist es jetzt schon chauvinistisch, einem Roboter die Lesefähigkeit abzusprechen? Das akademische Milieu ringt um gleiche Rechte für möglichst alle.

          In Großbritannien gab es jüngst Erregung über ein neues Richterbewertungsportal im Internet. Die Richter muss es nicht kümmern. Anders als Zahnärzte und Blumenhändler haben sie nicht zu befürchten, dass sich die neue Volksjustiz negativ auf die Nachfrage nach Gerichtsurteilen auswirkt. Das telemediale Bewerten und Beschimpfen ist ein Volkssport geworden, der schon deshalb kein Gegengewicht hat, weil die anonymen Bewerter sich selbst nicht beobachten lassen und auf Gegenargumente nicht antworten müssen. Sie haben also immer recht, solange es jemanden kümmert.

          Im akademischen Milieu dienten die Wachportale bisher Gesinnungskritikern, die mit einem identitätspolitischem Strafkatalog (Rasse, Geschlecht, Minderheitsstatus) Professoren maßregelten, die anders dachten als sie selbst und, wie im Fall des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler, akademische Reputationen vorübergehend empfindlich schmälerten. Die Vereinigten Staaten haben sich inzwischen einen Präsidenten eingehandelt, der für Frauen, Muslime und Afroamerikaner wenig mehr als Verachtung zeigt, und die Universitäten fragen sich selbst, ob sie mit ihrer aggressiven Identitätspolitik den Gegner aufgebaut haben.

          Das Drohpotential ist schwer einzuschätzen

          Nach den Verhaltensregeln mancher Universität reicht es für den Tatbestand des Rassismus, die Vereinigten Staaten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bezeichnen, in dem jeder es schaffen könne, was für Mexikaner, Inder und Muslime nun einmal nicht gelte. Wie weit die Schwelle des Rassismus ausgelegt wird, verdeutlichte die Literaturwissenschaftlerin Katherine Hayles, die es als „species chauvinism“ geißelte, einem Roboter die Lesefähigkeit abzusprechen. Der verschleierte Roboter mit Migrationshintergrund wird in dieser Lesart zu einem Kommilitonen, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte.

          Jetzt schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Die neu gestartete Website „Professor Watch List“ richtet ihren Argwohn gegen liberale Professoren, die konservative Studenten diskriminieren, antiamerikanische Werte vertreten und linke Propaganda in den Seminaren vertreten. Die Verdachtspersonen werden auf der Website mit Namen, Adresse und teils mit Foto geoutet. Wie immer bleibt das diffuse Unbehagen an den irrationalen Rezeptionsmechanismen im digitalen Kanalsystem, die das Drohpotential der Website schwer einschätzbar machen. Der Name der studentischen Organisation „Turning Point“, die „Professor Watch List“ aus der Taufe gehoben hat und nebenbei für einen minimalen Staat und maximale Marktfreiheit eintritt, verheißt nichts Gutes. Die liberale akademische Intelligenz muss erkennen, dass eine Identitätspolitik, die universale durch partikulare Rechte substituiert, von ihrem Gegner mit den gleichen Mitteln aufs Kreuz gelegt werden kann.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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